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775 Jahre Kleve

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Das Wasser von Bad Cleve

Das Wasser von Bad Cleve Kleve begeisterte als Kurstadt Könige, Prinzen, Fürsten, Philosophen, die durch die klassizistischen Anlagen flanierten. VON MATTHIAS GRASS Kaum sprudelte das Wasser, sprudelte auch bereits die Gästeschar: Inmitten der alten Parkanlagen Kleves war um 1740 eine Heilquelle entdeckt worden – und Kleve zog mit seiner besonderen Lage auf der bewaldeten Endmoräne über der Niederung die Gäste an. 1742 zählte der Klever Brunnenarzt und Entdecker der Quelle, Johan Heinrich Schütte, 85 Besucher, kurze Zeit später waren es 180 und 1751 schon 352, darunter Prinz Heinrich von Preußen, Herzog Ferdinand von Braunschweig , Friedrich II. der Große von Albert Richter (1845-1898): Badhotel, Wandelhalle und Friedrich-Wilhelm-Bad, 1882. Kolorierter Holzstich, Privatbesitz. Repros (2): Julia Lörcks Preußen, die Statthalter Wilhelm V. und Wilhelmina von Oranien und nicht zuletzt die „Lady Di“ des 18. Jahrhunderts, Prinzessin Luise von Mecklenburg-Sterlitz, die spätere Königin von Preußen, die alle Herzen ihrer Untertanen im Fluge eroberte. Ursula Geisselbrecht, künstlerische Leiterin des B.C. Koekkoek- Hauses, schrieb 1994 die „Lebensart derer Brunnengäste“ auf, die meist mehrere Wochen blieben und zur Heilung der allermöglichsten Krankheiten (von Skorbut über Gicht und Unfruchtbarkeit bis hin zur Verstopfung) nach Kleve kamen, um hier wie der große französische Philosoph Voltaire das Wasser zu schlürfen. Letzterer wollte gar eine Philosophen-Kolonie in Kleve ansiedeln. Die zogen aber schon damals das großstädtische Leben von Paris der Kle- ver Peripherie vor, so schön beschaulich sie immer war. Bald schon entstanden die Klever Kurbauten: Villen im Klassizismus, das Friedrich- Wilhelms-Bad und später dann das Kurhotel – beide sind heute das Museum Kurhaus Kleve. Es waren die Schönen und Reichen, die sich die Kur leisten konnten, große Hotels wie das Hotel Maywald erlebten ihre Blütezeit, betuchte Niederländer ließen sich in Kleve nieder, Künstler wie Barend Cornelis Koekkoek zogen hierhin und empfingen Sammler und Könige. Es war die neue Blüte der Stadt, die nur kurz von den französischen Revolutionstruppen unterbrochen wurde und erst mit der Industrialisierung nach dem Ersten Weltkrieg endete. Kleve hatte das Glück, dass die wunderbare Kette der Villen entlang der Tiergartenstraße, die wie ein Boulevard von der City ausgehend hinaus zu den Parks führt, den Krieg überdauerte und heute noch an das reizvolle Bad Cleve erinnern. Gruß aus Bad Cleve – 1911.

Kleve in Schutt und Asche. Erste Versuche, die Wunden des Krieges zu heilen, sind zu erkennen. Von der Unterstadtkirche stand nur noch die Nordwand. Fotos (2): MvO Blick in die Große Straße von heute. Nach der Zerstörung hatten sich die Geschäftsleute 1947 gegen einen „arkadenartigen Wiederaufbau“ gewehrt. Die Gesichter einer Stadt Am 7. Oktober 1944 versank das blühende Kleve in 42 Minuten in Schutt und Asche. VON PETER JANSSEN Nach den Worten des Historikers Leopold von Ranke sind die glücklichen Zeiten der Menschheit die leeren Blätter im Buch der Geschichte. Ab den 1940er Jahren waren die Seiten in der Chronik der Stadt Kleve zahlreich und eng beschrieben. Jede Stadt in Deutschland hat ihr Jahr 1945. Es war der Beginn einer Zeit, in der Trümmer weggeräumt wurden und Traumata blieben. In Kleve hat der 7. Oktober 1944 dafür gesorgt, dass die Bilder der Verwüstung den Menschen stets im Gedächtnis blieben. 700 Bomber hatten in 42 Minuten das in Schutt und Asche gelegt, was Generationen aufgebaut hatten. Der Mai 1945 wird als die Stunde Null bezeichnet. Mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht war die Chance auf den Neuanfang gegeben. Doch bevor überhaupt etwas entstehen konnte, galt es, die Reste wegzuräumen. Die Enttrümmerung war das vordringlichste Problem, das von den „Trümmerfrauen“ alleine nicht bewältigt werden konnte. Neben den fehlenden Arbeitskräften, um Straßen und Grundstücke von dem Schutt zu befreien, gab es auch keine Baustoffe für den Wiederaufbau. Diese wurden aus der Schwanenstadt aufs Land transportiert. Unzählige Lastwagen mit Ziegelsteinen und Stahlträgern verließen täglich die Stadt. Die Politik klagte, dass „der Ausverkauf Kleves“ in vollem Gange sei. Ein Grund dafür: Für 1000 Ziegelsteine gab es drei Zentner Kartoffeln. Die Verwaltung erhob den Vorwurf, dass die Verkäufer des Materials nicht immer die rechtmäßigen Eigentümer seien. Was in Kleve vorrangig benötigt wurde, war Wohnraum. Lediglich fünf Prozent aller Wohnungen waren unbeschädigt geblieben. Die Not führte dazu, dass sich kaum jemand an die Vorschriften hielt und wild sein Haus baute. Ohne behördliche Genehmigung wurden Baumaterial aus „unkontrollierten Quellen“ beschafft und Gebäude errichtet, die ohne Rücksicht auf ihr Umfeld hochgezogen wurden. Diese Häuser prägen noch heute wenig vorteilhaft Teile der Stadt. Was die öffentlichen Gebäude betraf, so blieb hier ebenfalls nichts übrig. Die Klever Kirchen etwa waren nahezu alle zerstört. Ohne Hoffnung auf Wiedererrichtung wurde die 1934 erbaute Christus- König-Kirche und die evangelische Hauptkirche an der Großen Straße zerbombt. Stifts- und Unterstadtkirche waren nur noch Ruinen, allein die Kapuzinerkirche im Spyck blieb unbeschadet. Nach mehr als neun Jahren Bauzeit fand am 20. November 1957 die Kirchweihe der Stiftskirche statt. Sie ist das bedeutendste Wahrzeichen Kleves neben der Schwanenburg, über deren Wiederaufbau da- mals heftig diskutiert wurde. Das Vorhaben stieß keineswegs auf uneingeschränkte Unterstützung. So gab es Stimmen, die angesichts der großen Not dagegen waren, Geld für historische Gebäude auszugeben. Dass die Burg wieder über Kleve thront, ist eng mit dem Namen Dr. Heinz Will verbunden. Der Rechtsanwalt war federführend daran beteiligt, dass am 1. November 1950 das Richtfest gefeiert werden konnte. Höhepunkt war die Krönung des Turmhelms mit dem 500 Jahre alten kupfergeschmiedeten Schwan. Fertiggestellt war sie am 4. November 1953. Für den Einsatz von Will werden die Klever dem Juristen stets dankbar sein, und sie hoffen darauf, dass die seit dem Wiederaufbau weißen Seiten im Buch der Geschichte unbeschrieben bleiben.

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