Aufrufe
vor 9 Monaten

Generation 50plus

  • Text
  • Bier
  • Ebel
  • Ausstellung
  • Galerie
  • Formel
  • Wassenberg
  • Hubert
  • Lechner
  • Braukeller
  • Ausstellungen

6 Familie & Freizeit

6 Familie & Freizeit Karate für Gentlemen Robert Fuhr unterrichtet in seinem Dojo in Rheydt Männer ab 45 Jahren aufwärts in der hohen Kunst der Selbstverteidigung. Unser Redakteur Jörg Mehl hat am Training teilgenommen. Gestatten: Ich bin‘s, die Zielgruppe. 52 Jahre alt, für mein Gewicht zu klein, mit verblassenden Erinnerungen an sportlichere Tage. Aber mit dem Willen zu mehr Bewegung - ich hab Rücken, muss endlich was tun. Und bessere Koordination, Balance, Standfestigkeit könnten auch nicht schaden. Robert Fuhr kennt Männer wie mich. Er trainiert sie. In Kenpo, oder wie er sagt „Best Ager Karate“. Männer um und über 50, die vielleicht immer schon eine Kampfsportart erlernen wollten - aber dann kam halt immer etwas dazwischen. Die sich aber auf jeden Fall Aller Anfang ist schwer: Unser Autor (rechts) und Mit-Neuling Serge üben, angeleitet von Robert Fuhr (Mitte), erste Karate- Bewegungen. Und dann demonstrieren Fuhr und ein erfahrener Kämpfer, wie dynamisch Kenpo tatsächlich sein kann. fit machen wollen. Selbstverteidigung, sagt Fuhr, sei die extremste Form der Gesundheitsvorsorge. Kenpo-Karate wurde in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von der hawaiianischen Kampfsport-Legende Ed Parker entwickelt. Parker führte Techniken verschiedener traditioneller Kampfsportarten zusammen, modernisierte sie. Er trainierte Stuntmen und Hollywoodstars, sein berühmtester Kunde war Elvis Presley. Als Parker 1990 mit 59 Jahren an einem Herzinfarkt starb, hatten die USA auch dank ihm einen Kampfsport-Boom erlebt. Robert Fuhr zählt zu den höchstgraduierten Kenpoisten in Europa. Seinen schwarzen Gurt hat er noch vom Meister selbst empfangen. Der 55-Jährige ist ein Brocken von einem Mann. Extrem schnelle, schlagkräftige 100 Kilo, verteilt auf kantige einmetersechsundachtzig. Dass Fuhr seit mehr als 49 Jahren diverse Kampfkünste ausübt, sieht man ihm auch an, wenn er nicht seinen Karate-Gi anhat, sondern Zivilkleidung. Fuhr gibt Selbstverteidigungskurse, hält Sicherheitsseminare, schreibt Bücher über Kampfkunst. In seinem Dojo „Cogito meum“ an der Mühlenstraße in Rheydt trainieren mehrmals in der Woche auch eben jene Herren im besten Alter, die sich - nur halb scherzhaft - die „Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ nach einem Streifen mit Sean Connery aus den Nuller-Jahren nennen. Auf der Matte kämpft der Anwalt mit dem Steuerberater, der Handwerksmeister mit dem Werbeprofi. „Männer, die im Leben etwas erreicht haben“, sagt Fuhr. „Und die nicht wollen, dass an der nächsten Ecke irgendein Schlägertyp, der ein Bier zuviel intus hat, darüber entscheidet, wie dieses Leben weitergeht...“ Das Training beginnt. Ich stehe ganz hinten, neben mir steht Serge. Vor uns haben sich 14 Männer in vier Reihen aufgestellt und blicken auf Fuhr, der ihnen gegenübersteht. Sie tragen schwarze Kampfanzüge und Gürtel in unterschiedlichen Farben, orange, blau, grün, braun, die den Grad ihrer Fähigkeiten anzeigen. Der Kämpfer mit dem höchsten Grad steht vorne rechts. Serge und ich sind gürtellos und in Trainingsklamotten, wir sind die Neuen heute. Anfänger, die noch keine Prüfung abgelegt haben, haben weiße Gürtel um die Hüfte geschlungen. Der erste, unterste Farbgürtel ist gelb.

Familie & Freizeit 7 Fotos: Detlef Ilgner Bevor er uns auf die Matte ließ, hatte Fuhr erklärt, Kenpo sei ein Sport für jeden Menschen jeden Alters. Schnörkellos, elegant, Meditation in Bewegung. Jede dieser Bewegungen sei wie ein Buchstabe, der sich mit anderen zu einem Wort fügt, zu einem Satz, einer Sprache. Da müsse auch das Hirn arbeiten, nicht nur die Muskeln. Eine geradezu wissenschaftliche Kampfkunst, in der die Techniken sich dem Menschen anpassten, nicht umgekehrt. Also auch an Menschen mit Rücken. Mit potenziellen Schülern spricht Fuhr zunächst über deren Erwartungen und Befürchtungen, Einschränkungen und Stärken. „Kenpoisten lernen, sich gesund zu bewegen“, sagt er, ohne Schmerzen. Die Lebensqualität erhöht sich - und auch das Bewusstsein wächst. An einer Wand der Trainingshalle hängen farbige Plakate, darauf sind die Techniken aufgelistet, die Kämpfer der jeweiligen Gurtfarbe lernen und miteinander einüben, immer wieder. Sie wechseln sich ab in Angriff und Verteidigung, bearbeiten sich in teils komplexen Bewegungsabläufen, spüren die Treffer, auch wenn keiner durchzieht. Die Techniken müssen im Ernstfall klappen, da nutzt reine Spiegelfechterei nichts. Ein rechter Fingerhebel für Lilagurte heißt „Captured Leaves“ (eingefangene Blätter), ein Grüngurt erkämpft sich den Weg aus einem Schwitzkasten von hinten mit „Escape from Death“ (dem Tod entkommen). Serge und ich lernen erstmal richtig stehen, breit und schön tief im Knie, die Füße leicht eingedreht. Und gehen, einen Fuß an den anderen heranziehend, die Sohle nie richtig vom Boden lösend. Und den Arm in Abwehr haltung heben, zum Block, so, als ob wir einen imaginären Angreifer beiseite schieben. Und noch ein Buchstabe: Wir schlagen zu, durch die Luft, diagonal. Serge macht auch Box training, ihm glaubt man den Hieb, bei mir sieht’s eher so aus, als könnte ich mich dabei selbst verletzen. Wenn Fuhr die Bewegung vormacht, zischt die Luft. Serge tut so, als würde er mir einen linken Schwinger verpassen. Ich gehe einen Schritt seitwärts zurück, raus aus dem Angriff, halte Abstand – die erste Regel für Anfänger -, blocke, trete, schlage selbst. Dann ist Serge dran. Fuhr zeigt auf das erste Plakat in der Reihe, das gelbe, und erklärt uns, das war „Delayed Sword“ (verzögertes Schwert, sprich: ein Handkantenschlag), die Technik ganz oben. Serge und ich haben unser erstes Wort gelernt. Die Schrift ist noch sehr krakelig. Aber der Anfang ist gemacht. Kontakt: Robert Fuhr, 0173 5130686, www.kenpo-mg.de Buchtipp Wer war Edmund Keloha Parker? Die Presse nannte die hawaiianische Kampfsport-Legende den „Vater des amerikanischen Karate“, oder auch den „Magician of Motion“. Parker ist der Erfinder des Kenpo-Karate, er war Trainer von Hollywood-Stars, Stuntman, Schauspieler, Entertainer, für viele seiner Anhänger schlicht „der Meister“ oder “The Great Kahuna“. Robert Fuhr war einer der letzten Schwarzgurte, die der Meister vor seinem frühen Tod im Jahr 1990 persönlich geprüft hat. In seinem Buch über Parker erzählt Fuhr von seinen Begegnungen mit dem Meister, nähert sich ihm in sehr persönlichen Geschichten und über 50 Kapiteln. Nachdenklich, amüsant, lehrreich – und immer authentisch. Ein Buch, das auch Nicht- Kampfsportlern tiefe Einblicke in Philosophie und Leben eines beeindruckenden Mannes gewährt. Robert Fuhr, Die Dinge sind nie, wie sie scheinen. Der Meister Edmund K. Parker und ich, Herstellung und Verlag: Joachim Kirsch Digiteam GbR, ISBN: 978-3-641- 19980-7, 250 Seiten, 19,90 Euro

Sonderveröffentlichungen