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Borussia! Jetzt geht's los! -ET 19.08.2017-

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F2 BORUSSIA –

F2 BORUSSIA – JETZT GEHTπS LOS SAMSTAG, 19. AUGUST 2017 ANALYSE Borussia muss gierig sein Trainer Dieter Hecking fordert von seinen Spielern mehr Gier auf Erfolg. Die fehlte in der vergangenen Saison in der entscheidenden Phase und soll jetzt den wesentlichen Unterschied ausmachen. VON KARSTEN KELLERMANN Vermutlich hat Dieter Hecking bei Borussias Papst-Audienz in Rom dem Heiligen Vater nicht alles erzählt. Vor allem nicht, dass er seine Spieler zur Sünde aufgerufen hat, gar zu einer, die der Katholizismus zu den Todsünden zählt. Auch die buddhistische Lehre definiert das, was Hecking fordert, als „Geistesgift“. Der Trainer will in der neuen Saison, die mit dem Derby gegen den 1. FC Köln beginnt, Gier von seinen Spielern. Die Gier auf Erfolg. Gier wird definiert als „ein seelischer Antrieb zur Behebung eines subjektiven Mangelerlebens mit dem damit verbundenen Aneignungsversuch des Gegenstandes oder eines Zustandes, welcher geeignet erscheint, den Mangel zu beheben“. Nun darf man festhalten, dass das Mangelerleben in Mönchengladbach, was die vergangene Saison angeht, nicht subjektiv, sondern kollektiv war, und zum zweiten auch feststellen, das in Toren, Punkten und Siegen materialisiert wird. Das sind die Bausteine des Erfolgs im Fußball. In der vergangenen Saison hat von allem ein bisschen gefehlt, was dazu führte, dass sich das Ganze trotz einer beachtlichen Rückrunde, einer starken Pokalsaison und einer durchaus an Höhepunkten reichen Europapokal-Saison wie eine Enttäuschung anfühlte. Man darf vermuten, dass hemmungslose Gier nach Erfolg mindestens an einer Stelle das mögliche Mehr eingebracht hätte: einen Europa-Platz in der Tabelle, die Reise nach Berlin, eine Runde mehr in Europa. „Such a little thing, but the difference it made, was grave“, heißt es in einem Song des Sängers Morrissey, und diese Kleinigkeit, die am Ende fehlte, machte das große Ganze unbefriedigend. Da Fußball aber nun mal ein Spiel ist, in dem auf höchsten Niveau Kleinigkeiten entscheiden (oder auch mal Maulwürfe, die aus Rasenflächen starren und Kopfballtore machen), ist es Heckings Ansatz, an der Stelle Abhilfe zu schaffen. Das bedeutet: An der Stelle, an der die Borussen in der vergangenen Saison noch etwas zu grün waren, müssen sie nun erwachsen sein und das Richtige zum richtigen Zeitpunkt tun. Und man muss auch mal unangenehm sein, nicht immer nett, das ist etwas, was den Borussen nachgesagt wird: zu nett zu sein. Vor allem aber müssen die Gladbacher wollen, unbedingt und bedingungslos wollen: erstens nicht zu verlieren und zweitens zu gewinnen. Teil eins der Ansage führt dazu, dass sich das Team nicht einfach in sein Schicksal ergibt und zur Not auch um einen Punkt kämpft. Teil zwei bedeutet: Nichts ersetzt Siege. Weder in der Tabelle noch im Kopf. Wer gewinnt, ist im Vorteil, in der Bilanz und mental. Beginnen wir mit der Bilanz. 45 zu 49 lautet die Tordifferenz der Borussen in der vergangenen Saison. Das war ein Schnitt von 1,3 erzielten und 1,4 kassierten Toren pro Spiel. Ein Plus von 0,2 an der ersten Stelle und ein Minus von 0,3 an der zweiten Stelle und die Sache ist eine ganz andere, wahrscheinlich sogar Europa. Denn die Teams, die 50 plus Tore erzielt und 40 minus bekommen haben, waren in der Vergangenheit international dabei. In Toren: Borussia muss den Ertrag um wenigstens fünf Treffer steigern und hinten neun Tore weniger kassieren, dann dürfte der Mangel behoben sein – in der Theorie. Die Praxis ist natürlich immer ein bisschen tückischer. Denn da gibt es etliche Faktoren, die schöne Theorien über den Haufen werfen können. Verletzungspech (wie in der Vorsaison) oder Gegner zum Beispiel, die meistens ja das gleiche Ansinnen haben wie die Borussen (nicht verlieren, möglichst gewinnen). Da kommt es dann auch auf den Kopf an. Sagen wir es platt: Borussia muss möglichst oft ihren eigenen Kopf durchsetzen (oder auch das eigene Spiel). Es geht darum, in den Flow zu kommen: Erfolg macht stark, und wer stark ist, hat Siegermentalität, und Siegermentalität führt eher zum Erfolg als die Angst vor der Niederlage. Borussia darf indes durchaus selbstbewusst sein und sagen: Der Kader ist gut. Es gibt eine sinnvolle Mischung im Team zwischen Alt und Jung, in Matthias Ginter wurde ein Spieler geholt, der mehr Stabilität geben und führen und mit Jannik Vestergaard ein ganz starkes Verteidiger-Duo bilden soll. Vincenzo Grifo hat Fähigkeiten, die so im Kader nicht vorhanden waren (Standards) und Denis Zakaria könnte genau der sein, der den Hecking-Wunsch nach Gier nahezu verkörpert mit seiner Art zu spielen. Hinzu kommen Jungspunde wie Mickael Cuisance, die von hinten Druck machen. Und der Rest ist ein Jahr weiter, gereifter also. Auch für Tore. Rechnet man durch, gibt es vier Kandidaten, die eine zweistellige Quote draufhaben: Raffael, Lars Stindl, Thorgan Hazard und auch Grifo. Auch den offensiven Außen darf man ein paar Tore zutrauen. Von der Doppelsechs könnten Denis Zakaria sowie Laszlo Bénes etwas beisteuern. Und dank der neuen Standard- Stärke ist von hinten eine Quote, die zwischen fünf und zehn liegt, vorstellbar. Dann wäre man bei 50 plus, ohne allzu kühn zu rechnen. Vor allem auf Lars Stindl wird es ankommen. Er hat beim Confed Cup den Erfolg gelebt, dieses Gen muss er nun in Gladbach implantieren. Doch da ist eben auch das Aber, die offenen Fragen: Bleiben die Leistungsträger gesünder als in der abgelaufenen Spielzeit? Schafft Ginter tatsächlich den Schritt zum echten Boss? Bleibt Vestergaard so stabil wie in der Rückrunde der Vorsaison? Kann Grifo seine Freiburg-Qualitäten auf Gladbacher Verhältnisse übersetzen? Schafft Zakaria den Sprung in die Bundesliga, oder braucht er mehr Zeit, wie einst Granit Xhaka? Sind die Jungspunde wirklich die zweite Reihe, die bei Bedarf etwas bewegen kann? Schaffen die Offensiven die nötige Quote oder fehlt ein Knipser? Und kann Stindl seinen Lauf fortsetzen trotz der für ihn erstmals so kurzen Vorbereitung und des Drucks, der auf ihm lastet, der große Leader sein zu müssen? Und kann Hecking seinen Spielern die nötige Gier vermitteln? Beim Pokalspiel in Essen, das widrig lief, schien es so. Borussia drehte das Spiel noch zum Sieg. Die allgemeine These lautet, dass es eine sehr enge Saison werden wird in einer sehr ausgeglichenen Liga. Christoph Kramer hat gesagt, es werde eine Spielzeit zwischen „Chance und Risiko“. Der Chance, ganz viel zu erreichen, aber auch das Risiko, am Ende wieder enttäuscht zu sein, weil zu viele Kleinigkeiten nicht klappten: kurz: Borussia hat Potenzial, jedoch keine Garantie. Die „Gier nach Erfolg“ kann den Unterschied machen. Und im Sport ist es nichts Verwerfliches, gierig zu sein und Punkte zu fressen wie ein hungriger Pac-Man, sondern eine Tugend. Darum hatte Dieter Hecking bei der Papst-Audienz auch nichts zu befürchten.

SAMSTAG, 19. AUGUST 2017 BORUSSIA – JETZT GEHTπS LOS F3 Borussias Spieltag-eins-Album Zehn Geschichten, die der erste Spieltag schrieb. VON JANNIK SORGATZ Eigentlich soll 1860 München Borussias erster Gegner in der Bundesliga werden. Doch die Aufstockung der Liga auf 18 Vereine ändert die Pläne des DFB, los geht es am 14. August 1965 im Ellenfeldstadion in Neunkirchen. Erstes Tor durch Gerhard „Amigo“ Elfert, Rot für Albert Jansen, gehaltener Elfmeter durch Manfred Orzessek – Borussia hakt gleich einige erste Male ab. Nur mit dem ersten Sieg klappt es noch nicht, das Spiel endet 1:1. Der erste Spieltag, der offiziell der zweite ist: Die Saison läuft bereits eine Woche, als Borussia am 16. August beim 1. FC Kaiserslautern einsteigt. Die Partie des ersten Spieltags gegen den Hamburger SV ist auf den 19. August verschoben worden, weil Gladbach die lukrative Einladung zu einem Turnier mit der PSV Eindhoven, dem RSC Anderlecht und Gremio Porto Alegre wahrnimmt. Auf 100.000 Mark Prämie verzichtet der Klub damals nur ungern. Sportlich ist der Test auch ein Erfolg, die Quittung scheint Borussia aber in den ersten Wochen der Saison zu bekommen: Der erste Sieg gelingt erst Ende September am achten Spieltag – nie dauert es länger. Peter Meyer (rechts) bejubelt mit Herbert Laumen einen seiner drei Treffer beim Torfestival gegen Schalke 1967. FOTO: IMAGO 1967: Den Ruf einer „Torfabrik“ hat Borussia nach zwei Jahren Bundesliga bereits weg, als sie am ersten Spieltag zum FC Schalke muss. Entsprechend torreich geht es zu: Mehr Tore als beim 4:3-Erfolg der Mannschaft von Hennes Weisweiler werden in einem Gladbacher Auftaktspiel nicht mehr fallen. Peter Meyer trifft dreimal und schreibt später eine der tragischsten Geschichten in Borussias Historie: Mit 19 Treffern in 18 Spielen auf dem Konto bricht sich der Zugang von Fortuna Düsseldorf Anfang 1968 das Schien- und Wadenbein bei einem DFB- Lehrgang. Anderthalb Jahre später ist ihm nur noch eine weitere Halbzeit im Profifußball vergönnt, zu groß sind die Schmerzen. „Grashoff und Werner raus“, steht auf einem Plakat in der Nordkurve. Im Laufe des Spiels gegen den 1. FC Kaiserslautern verschwindet es jedoch, denn Borussia schießt sich mit einem 4:1 gegen den FCK an die Tabellenspitze. Früher als an jenem 23. Juli beginnt keine Gladbacher Saison. Insgesamt läuft es am ersten Spieltag im Schnitt übrigens einen Tick schlechter als in der gesamten Bundesliga-Historie des Klubs: 1,45 im Vergleich zu 1,47 Punkten. Das Torverhältnis ist mit 70:69 Toren fast ausgeglichen, die Bilanz mit 18 Siegen, 17 Unentschieden und 14 Niederlagen aber positiv. Nur 2015 kassiert Borussia zum Start ebenfalls eine Niederlage mit vier Gegentoren, nach dem 0:4 gegen Borussia Dortmund ist sie anders als nach dem 0:4 gegen Eintracht Frankfurt aber nicht Letzter. Die Aufbruchstimmung unter Bernd Krauss ist nach der Klatsche gleich dahin. Immerhin punktet Borussia im Jahr darauf nach fünf Auftaktpleiten in Folge mal wieder – und lässt direkt eine positive Rekordserie folgen. Erst 2005 geht wieder ein erster Spieltag verloren. 2001: Da die Saison wegen der früh beginnenden WM in Japan und Südkorea schon am 4. Mai enden muss, beginnt sie mitten in den Sommerferien. Borussia meldet sich am 28. Juli 2001 in der Bundesliga zurück. Der FC Bayern ist als Champions- League-Sieger auf dem Bökelberg zu Gast und verliert durch Arie van Lents wunderbares Tor 0:1. Es ist das erste Mal, dass sich die großen Rivalen der 70er am ersten Spieltag treffen, seitdem sollte die DFL vier weitere Male diesen Einfall haben. An der Spitze liegt jedoch der FC Schalke, der achtmal Borussias Auftaktgegner war. So kann man sich zurückmelden: Arie van Lent schießt Borussia nach dem Wiederaufstieg zum Sieg gegen Bayern. FOTO: WIECHMANN Udo Lattek (rechts) und Helmut Grashoff in Hannover 1975. FOTO: IMAGO 1975: Da Borussia in Wolf Werner erst Ende 1989 einen Trainer entlässt, feiern Hennes Weisweilers Nachfolger ihre Premiere zwangsläufig am ersten Spieltag. Udo Lattek ist der erste, unter ihm gibt es ein 3:3 bei Hannover 96. Dreimal führt Borussia, dreimal kassiert sie den Ausgleich – auch eine einmalige Geschichte am ersten Spieltag. 1979 sitzt Jupp Heynckes bei einem 1:1 gegen den FC Schalke zum ersten Mal auf der Bank, Werner verliert 1987 2:5 beim 1. FC Nürnberg. Fast 20 Jahre vergehen, bis Gladbach mal wieder nach einer Saison den Trainer wechselt. Heynckes‘ zweites Intermezzo beginnt 2006 mit einem 2:0 gegen Energie Cottbus. Als bislang letzter Borussia-Trainer legt Michael Frontzeck 2009 am ersten Spieltag los, und das höchst kurios: Zur Pause führt seine Mannschaft 3:0 beim VfL Bochum und ist Tabellenführer. Am Ende steht es 3:3. 1998: Seit der letzten Meisterschaft vor 40 Jahren war Borussia noch genau fünfmal Tabellenführer, dreimal davon nach dem ersten Spieltag – so wie 1998. Toni Polster und Jörgen Pettersson sorgen bereits nach zehn Minuten für eine 2:0-Führung gegen Schalke, Matthias Hagner trifft in der 83. Minute zum 3:0-Endstand. Der Sprung an die Spitze ist für sich also schon ein seltenes Ereignis, was Borussia anschließend bewerkstelligt, ist aber einmalig: Bis zum 22. November gibt es elf Spiele in Folge keinen Sieg. Und am Ende? Steigt der VfL als Letzter erstmals in der Vereinsgeschichte ab. Wer zuerst lacht... steigt am Ende ab. Toni Polster freut sich über die Tabellenführung nach dem 3:0 gegen Schalke im Jahr 1998. FOTO: IMAGO Noch später als gegen die Bayern feiert Borussia ihre Derby-Premiere zum Auftakt. Die letzte Bökelberg-Saison beginnt mit einem 1:0 gegen den 1. FC Köln. Am Sonntag gibt es also die zweite Auflage. Von allen bisherigen Gegnern teilte Gladbach am häufigsten mit Hertha BSC die Liga, ohne sich am ersten Spieltag zu treffen, exakt 30 Jahre. 2011: Mit diesem Tor beginnt Borussias erfolgreiche Neuzeit, erzielt von dem Mann, der 16 teils schlimme Jahre kurz zuvor im Mai zu Ende gebracht hat. Da Igor de Camargo in der Relegation gegen den VfL Bochum sein wichtigstes Tor für Gladbach erzielte, bleibt dem 1:0 beim FC Bayern am 7. August 2011 nur der zweite Platz. In der Zeit danach landet Borussia stets auf einem einstelligen Tabellenplatz, das schafften nur Borussia Dortmund und die Bayern. De Camargo ist inzwischen 34 Jahre alt und schießt seine Tore für Apoel Nikosia auf Zypern. Igor de Camargo ist vor Nationaltorwart Manuel Neuer am Ball und trifft zum Sieg in München. FOTO: DPA IMPRESSUM. Verlag: Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH, Zülpicher Straße 10, 40196 Düsseldorf, Geschäftsführer: Dr. Karl Hans Arnold, Patrick Ludwig, Hans Peter Bork, Johannes Werle, Tom Bender (verantwortl. Anzeigen), Stephan Marzen, Druck: Rheinisch-Bergische Druckerei GmbH, Zülpicher Straße 10, 40196 Düsseldorf, Anzeigen: Verkaufsleitung: Michael Klepacz, 02161 244 220, michael.klepacz@rheinische-post.de, Redaktion: Denisa Richters (verantwortl.), Karsten Kellermann, Jannik Sorgatz und Jan Schnettler, Layout/Illustration: Angelika Schreiber, Rüdiger Quast. Kontakt: 02161 244250, redaktion.moenchengladbach@rheinische-post.de.

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