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Fintechs -ET 11.08.2017-

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Fintechs -ET

Fintechs FINANZDIENSTLEISTUNGEN IN DER DIGITALEN WELT NEUE LÖSUNGEN Fintechs rütteln Banken wach Start-ups sorgen mit ihrem technologiegetriebenen Blick auf Bankdienstleistungen für Innovationen. Vor allem die Kunden profitieren. VON ANJA KÜHNER Technologieunternehmen im Finanzbereich, kurz Fintechs genannt, rütteln die Bankbranche kräftig wach. Jetzt setzen sie in ihrer Nische des Finanzsektors die Banken und Sparkassen unter Druck: Kredite gibt es heute auch bei Smava und Auxmoney, Unternehmen können Darlehen bei Creditshelf aufnehmen. Im Zahlungsverkehr sorgen BillPay, Transferwise und Kesh in ihren Nischen dafür, dass Geld stressfrei mobil und grenzüberschreitend transferiert werden kann. Robo-Berater wollen den Bankberatern und Vermögensverwaltern die Geldanlage abnehmen, im Rahmen von Social Trading bietet Wikifolio einen neuen Investment-Ansatz, Finanz- Communities wie Fidor helfen dabei, sich eine Meinung zu Finanzthemen zu bilden. Mikrodarlehen, Schwarmfinanzierung, einfacheres Spenden oder Bruchteile eines Cents bezahlen – was für Banken Spezialfälle waren und wo sie sich mit eigenen Angeboten schwer tun, sorgen Start-ups inzwischen für Optionen. Das gleiche gilt auch im Versicherungsbereich: Schutzblick und GetSave heißen dort die jungen Durchstarter. „Der Finanzsektor gerät zunehmend durch technologiegetriebene Unternehmen in Bedrängnis, die sich digital und mit großer Dynamik in den Markt für leicht zu standardisierende Finanzprodukte und -dienste drängen, um Kunden und Marktanteile zu gewinnen“, umschreibt Thomas Dapp von Deutsche Bank Research die Entwicklung. Tatsächlich haben Fintechs eine ganze Menge bewegt in der Finanzwelt. Das Smartphone-Konto von N26 konnte mittlerweile mehr als 300.000 Kunden in verschiedenen Ländern Europas für sich gewinnen. Und der digitale Vermögensverwalter Scalable Capital verwaltet inzwischen rund 300 Millionen Euro Kundengelder und kooperiert mit Siemens. Vaamo, Investify, Liqid und Moneymeets heißen Fintech-Unternehmen bieten Services rund um Geldanlage und andere Finanzdienstleistungen vollständig digital an. Damit überzeugen sie mehr und mehr Kunden. FOTO: THINKSTOCK/PESHKOV andere Start-ups, die unter Anlegern erfolgreich um Kunden buhlen. Doch die Banken und Sparkassen sind inzwischen aus ihrer Schockstarre aufgewacht. Die Sparkassen bringen das mobile Girokonto Yomo an den Start, bei den Volksbanken und Raiffeisenbanken heißt das vergleichbare Angebot Bankomo. Kwitt nennt sich die Sparkassen-App, mit der man sich unter Freunden ausgeliehenes Geld zurückzahlt, und auch die Genossenschaftsbanken haben ein schnelles und unkompliziertes sogenanntes Peer-to-Peer-(P2P-)Payment- System auf den Markt gebracht. Innerhalb kürzester Zeit hat Kwitt mehr als 300.000 Nutzer von sich überzeugt. Diese Zahlen lassen Fintechs vor Neid erblassen. Die App von Cringle, dem größten Fintech-Player in diesem Bereich, wurde bisher rund 35.000 Mal heruntergeladen. Branchenbeobachter beschreiben die Beziehungen von Fintechs und Banken so: Die Fintechs haben die unkonventionellen und vom Kunden aus gedachten Ideen und die technische Expertise zu deren schneller Umsetzung, die Banken hingegen haben die Kunden. Die wenigsten Fintechs besitzen eine Bank- oder Versicherungslizenz, was den direkten Zugang zu den Kunden erschwert. Genau deshalb umarmen immer mehr ihre einstigen Feinde. Kooperation statt Konfrontation heißt heute die Devise, so wie es beispielsweise Cringle vormacht. Das Berliner Start-up koopereriert mit der DKB Bank ebenso wie mit dem Bankhaus August Lenz. Und Ginis Technologie der semantischen Inhalte-Erkennung wurde in die Smartphone-App der Commerzbank eingearbeitet, sodass mit ihr Von null auf 300 Millionen in anderthalb Jahren heute Foto-Überweisungen möglich sind. Mit knapp 19 Millionen Nutzern allein in Deutschland hat das „älteste Fintech“ der Welt, Paypal, allerdings den direkten Zugang zum Kunden. Die Ebay-Tochter ist mit ihrer Luxemburger Banklizenz in ganz Europa aktiv. Mitte Juli verkündete sie ihre Kooperation mit Shell – gemeinsam bieten sie das mobile Bezahlen an Tanksäulen. Das soll bis zum Jahresende in ganz Deutschland möglich sein. Nach wie vor geben Fintechs den etablierten Banken einen Impetus – den diese auch weiterhin dringend nötig haben. Denn die nächsten Angreifer stehen bereits vor der Tür. Sie heißen Google, Apple und Facebook. Die Tech-Giganten wollen auch die Finanzgeschäfte ihrer Kunden übernehmen. Nicht weil sie selbst unbedingt zur Bank werden wollen. Ihr Ziel ist es, den Kunden in ihrem Ökosystem zu halten: Überweisungen per WhatsApp – in China ist das per WeChat bereits möglich. In den USA wird per Facebook-Messenger gezahlt. Apple Pay und die Google Wallet sind in einigen europäischen Ländern bereits gestartet. Experten erwarten, dass diese Payment-Systeme auch bald in Deutschland eingeführt werden. Dann werden die Rollen von Banken und Fintechs wieder neu definiert. Seit Frühjahr 2016 ietet Scalable Capital eine voll digitalisierte Vermögensverwaltung an. Die Zahlen und die amen der Partner sprechen für sich. VON JÜRGEN GROSCHE Im großen Arbeitsraum sitzen vor allem jüngere Menschen wie in einem elektronischen Handelssaal vor Bildschirmen, manche mit Headsets im Ohr. Links befinden sich hinter Glas ein paar Besprechungsräume, und vorne vor einer Sitzecke steht ein Fußballkickertisch. Die beiden Geschäftsführer Erik Podzuweit und Florian Prucker begrüßen lässig in T- Shirt und Jeans. Ganz offensichtlich: Das Unternehmen Scalable Capital mit Sitz in der Münchener Prinzregentenstraße ist ein Start-up, ein junges Unternehmen, das gerade den Markt aufrollt. Es zählt zu den so genannten Fintechs, den Neuen, die die Finanzbranche mit innovativen, technologisch raffinierten Modellen aufmischen. Scalable Capital bietet eine voll digi- talisierte Vermögensverwaltung an. Das heißt: Selbst der Geschäftskern, die Anlagestrategie, wird emotionslos durch eine Technologie gesteuert. Algorithmen steuern die Auswahl der Vermögenswerte, managen die Risiken und stellen die Vermögensportfolios der Kunden individuell und angepasst an die persönliche wie auch die allgemeine Lage zusammen. Die beiden Unternehmensgründer Podzuweit und Prucker haben dazu mit Stefan Mittnik, Professor für Finanzökonometrie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, zusammengearbeitet. Mittnik begleitet das Start-up weiterhin als wissenschaftlicher Beirat. Die digitale Vermögensverwaltung ist am Markt voll eingeschlagen. Scalable Capital verwaltet bereits 300 Millionen Euro an Anlagegeldern in mehr als 7000 Depots. Im Dezember 2014 wurde das Unternehmen gegründet. 2015 bauten Podzuweit und Prucker es auf, warben um Investoren, suchten Mitarbeiter, beantragten und bekamen die Erlaubnis der Finanzaufsichtsbehörde Bafin, programmierten die Software. 2016 startete das Geschäft mit Kunden, zunächst in Deutschland, im Sommer auch in Großbritannien. Unter den Kunden finden sich auffallend viele Banker, stellt Prucker fest. Offenbar überzeugt die Anlagestrategie auch Finanzprofis. Und insgesamt komme jeder dritte Kunde über Empfehlung, sagt Prucker. Scalable Capital investiert ausschließlich in ETFs, also kostengünstige Indexfonds, die auf Gebühren, Transparenz, Handelbarkeit, steuerliche Behandlung und weitere Kriterien geprüft wurden. Zur Auswahl stehen 1500 ETFs aus allen wichtigen Anlagegruppen (Aktien, Anleihen, Immobilien, Rohstoffe, Geldmarkt) und breit gestreuten Indizes. Außer bei Spezialfällen wie Rohstoffen kommen nur physische ETFs zum Einsatz, bei denen der Emittent die Werte tatsächlich kauft und für die Kunden treuhänderisch verwahrt. Scalable Capital hat auch alle anderen Dienstleistungen rund um die Vermögensverwaltung automatisiert und digitalisiert – von der Anmeldung und der Depoteröffnung bei der depotführenden Baader Bank bis hin zu Ein- und Auszahlungen oder automatischen Ausnutzung von Steuerfreibeträgen. Die Identifikation erfolgt unterschriftslos per Postident Video. Außerdem haben die Kunden online oder per App Einsicht in sämtliche Portfoliodetails oder angefallene Gebühren. „Durch die konsequente Automatisierung aller Prozesse senken wir die Kosten und können so auch klassischen Privatanlegern eine professionelle Vermögensverwaltung anbieten“, sagt Erik Podzuweit. Doch nicht nur Privatkunden sind auf das Start-up auf- Das Scalable Capital-Team mit Florian Prucker, Erik Podzuweit und Professor Stefan Mittnik (v.l.) FOTO: SCALABLE merksam geworden. Seit Januar arbeitet Siemens mit dem digitalen Finanzspezialisten zusammen und empfiehlt seinen Mitarbeitern in Deutschland das automatisch verwaltete ETF-Depot von Scalable Capital. Und im Juni machte das Unternehmen mit der Nachricht auf sich aufmerksam, dass sich der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock beteiligt. Die Partner ergänzen sich sehr gut, ist Prucker überzeugt: „Wir verwalten individuelle Portfolios von Einzelkunden. Mit unserer Technologie kann Blackrock seinen institutionellen Kunden neue Lösungen anbieten.“ Zu den bisherigen Investoren gehören HV Holtzbrinck Ventures und Tengelmann Ventures. Selbst die klas- „Wir verwalten individuelle Portfolios von Einzelkunden“ Florian Prucker Scalable Capital sischen Vermögensverwalter haben den Robo-Advisor als einen der ihren akzeptiert: Scalable Capital ist im August 2016 als erster rein digitaler Vermögensverwalter im Verband unabhängiger Vermögensverwalter (VuV) aufgenommen worden. Dass das Start-up so erfolgreich fliegt, hat wohl selbst die Gründer überrascht, auch wenn sie von ihrem Modell überzeugt waren. Podzuweit und Prucker hatten sich bei ihrem früheren Arbeitgeber, der Investmentbank Goldman Sachs, kennengelernt und gemeinsam die Idee für eine neue Art der Geldanlage entwickelt. Sie sollte kostengünstig sein – daher die ETF-Lösung, automatisiert und durch ein auf wissenschaftlichen Prinzipien basierendes Risikomanagement gesteuert werden. Das Angebot sollte zudem auf allen gängigen Plattformen in mehreren Sprachen laufen, unterschiedliche Währungen, Steuersysteme und regulatorische Anforderungen berücksichtigen und natürlich gut bedienbar sein. Eine Herkules-Aufgabe, die die Jungunternehmer aber offenbar glänzend bewältigt haben.

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