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Europäischer Adipositas-Tag -19.05.2018-

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Europäischer Adipositas-Tag

Europäischer Adipositas-Tag ZIEL: ANERKENNUNG VON ADIPOSITAS ALS CHRONISCHE KRANKHEIT VON PATRICK JANSEN „Dicke Menschen sind faul, willensschwach, undiszipliniert und dumm“, so lautet die oft vorherrschende gesellschaftliche Meinung über Menschen mit Übergewicht. „Das Stigma Adipositas ist das letzte sozial akzeptierte: Zu diesem Thema darf gefühlt jeder sagen, was er will“, sagt Claudia Luck-Sikorski. Sie ist Professorin für Psychische Gesundheit und Psychotherapie an der SRH Hochschule für Gesundheit in Gera und Leiterin der Forschungsgruppe „Stigmatisierung und internalisiertes Stigma bei Adipositas“ der Universität Leipzig. Häufig werden Menschen mit Adipoitas schief angesehen, wird it dem Finger auf sie gezeigt der sich über sie lustig geacht. Dabei gilt jeder vierte ensch in Deutschland laut iner Studie der DAK als fettleiig. Dies ist laut der Weltgeundheitsorganisation WHO ann der Fall, wenn der sogeannte Body-Mass-Index, also as Verhältnis von Gewicht zur örpergröße, über 30 liegt. Geundheitliche Folgen der rankhaften Fettleibigkeit sind erz-Kreislauferkrankungen, iabetes sowie Gelenk- und Wirbelsäulenprobleme. Doch uch die Psyche leidet. „Von Adipositas Betroffene nternalisieren diese Einstelung der Gesellschaft, dass sie u faul, zu dumm, zu willenschwach sind. Selbst wenn sie bgenommen haben, wird diees Vorurteil übernommen“, agt Luck-Sikorski. Dies zeige ich auch am Beispiel des öfentlichen Nahverkehrs, in em Sitze zu klein sind. „Die dee dahinter: Man soll es dieen Menschen nicht zu gemütich machen, damit sie etwas Betroffene müssen mit Vorurteilen kämpfen In der Gesellschaft leiden Menschen mit Adipositas auch psychisch. Die Stigmatisierung verhindert häufig, dass Übergewichtige eine Therapie machen. an ihrem Übergewicht tun. Doch das ist psychologisch der falsche Weg“, sagt die Expertin. „Unsere Forschung zeigt, dass dies nicht hilft und dieses Stigma das Therapieverhalten ändert: Diese Menschen gehen nicht mehr ins Fitnessstudio, machen keinen Sport oder gehen nicht mehr ins Schwimmbad, um sich dieser Diskriminierung nicht mehr auszusetzen.“ In vielen Fällen ist das extreme Übergewicht so schlimm, „Betroffene wollen sich Diskriminierung nicht aussetzen.“ Claudia Luck-Sikorski Professorin für Psychische Gesundheit und Psychotherapie dass bei Patienten sogar eine Operation nötig ist. „Zunächst wird in Form von Ernährungsberatung, Bewegungstherapie oder mit Medikamenten konservativ behandelt“, sagt Christine Stroh. Sie ist Chirurgin im Adipositaszentrum in Gera. Im deutschen Adipositas-Register werden alle diese Eingriffe vermerkt, die in Deutschland im Schnitt erst bei einem BMI von 49,5 erfolgen. Die häufigsten Operationen bei Adipositas sind das Einsetzen eines Schlauchmagens (Sleeve Resektion) und des Magen-Bypasses. Auch die Begleiterkrankungen der mittlerweile 66.000 Patienten werden in dem Register erfasst, ebenso die Operationsmethoden und der Verlauf der weiteren Gewichtsentwicklung. Dadurch können die Mediziner die Behandlung der Patienten verbessern. „So haben wir Ärzte einen guten Vergleich und können auch bei Patienten mit den erhobenen Daten für die Wichtigkeit einer Operation argumentieren“, sagt Stroh, die das Register leitet. Doch einige Patienten nehmen selbst nach einer Operation nicht ausreichend an Gewicht ab. Hier spielt auch die Psyche erneut eine Rolle. „Das Selbstwertgefühl wird dann zum Risikofaktor. Das Gefühl auch hier „versagt“ zu haben, kann Depressionen begünstigen. Manche Depressionen sind wiederum mit der Neigung verbunden, noch mehr zu essen. Das ist ein Teufelskreis, aus dem man schwer wieder alleine rauskommt“, erläutert Luck-Sikorski. Bei vielen Menschen, die unter Adipositas leiden, zieht sich Übergewicht durch die gesamte Claudia Luck-Sikorski erforscht die Ursachen und Folgen von Stigmatisierung bei Adipositas. FOTO: SRH HOCHSCHULE FÜR GESUNDHEIT Christine Stroh ist Chirurgin im Adipositaszentrum in Gera und leitet das deutsche Adipositas-Register. FOTO: SRH WALD KLINIKUM GERA Biografie. 16 Prozent aller Kinder in Deutschland sind übergewichtig, 6,3 Prozent von ihnen laut Robert-Koch-Institut sogar adipös. „Menschen mit Adipositas waren oft als Kinder bereits übergewichtig. Paradoxerweise richtet sich das Stigma dort eher an die Eltern. Als Erwachsene richtet sich das Stigma dann wieder an diese Menschen selbst, obwohl sie ja als Kinder davon ausgenommen waren“, sagt die Expertin. Laut Studien werden Kinder mit Adipositas deutlich häufiger gehänselt. Die Folgen sind bis ins Erwachsenenalter bemerkbar. INFO Adipositas-Tag Termin Samstag, 19. Mai (stets am 3. Samstag im Mai) Ziele Anerkennung von Adipositas als chronische Krankheit Aufklärung der Öffentlichkeit über Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten Abbau von Vorurteilen gegenüber Menschen mit Adipositas www.adipositasgesellschaft.de ADIPOSITAS – WIR LASSEN SIE NICHT ALLEINE Die Behandlung von Adipositas ist komplex. Umso wichtiger ist es, ein erfahrenes Team aus Experten wie Hausärzten, Ernährungsberatern, Bewegungstherapeuten, Pflegepersonal, Psychologen und weiteren Ärzten wie z.B. Diabetologen, Kardiologen, Chirurgen und vielen mehr zu bilden. Dies stellt für Betroffenen eine große Hürde dar. 9 VON 10 PATIENTEN MIT ADIPOSITAS SIND OHNE GEZIELTE BEHANDLUNG 1 Qualifizierte und zertifizierte Adipositaszentren und deren Kooperationspartner wissen um die Herausforderungen bei der Gewichtsreduktion. Nur gemeinsam als Team können wir es schaffen. Medtronic unterstützt zusammen mit der ZEB (Zentrale für Ernährungsberatung Hamburg) den European Obesity Day. Informieren Sie sich. www.europeanobesityday.eu www.zeb-hh.de www.medtronic.de 1. Stroh,C.; Manger, T.: Studientreffen des German Bariatric Surgery Registry (GBSR) zur Qualitätssicherungsstudie in der operativen Therapie der Adipositas. In: Ärzteblatt Thüringen 2018, vol. 2, Issue.pp.87-89. 1. 2. Rebscher, Rebscher, H. H. (Hrsg.); (Hrsg.); Nolting Nolting H.-D.; H.-D.; Krupka, Krupka, S.; S.; Sydow, Sydow, H.; H. Tisch, Tisch, T.: T.: Beitrag Beitragzur zur Gesundheitsökonomie und undVersorgungsforschung (Band (Band15).Versorgungsreport Adipositas. Chancen Chancenfür für mehr mehr Gesundheit. INTERVIEW PROFESSOR DR. MATTHIAS BLÜHER „Es ist eine Krankheit“ Die Deutsche Adipositas Gesellschaft (DAG) kämpft für die Anerkennung von Adipositas als ernste Erkrankung. Ein Gespräch mit dem DAG- Präsidenten Professor Dr. Matthias Blüher. Herr Prof. Blüher, ist Adipositas eine Volkskrankheit? MATTHIAS BLÜHER Würde ich sagen. Ein Viertel aller Deutschen haben einen BMI von über 30 und erfüllen die Kriterien einer Adipositas – Tendenz steigend. In den vergangenen 40 Jahren hat sich die Häufigkeit der Erkrankungen verdreifacht. Das macht uns Sorgen. Woher kommt der Anstieg? BLÜHER Wir leben heute in ständiger Nahrungsverfügbarkeit, was sicher auch mit gestiegenem Wohlstand zu tun hat. Noch dazu sind die Nahrungsmittel selbst immer energiereicher geworden. Das trifft auf eine genetische Veranlagung, die auf diesen Überfluss gar nicht vorbereitet ist. Unser Organismus ist so angelegt, dass er sich perfekt auf Nahrungsmangel einstellen kann, aber eben nicht auf das Gegenteil. Spielt Vererbung eine Rolle? BLÜHER Die Zahlen sprechen schon eine deutliche Sprache. Jedoch ist die Spanne recht groß. 15 bis 70 Prozent der Fälle sind auf eine genetische Veranlagung zurückzuführen. Eineiige Zwillinge etwa haben eine 70-prozentige Wahrscheinlichkeit, beide adipös zu werden, wenn es etwa Mutter oder Vater auch waren. Bei Einzelkindern beziehungsweise zweieiigen Geschwistern liegt die Wahrscheinlichkeit eher DAG-Präsident, Professor Dr. Matthias Blüher. FOTO: DAG bei 20 Prozent. Und zwar egal, wie die Kinder aufwachsen. Es gibt auch die These, dass Armut Adipositas begünstigt. BLÜHER Die These ist nicht falsch. Generell gilt aber, auch Reichtum schützt nicht vor Übergewicht. Auch hochgradiges Übergewicht trifft alle Bevölkerungsschichten und Bildungsgrade. Aber es lässt sich schon beobachten, dass Menschen mit niedrigerem Sozialstatus gefährdeter sind, übergewichtig oder adipös zu werden. Das liegt auch daran, dass ungesunde Lebensmittel oftmals die günstigeren sind. Hinzu kommt, dass teuere Sportund Gesundheitsangebote von ärmeren Familien meist nicht in Anspruch genommen werden können. Haben die Krankenkassen hier nicht eine Mitschuld? BLÜHER Das Problem ist: Die Krankenkassen fühlen sich vor allem für Krankheiten zuständig und weniger für die Prävention. Sie verschieben die Verantwortung damit in den privaten Bereich. Aus ihrer Sicht ist es dann eine Frage des persönlichen Lebensstil. In unserer schnelllebigen Gesellschaft voller Angebote ist es allerdings schwierig, sich aktiv für das gesunde Leben und gegen das Übergewicht zu entscheiden. Die Krankenkassen sollten sich die Prävention künftig stärker zur Aufgabe machen, immerhin verursacht Adipositas 30 bis 40 Folgeerkrankungen, wie etwa Herz-Kreislauf-Probleme, Diabetes oder auch Krebs. Prävention ist immer besser als die Therapie. Adipositas ist behandelbar, therapie, bei der es vor allem um eine Ernährungsintervention in Verbindung mit einer Verhaltenstherapie. nicht hilft, werden Medikamente eingesetzt oder operativ Sie forschen seit Jahren zu diesem Thema. Gibt es neue Behandlungsansätze? BLÜHER Grundsätzlich gilt: aber nicht heilbar. Am effektivsten ist eine Stufen- und Bewegung geht, meist Wenn das eingegriffen. Was sind die Ziele der DAG? BLÜHER Adipositas ist eine Krankheit und muss endgültig als solche anerkannt werden. Das ist die Voraussetzung für bessere Behandlungsmöglichkeiten. Wichtig ist auch, weiter in die Ursachen-Forschung zu investieren. Auch der Stigmatisierung innerhalb der Gesellschaft wollen wir entgegenwirken. Immerhin: Die neue Bundesregierung hat das Thema Adipositas erstmals in ihr Programm aufgenommen. Das gibt uns Hoffnung, dass die Krankheit auch politisch mehr Beachtung findet. DAS GESPRÄCH FÜHRTE CHRISTIAN HENSEN.

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