Aufrufe
vor 6 Monaten

Hildener Jazztage

  • Text
  • Hildener
  • Beirach
  • Jazz
  • Jazztage
  • Juni
  • Musik
  • Manu
  • Richie
  • Schlagzeug
  • Trio

12 HILDENER JAZZTAGE von

12 HILDENER JAZZTAGE von Wut, denn ich hege keine Wut gegen mich oder die Welt. Sie resultieren vielmehr aus meinem Verlangen, Neues auszuprobieren und durch beständige Interaktion mit anderen Instrumentalisten musikalische Visionen auszuformulieren.“ Und tatsächlich strahlt der Schlagzeuger beim Spielen eine gelöste Zufriedenheit aus, die man an seinen Gesichtszügen ablesen kann. Er selbst beschreibt das so: „Ich weiß nicht, wo ich bin, aber es ist definitiv woanders. Also wie in Trance. Wenn ich spiele, sehe ich ganz viele Pastellfarben und versuche sie miteinander zu verknüpfen. Denn das ist die zweite Stufe. Ich tauche ein in den Groove, die Musik, das Lied, und wenn es gut läuft, fange ich an zu lächeln, schließe die Augen und gehe mit. Ich weiß nicht wohin, aber ich bin weg.“ Auf die Frage nach den Bildern, die er beim Spielen im Kopf habe, antwortet Katché, der sich gern als „coloriste“, als „Farbkünstler“ bezeichnet, es seien „in erster Linie Farben. Viele Farben, die miteinander gemischt werden.“ Und er fährt fort: „Ich kann diese Farben nicht mit Worten beschreiben, aber ich brauche nur wenige Klänge, um unendlich viele Mischungen dieser Farben hervorzurufen. Vielleicht sind viele Töne von Lila und Rot dabei, einige Abstufungen von Hellblau und Hellgrün. Die besten Platten sind für mich jene, die mich auf eine Reise mitnehmen. Wie ein Buch, in dem ich über die unmittelbare Handlung hinaus alle Informationen über Umgebung, die Stimmung und die Charaktere geliefert bekomme. In der Musik ist es nicht anders. Sie funktioniert nur, wenn sie deinen Intellekt, deinen Geist und deine Imagination mitreißt.“ Eines steht für Katché fest: „Das Schlagzeug ist das Herz einer Band. Selbst die beste Band wird mit einem schlechten Schlagzeuger schlecht.“ Die Superstars des Rock und Pop taten also gut daran, nicht irgendjemanden zu engagieren, sondern ihn. Und es heißt, dass er deren Hits auf subtile Weise einen leichten Jazz-Touch verliehen habe, ohne dass die Bandleader selbst es bemerkt hätten. Wenn sich die Schlagzeuger darüber auch in den Drummer-Foren streiten – zum Beispiel ob Katché in „Sledgehammer“ einen Shuffle spielt, also ob sein Schlagzeugspiel swingt oder ob es gerade ist –, so bleibt der persönliche Stil Katchés doch unverkennbar. Sein Spiel ist geerdet und luftig zugleich, kraftvoll und elegant, kontrolliert kühl und doch durchsetzt mit einer verborgenen Sprengkraft. Selbst in den völlig entspannten Passagen spürt man es unter der Oberfläche brodeln. Und wenn Katché auch manchmal nicht alles zeigt, was er kann, so ahnt der Zuhörer doch in jedem Moment, was möglich Gelöste Zufriedenheit: Schlagzeuger Manu Katché in Aktion. Foto: Visual Press Agency wäre, wenn der Crack hinter dem Drumset erst alle Leinen losließe. Das erzeugt diese ganz besondere Spannung und eine gesteigerte Aufmerksamkeit beim Publikum, das plötzlich erkennt, wie brillant Katché mit den unterschiedlichen Stimmungen seiner Trommeln spielt, wie er über dem gleichmäßigen Puls helle Reflexe der Splash-Becken aufblitzen lässt. Wirbelt Manu Katché so leichtfüßig tänzelnd über die Felle, weil er als Kind Ballett- Unterricht hatte und weil er am Konservatorium in Paris klassisches Schlagwerk studierte? Trommelt er so melodisch, weil er als erstes Instrument das Klavier erlernte und erst mit 15 Jahren zum Schlagzeug wechselte? Mag sein. Das Changieren zwischen den Stilen jedenfalls ist es, was seine Musik so interessant macht. Auf dem Hintergrund seiner Erfahrungen mit Klassik und Pop arbeitet Katché daran, das Image des Jazz aufzufrischen. „Es ist eine extrem progressive Musik und sehr entwicklungsfähig“, sagt er. Davon kann sich jetzt, wenn er mit seinem brandneuen elektrischen Powertrio in der International Jazznight spielt, auch das Hildener Publikum überzeugen.

HILDENER JAZZTAGE 13 Heinz Sauer (rechts) und Michael Wollny Foto-Ausstellung: „Portraits of Jazz“ Zu den Hildener Jazztagen zeigt das Wilhelm-Fabryuseum Fotos der Kulturjournalistin Barbara Steingießer. VON WOLFRAM KNAUER Der Autor dieses Beitrags, Wolfram Knauer, ist Leiter des Jazzinstituts Darmstadt. Er ist promovierter Musikwissenschaftler und wurde 2008 als erster Nichtamerikaner zum Louis Armstrong Professor of Jazz Studies an die Columbia University, New York, berufen. Die Jazzfotografie ist seit den 1930er Jahren ein eigenes Genre, das offizielle Portraits genauso umfasst wie Konzertfotos, Bilder von Proben, vom Soundcheck oder im Studio, oder solche abseits von Bühne und Instrument. Barbara Steingießers Arbeiten in der Hildener Ausstellung gehören allen vier Kategorien an. Die Journalistin fand eher zufällig zur Musikfotografie. Seit 2004 schreibt sie Beiträge für die Rheinische Post über Musik, Literatur und Bildende Kunst, die sie bald um Bilder von Konzerten und Interviewterminen anreicherte. Im Fabry-Museum sind ihre Aufnahmen konventionell gehängt, ein Bild neben dem anderen in Räumen, die durch Türen und Fenster Sichtachsen ermöglichen. Steingießer hat für die Ausstellung 80 Bilder herausgesucht, die sie für besonders gelungen hält, und sie hat immer wieder Gruppen von Musikerportraits derselben Künstler zusammengehängt. Da gibt es etwa Bilder der holländischen Saxophonistin Candy Dulfer, die im Laufe ihrer Karriere nicht nur die Technik ihres Instruments gelernt, sondern sich auch Posen angeeignet hat, wie dieses besonders gut zur Geltung kommt. Sie weiß an jeder Stelle, wie das Publikum sie von vorn oder im Profil sieht, wie bestimmte Haltungen auch visuell Bewegung erzeugen können: etwa wenn sie leicht nach hinten gebeugt steht, ihren Kopf im Nacken, das Saxophon dadurch nach oben haltend, die Haare fliegend. Gerade in großen Sälen sind Posen eine Möglichkeit, auch für diejenigen Zuschauer, die nicht ganz vorne sitzen, Intimität zu erzeugen. Steingießers Foto dieses Motivs findet den realen Rahmen durch die Monitore zu Dulfers Füßen und die Scheinwerferstrahlen, die den Blick auf Kopf, Oberkörper und Instrument lenken. Ihr Foto dokumentiert einerseits eine professionelle Pose der Saxophonistin, daneben aber auch den Blick der Fotografin. Irgendwie höre sie auch mit ihren Augen, erklärt Steingießer dazu, doch zeigen ihre Bilder in der Hildener Ausstellung, dass sie die Augen nicht nur zum Hören benutzt, sondern auch zum Fühlen, zum Auffangen von Atmosphären, zum Fokussieren ihres Blicks mit Hilfe des Suchers, und damit letzten Endes auch, ja, auch zum Sehen. Eine der Bilderserien zeigt das Duo des Saxophonisten Heinz Sauer mit dem Pianisten Michael Wollny. Sauer klatscht einen Rhythmus, Wollny hört freundlich lächelnd zu. Wollny erklärt etwas, Sauer runzelt skeptisch die Stirn. Und dann spielen sie. Der in nur vier Bildern so treffend festgehaltene Dialog findet tatsächlich immer statt in der Zusammenarbeit zwischen Sauer und Wollny. Den beiden, die seit mehr als 15 Jahren zusammenspielen, geht es in ihrer Musik vor allem um Spontaneität und Überraschung. Ihre Mimik belegt das respektvolle Interesse aneinander. Barbara Steingießer hält diese Momente fest wie eine Fotostory: Gesichter, Hände, Saxophon –

Sonderveröffentlichungen