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Borussia! Jetzt geht's los! -ET 19.08.2017-

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F6 BORUSSIA –

F6 BORUSSIA – JETZT GEHTπS LOS SAMSTAG, 19. AUGUST 2017 INTERVIEW THOMAS LUDWIG Fans müssen sich der Verantwortung bewusst sein“ Die vergangene Saison zeigte, dass es in Borussias Fanszene Risse gab. In der Sommerpause wurde daher viel gesprochen und der „Borussen- Kodex 2.0“ erarbeitet. Darüber, über verschobene Erwartungshaltungen und das neue Verhältnis zu den Kölner Fans spricht Thomas Ludwig, der Vorsitzende des FPMG Supporters Clubs im Interview mit Karsten Kellermann und Jannik Sorgatz. Und er sagt, warum die Europa-Reisen der vergangenen Jahre auch ernüchternd waren. Herr Ludwig, in der Sommerpause gab es eine Zusammenkunft der Fans. Dabei wurde der Borussen-Kodex aus dem Jahr 2007 überarbeitet. Warum war das nötig? LUDWIG Es war wichtig, wieder eine gemeinsame Kommunikationsbasis zu finden. Ende letzter Saison war schon ein ziemliches Drama. Es war das erste Mal seit langem, dass es unter den Fans Streitigkeiten gab. Der Tiefpunkt war dann das Darmstadtspiel, nach dem sich die traditionelle Fanszene stark gegen die Ultra-Szene positioniert hat – und umgekehrt. Dann gab es die Probleme zwischen dem Verein und den Ultras. Daher war es dringend notwendig, sich mal zu resetten. Der Kodex stammt ja quasi aus einer anderen Zeit – darum war es gut, ihn zu überarbeiten und anzupassen. Was genau wurde verändert? LUDWIG Als der Kodex erstellt wurde, war der Schwerpunkt, Regeln für das neue, große Stadion zu erstellen. Denn damals, nach der WM 2006, kamen ja viele Leute ins Stadion, die sich vorher so nicht für Fußball interessiert hatten. Nun ging es darum, den Kodex zu detaillieren. Zum einen, um sich zu positionieren auch hinsichtlich der Entwicklung des Fußballs zum Event. Das passt vielen Fans nicht. Darum ist im neuen Kodex klar die Formulierung, dass wir diese Entwicklung ablehnen und dass die Nordkurve bei gewissen Events außen vor bleibt. Heißt? LUDWIG Zum Beispiel mit Fahnen eines Sponsors zu wedeln. Es soll ganz einfach ein deutliches Zeichen sein, dass wir als Fanszene nach wie vor eine eigene Meinung haben. täuschung auf hohem Niveau war. Sie sprechen vom Ende eines Zyklus. Ist da nun die Angst, dass es wieder bergab geht? LUDWIG Ich würde nicht sagen bergab. Aber ich denke, die Nische, in der wir waren, die ist nun geschlossen. Wir haben ja auch davon profitiert, dass andere gepatzt haben – das muss man ganz realistisch sagen. Es waren tolle Erlebnisse. In der Champions League zu spielen, war ein Geschenk. Und das weiß auch jeder. Aber ist es nicht so, dass sich die Ansprüche verschoben haben? Und zwar nicht nur bei den Event-Fans. LUDWIG Man muss ja zugeben: Auch wir, die wir in den 70ern Borussia-Fans geworden sind, waren Erfolgsfans. Auch in den 80ern war es ein gewisses Selbstverständnis, international zu spielen. Den richtigen Abstieg gab es dann ja erst in den 90ern und dann die 15 Jahre voller Abstiegsangst. Da war der Verein aber tatsächlich am Boden. Heute sind wir viel, viel weiter, weil der Verein vieles richtig gemacht hat. Haben die Erfolge der vergangenen Jahre die Fanszene verändert? Gibt es eine neue Fankultur? LUDWIG Die Fankultur Borussias ist davon geprägt, dass wir viele Generationen vereinen, die auch aktiv im Stadion sind. Dann ist die Fankultur geprägt von Leidensgeschichten, die es immer wieder gab, aber auch von Treue und Zusammenhalt. Gerade das, was es 1999 nach dem Abstieg gegeben hat, war wesentlich. Damals haben wir Fans die Aktion ,Wir sind Borussia‘ initiiert. Der Abstieg hat tiefe Emotionen ausgelöst, die nur wir Fans auffangen und die Leute mitnehmen konnten. Wir haben den Verein über eine Brücke getragen, wo andere Vereine womöglich abgestürzt wären. Leiden, Trauer, Zusammenhalt – alle drei Faktoren sind durch die Entwicklung der vergangenen Jahre weggebrochen. Gibt es ein Selbstverständnisproblem? LUDWIG Was die vergangene Saison angeht, muss man sagen: Sie war für uns alle sehr, sehr anstrengend, und wir wurden am Ende für nichts belohnt. Das muss man bedenken bei der Bewertung. Es gibt sehr viele Leute, die alle 51 Spiele gesehen haben. Und wenn man dann am Ende mit leeren Händen dasteht oder mit dem Gefühl der Enttäuschung, hinterfragt man sich vielleicht auch: Ist das alles richtig, was ich hier mache? Was ist denn Erfolg für Borussia? LUDWIG Nur die Meisterschaft als Erfolg anzusehen, wäre ja illusorisch. Der Europapokal kann natürlich ein Ziel sein. Aber Erfolg ist für einen Klub wie Borussia auch, sorgenfrei zu sein. Die 15 Jahre, in denen wir nicht wussten, ob wir absteigen oder nicht, waren natürlich anstrengend. Ist es für einen Supporters Club Borussias Fans haben ihren Kodex erneuert. Der Fanprojekt-Vorsitzende Thomas Ludwig (Bild oben links) erklärt, was sich verändert hat. FOTOS: IMAGO, DIRK PÄFFGEN leichter, im Misserfolg zu handeln? LUDWIG Sicherlich steht man in der Sorge enger zusammen, und die Ansprüche sind nicht so hoch. Auch 2011, als die Initiative den Verein übernehmen wollte, sind alle Fangruppen zusammengerückt. Ebenso wie beim vorletzten Derby, als wir nicht nach Köln durften. Immer, wenn eine gewisse Bedrohung da ist, ist es leichter, zusammenzustehen. Im Erfolg verwässert das wieder. Im Erfolg kommen aber auch noch mehr die Fans, die von der aktiven Szene als Erfolgsfans tituliert werden. Ist das das Problem? LUDWIG Ein Aspekt, den wir im Borussen-Kodex vereinbart haben, ist Respekt untereinander. Das ist bei dem Gespräch über die Neugestaltung des Kodex, bei dem ältere Fans, gemäßigte Fans, aber auch Ultras dabei waren, herausgekommen. Es war sehr fruchtbar, diese Leute zusammenzuholen. Wir sagen: Respektiert die traditionelle Fanszene und ihre gewachsene Struktur. Dieser Respekt ist wichtig – allerdings gegenüber jedem Fan, der ins Stadion geht. Mit dem Respekt wollen wir den Zusammenhalt unter den Fans wiederherstellen. Trotzdem: Angesichts der neuen Mischung der Fans im Stadion fällt das nicht leicht. LUDWIG Das erste Prinzip, das wir als FPMG Supporters Club verfolgen, ist, Gewalt aus den Stadien herauszuhalten. Es geht darum, nicht unterwandert zu werden, und das kriegen wir durch unseren Selbstregulierungsansatz gut hin. Wir als FPMG stellen klare Werte dar, die wir im Stadion leben wollen. Das gilt für alle. Darum verurteilen wir auch keine Ultra-Kultur. Wir verurteilen jede Tendenz in jeder Fangruppe, die unsere Werte verletzt. Kommt das Derby gegen Köln zu Beginn ganz recht für den Neustart in der Fanszene? LUDWIG Es ist sicherlich das ideale Spiel, um gleich wieder eine geschlossene Kurve zu haben. Wie ist es mit dem Selbstverständnis des Fanprojekts nach der Aufteilung in den Supporters Club und das Fanprojekt De Kull? LUDWIG Es hat uns zunächst mal getroffen, dass das Finanzamt gesagt hat, dass Fanarbeit keine gemeinnützige Arbeit ist. Wir mussten uns danach neu formieren, was aber einfach war. Denn wir hatten 1988, bei unserer Gründung, die Jugendarbeit nur als einen Teil unserer Arbeit definiert. Der Rest bleibt ja trotz der Aufteilung, wie der Einsatz für Gewaltfreiheit im Stadion. Wir sehen uns inzwischen als Moderator, der die einzelnen Strömungen in der Fanszene gegenüber dem Verein vertritt. Provokant gefragt: Als erweitertes Ticketportal versteht man sich aber nicht? Denn viele Fans sind Mitglied des Supporters Club geworden, um die Vorteile bei der Ticketvergabe zu nutzen. LUDWIG Sicher nicht. Aber über das Thema, wer Tickets bekommt und wer nicht, können wir Stunden und Tage diskutieren. In England zum Beispiel wird ausgelost. Wir haben uns für den Weg entschieden, zu sagen, dass die Leute, die Borussia auch in schweren Zeiten begleitet haben, jetzt nicht leer ausgehen. Das wäre in unseren Augen nicht gerecht. Ich war zum Beispiel zu Tränen gerührt, als ich beim Champions-League-Spiel gegen Turin mit den gleichen Leuten zusammen war, die Jahre vorher auch in Cottbus dabei waren, als Dante dort das rettende 1:0 machte. Das hat mir gezeigt, dass wir viel richtig gemacht haben. Was nicht richtig lief, soll nun der neue Kodex regeln. LUDWIG Ja. Wichtig ist noch die Passage, die besagt, dass wir Streitigkeiten innerhalb der Fanszene nie außerhalb austragen dürfen. Das hat am Ende der vergangenen Saison nicht geklappt, da wurde nicht mehr miteinander, sondern nur übereinander gesprochen. So konnten die Dinge, die die Leute bewegt haben, nicht mehr im direkten Dialog gelöst werden. Da wollen wir wieder hinkommen. Wichtig ist uns auch, dass die Meinungsfreiheit in der Kurve bestehen bleibt. Wir wollen uns unsere Meinung nicht verbieten lassen. Aber wir müssen auch das Selbstverständnis haben, dass eine Choreo oder ein Spruchband die Meinung aller spiegeln muss. Das bedeutet, sich auch der Verantwortung bewusst zu sein. Das ist gerade in der heutigen Zeit sehr, sehr wichtig. Welche Entwicklungen im Verein sind der Fanszene ein Dorn im Auge? LUDWIG Worüber wir aktuell immer mehr mit dem Kopf schütteln, ist das Thema Social Media. Das beste Beispiel: Wir scheiden gegen Schalke aus dem Europapokal aus und am nächsten Tag ist St. Patrick’s Day und Borussia postet ein lustiges Bild von Patrick Herrmann. So etwas geht nicht. Dass der Verein den Usern etwas anbieten muss, okay – aber man muss Fingerspitzengefühl haben. Was uns auch nicht gefallen hat, die Geschichte mit dem ,German Team‘ so extrem auszuschlachten. Das war an dem Tag lustig, aber dann nicht mehr. Vor allem nicht, als auch noch Gigi Buffon ins Spiel kam. Das war einfach zu viel. Das ist die voranschreitende Kommerzialisierung. Es wird weitergehen. Stichwort Hotelbau oder Anteilsbeteiligung von Sponsoren. LUDWIG Das mit dem Hotel finde ich positiv – und an der Gestaltung der Fohlenwelt sind wir als FPMG Supporters Club beteiligt. Das ist eine intelligente Form, Einnahmen zu generieren. Wir haben ja immer gesagt, dass es schade ist, dass wir in unserer Stadt nichts haben, wo man Borussia erleben kann. Grundsätzlich muss man sagen: Borussia ist sehr offen, die Fans dürfen nah dran sein, siehe zum Beispiel das Trainingslager am Tegernsee. Was das mit den Anteilen angeht: Ich sehe da aktuell keine Tendenzen. Und wenn, dann entscheiden ohnehin die Mitglieder darüber. In der Satzung ist eindeutig geregelt, dass die Mitgliederversammlung darüber abstimmen muss. Sehr emotional ist die Rückkehr von Puma. Wir sind auch mit Puma im Gespräch und haben klargemacht, dass man da sensibel sein muss mit den Emotionen der Fans. Wir dürfen nicht veralbert werden. Auch an der Stelle gilt es, die Werte, die Borussia hat, zu stützen. Also wieder Respekt und Verantwortung. LUDWIG Natürlich. Man darf nicht vergessen, dass Borussia viel Sympathie hat. Darauf dürfen wir stolz sein. Wie in Rom. Da waren 10.000 Fans und haben friedlich gefeiert. Ein paar Wochen später war Feye- Wie kann man erklären, dass sich die Fanszene derart auseinanderdividiert hat? Eigentlich sind doch alle Borussen. LUDWIG Es ist auf verschiedenen Ebenen zu erklären. Zum einen ist da der Frust über das verlorene Pokalhalbfinale. Das war vielleicht die letzte Chance, in dem Fünf-Jahres- Zyklus, der mit Lucien Favre begonnen hat, etwas Großes zu reißen. Berlin wäre für uns alle eine große Sache gewesen, um sich zu präsentieren. Jeder schwärmt von der Spanischen Treppe in Rom – und das wäre sicherlich eine ähnliche Dimension gewesen. Dass es nicht geklappt hat, hat viele Menschen enttäuscht, auch, wenn es eine Entnoord Rotterdam da und hat die Stadt auseinandergenommen. Rom ist ein gutes Beispiel, weil es sportlich tragisch verlief. Also typisch für Borussia. LUDWIG Mein persönliches Erweckungserlebnis war diesbezüglich Real Madrid. Das 0:4 nach dem 5:1 im Hinspiel. Mein Kumpel hat damals gesagt: Schluss mit Borussia. Ich habe gesagt: Ich bleib dabei. Schalke in der vergangenen Saison mit dem Maulwurf-Tor passt ja in diese Reihe. Frankfurt war schon eher blöd … … wie 1987 das Scheitern im Heim- Halbfinale des Uefa-Cup gegen Dundee United. LUDWIG Ja, auch so etwas gehört zu Borussia. Am Rande des Derbys gegen Köln ging es in den vergangenen beiden Jahren ruhig zu. Wem ist das zu verdanken? Der Vernunft? Oder der guten Arbeit aller Beteiligten? LUDWIG Gerade die beiden Derbys mit den Fan-Verboten haben geholfen, sich zu hinterfragen. Ist es wirklich das, was wir wollen? Wir haben uns vor dem letzten Derby seit langem wieder mit dem Kölner Fanprojekt getroffen. Es war vorher in den Derbys, wo es eskaliert ist, auch so, dass nicht miteinander, sondern nur übereinander gesprochen wurde. Jetzt haben wir uns zusammengerauft. Initiiert wurde das Gespräch von unserem Sprecher Dirk Kramer. Das Treffen hat richtig gut getan, weil wir sehr intensiv über alles gesprochen haben, was passiert ist. Aus Sicht der Fan-Betreuung, wirken wir wieder sehr stark zusammen und sind uns einig, dass wir keine Gewalt bei den Derbys wollen. Wichtig ist auch, dass der 1. FC Köln nun auch mehr darauf achtet, wer da ins Stadion geht. Es geht nicht darum, sich gegenseitig in den Armen zu liegen, aber es muss eine gesunde Rivalität sein, die es möglich macht, sich auf die Spiele zu freuen. Alles andere brauchen wir nicht. Nun spielt der 1. FC Köln seit langem wieder international und Borussia nicht. Fühlt sich das komisch an nach Jahren, in denen Borussia über Köln stand? LUDWIG Im Lauf der vergangenen Saison war das schon ein wenig nervig. Köln hat halt ausgenutzt, dass wir und andere geschwächelt haben, sie haben das gemacht, was wir vorher gemacht haben: die Nische genutzt, die sich aufgetan hat. Was mir aber gefällt: Die Kölner gehen die Sache mit einer guten Portion Demut an. Das finde ich gut. In der vergangenen Saison ging das Heim-Derby 1:2 verloren. Da hat Borussia noch etwas gut zu machen. Und es ist gleich der Höhepunkt der Saison. LUDWIG Vor allem ist das Derby gleich zu Beginn ein guter Gradmesser, wo man steht. Es kann auch Weichen stellen, positiv wie negativ, je nachdem wie es ausgeht. Ansonsten freut man sich auch auf die kleinen Dinge, die wiederkommen: die schöne Atmosphäre im Polizei- Sportverein in Stuttgart oder die ICE-Party auf der Rückfahrt von Hannover. Was uns freut, ist, dass wir am letzten Spieltag beim HSV antreten – da ist Hafenfest in Hamburg. Trotzdem: Fehlt der Europacup? LUDWIG Was heißt fehlen? Viele, mit denen ich gesprochen habe, sagen auch: Lass uns ruhig mal ein bisschen ausruhen. Und man muss ja auch sagen: Der Europapokal ist Kommerz pur. Richtig coole Auslandstouren gibt es nicht mehr im eigentlichen Sinne, wie früher. Lodz, das Nebelspiel. Oder das Spiel in Magdeburg. Der Charme solcher Reisen ist nicht mehr da. Zum Beispiel fand ich die Atmosphäre in Turin grausam. Glasgow war natürlich genial. Sagen wir es so: Erlebnisse wie das Hinspiel gegen Barcelona waren grandios, die Reise nach Barcelona ernüchternd, nicht nur sportlich. Kurios ist: Das Erreichen des Europapokals hat uns in mancher Hinsicht auch die Augen geöffnet.

AMSTAG, 19. AUGUST 2017 BORUSSIA – JETZT GEHTπS LOS F7 Der Spielaufbau ist Borussias unterschätzte Waffe Taktikexperte Tobias Escher beschreibt, wie Trainer Dieter Hecking die Stärken des Kaders zur Geltung bringt. Heutzutage wechseln Bundesliga- Vereine ihre Trainer schneller als manche Formel-Eins-Teams ihre Reifen. Mit dem Trainer ändert sich meist auch die Taktik. Nur wenigen Klubs gelingt es, langfristig einen Spielstil zu prägen. Borussia Mönchengladbach gehört zu den wenigen Teams, über die sich sagen lässt: Es gibt sie, die typische Gladbach-Taktik! Lucien Favre installierte diesen Spielstil, als er den Verein vor dem Abstieg rettete. In Ermangelung klassischer Strafraumstürmer ließ er mit zwei beweglichen Spitzen spielen. Diese sollen sich innerhalb des 4-4-2-Systems viel bewegen und häufig zurückfallen lassen. Gegen den Ball zeichnete Favres Gladbacher eine hohe Kompaktheit aus, zwischen Abwehr- und Mittelfeldlinie passte kein Blatt Papier, geschweige denn ein gegnerischer Angreifer. Sobald der Ball gewonnen wurde, ging es schnell. „Klatsch-und-Pass“ lautete der taktische Leitspruch, der in Gladbach kreiert wurde: den Ball vertikal nach vorne passen, dort legt ein Stürmer den Ball auf den nachrückenden Mittelfeldspieler ab – „klatschen lassen“ in der Fußballersprache. Danach wird der Ball sofort wieder nach vorne gepasst – „Klatsch-und-Pass“ eben. Dieter Heckings wohl größte Errungenschaft in der vergangenen Rückrunde war es, dieses System wieder auszugraben. Unter André Schubert waren die typischen Gladbacher Stärken – hohe Kompaktheit, die Beweglichkeit der Stürmer – verloren gegangen. Im neuen, alten System zeigte Gladbach wieder mehr Zug zum Tor, konnte zudem auf das perfekt harmonierende Sturmduo Lars Stindl und Raffael bauen. Dieter Hecking hat das alte Favre-System ausgegraben und auf seine Weise angepasst. Trainerveteran Hecking hat jedoch auch einige Neuerungen mitgebracht. Gladbach verteidigt mannorientierter, das heißt, die Verteidiger verfolgen ihre Gegenspieler eher, als den Raum zu decken. Diese Spielweise ist noch immer stärker am Raum orientiert als unter Vorgänger Schubert, der auf rigorose Manndeckungen setzte; allerdings weniger raumorientiert als unter Favre. Zudem fokussieren Heckings Gladbacher stärker das Flügelspiel. Die Außenstürmer orientieren sich an der Auslinie und ziehen nur selten in die Mitte. Häufig versucht Gladbach, auf einem Flügel eine Überzahl zu schaffen und von dort aus an die Grundlinie zu gelangen. Die flachen Hereingaben sollen entweder die Stürmer oder die nachrückenden Mittelfeldspieler verwerten. Die nachrückenden Läufe aus dem Mittelfeld soll vor allem Zugang Denis Zakaria beisteuern. Er überzeugte in den Testspielen als dynamischer und aggressiver Sechser. Christoph Kramer kann dadurch eine spielgestaltendere Rolle übernehmen. Der zweite wichtige Zugang, Matthias Ginter, fügt sich nahtlos in den flachen Spielaufbau der Fohlen ein. Der Spielaufbau ist ohnehin eine der unterschätzten Waffen der Gladbacher: Dank ihres spielstarken Mittelfelds und den sich ständig FOTO: DPA zurückfallenden Stürmern gibt es im Aufbau viele Wege nach vorne. Die Verteidiger warten geduldig, bis sich die Möglichkeit für das Spiel nach vorne ergibt. Gladbach dürfte auch in der neuen Saison in vielen Spielen ein Ballbesitzplus haben. Hecking möchte in der neuen Saison auch mit neuen Stärken punkten: In der Vorbereitung hat er einige Alternativsysteme eintrainieren lassen. Gerade gegen übermächtige Gegner wie die Bayern könnte ein 5-3-2-System zum Einsatz kommen. Hierbei sichert eine Dreifach-Sechs vor einer Drei- Mann-Innenverteidigung ab, die Kontrolle über das Zentrum ist dementsprechend hoch. Auch ein 4-3-3-System ist möglich. Traditionell flexibel ist Heckings Trainerteam auch bei den Standards. Es lässt sich viele Varianten einfallen. Mit Vincenzo Grifo hat Gladbach einen starken Standardschützen verpflichtet. Gegnerische Standards verteidigt Gladbach in einer Manndeckung. Aus taktischer Sicht war die Vorbereitung jedoch nicht nur eitel Sonnenschein. Gladbach verteidigt zwar kompakt, lässt dabei aber manchmal den Druck auf den Gegner vermissen. Leicester City hebelte beim 2:1-Testspielsieg mit einem langen Ball auf Jamie Vardy die hochstehende Gladbacher Abwehr aus. Bei Heckings vergangenen Stationen wurde zudem mit der Zeit der Fokus auf Flügelangriffe problematisch. Viele Gegner stellten sich darauf ein, indem sie Heckings Teams Pressingfallen auf den Flügeln stellten. Das vielleicht größte Fragezeichen: Das Gladbacher Spielsystem baut stark auf den Stärken einzelner Spieler auf. Für Raffael und Stindl gibt es allenfalls Thorgan Hazard als halbwegs gleichwertigen Ersatz, Kramers Rolle als spielstarker Sechser ist kaum zu ersetzen, die Offensivläufe von Linksverteidiger Oscar Wendt ebenso wenig. Bislang gibt es aber keinen taktischen Plan B, mit dem man diese Spieler ersetzen könnte. Wenn sich die Schlüsselspieler verletzen, droht ein ähnlich tristes Szenario wie in der vergangenen Hinserie. Momentan sind aber alle wichtigen Spieler an Bord. Heckings Team wird versuchen, oben anzugreifen. Mit einer großen Portion Gladbach-Stil und einer kleinen Prise Hecking. So orientieren sich die Borussen in Heckings 4-4-2. FOTOS: SPIELVERLAGERUNG.DE Aus dem Leicester-Spiel: Die beiden Viererketten stehen eng, üben aber zu wenig Druck aus, um den Pass zu verhindern.

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