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Hildener Jazztage

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4 HILDENER JAZZTAGE

4 HILDENER JAZZTAGE Trompeter Klaus Osterloh war über drei Jahrzehnte hinweg Mitglied der WDR Big Band. Foto: Steingießer einem beliebten Jazz-Standard entlehnt ist, nicht mehr stecken würde als das auf den ersten Blick Offensichtliche. Wer sich nämlich mit dem Text und der Geschichte des Songs befasst, erfährt nicht Der Walzer „My Favorite Things“ stammt aus dem Musical „The Sound of Music“ nur etwas über die positive Wirkung der Musik auf die menschliche Psyche. Vielmehr verrät die Wandlung des Titels vom leichten, kinderliedhaften Musical-Song zur eindringlichen, hypnotischbeschwörenden Jazz-Hymne etwas über die kreative Energie des Jazz. Es ist die Kraft, eine beliebige Vorlage weiterzuentwickeln und daraus etwas Neues zu schaffen, was musikalisch – und manchmal sogar auf einer höheren, spirituellen Ebene – weit über das Ausgangsmaterial hinausreicht. Ursprünglich stammt der Walzer „My Favorite Things“ aus dem Musical „The Sound of Music“, das auf dem deutschen Heimatfilm „Die Trapp-Familie“ von 1956 basiert, in dem Ruth Leuwerik die Hauptrolle spielte. Das Musical mit Kompositionen von Richard Rodgers und Songtexten von Oscar Hammerstein II feierte 1959 am Broadway Premiere; der gleichnamige Hollywood- Film mit Julie Andrews in der Hauptrolle kam 1965 in die Kinos und spielt wie die Vorlage in Salzburg. Was tun Kinder, wenn sie allein im dunklen Keller Angst haben? – Sie fangen an zu singen. Ähnlich ist es in der Film- Version von „The Sound Of Music“. Als die zwei Jungen und fünf Mädchen, auf die Maria als Kinderfrau aufpassen muss, sich nachts vor einem Gewitter fürchten, singt sie ihnen ein Lied vor, das sie mit Gedanken an Lieblingsdinge von Unangenehmem ablenken soll. Zu dem, was positive Gefühle der Geborgenheit hervorruft, gehören Schönes wie: „raindrops on roses“ (Regentropfen auf Rosen) oder „snowflakes that stay on my nose and eyelashes“ (Schneeflocken, die auf Nase und Wimpern liegenbleiben). Ferner Wärmendes wie: „bright copper kettles and warm woollen mittens“ (glänzende Kupferkessel und warme wollene Fäustlinge) oder aber Leibspeisen. Als Beispiele für Köstlichkeiten, bei denen es einem warm ums Herz wird, nennen die Lyrics „crisp apple strudels“ (knusprige Apfelstrudel) oder „schnitzel with noodles“ (Schnitzel mit Nudeln), wobei dem US-amerikanischen Songtexter entgangen sein dürfte, dass letztere Kombination nicht unbedingt ein österreichisches Nationalgericht ist. Der Songtext gipfelt in der Schlussfolgerung, dass sich unangenehme Empfindungen vertreiben lassen, wenn man nur an Angenehmes denkt: „When the dog bites, when the bee stings / When I’m feeling sad / I simply remember my favorite things / And then I don’t feel so bad.“ (Wenn der Hund beißt, wenn die Biene sticht, wenn ich traurig bin, dann erinnere ich mich einfach an meine Lieblingssachen. Und schon fühle ich mich nicht mehr so schlecht.) „Wir haben diesen Titel wählt“, sagt Peter Baumgärtner, „weil sein Dreivierteltakt für Leichtigkeit und Lebensfreude steht. Der Text lässt uns von einer Welt träumen, die friedlich und voller Verständnis für andere Kulturen ist; in der sich Menschen begegnen, sich gegenseitig inspirieren und gemeinsam feiern – wie jedes Jahr im Frühling bei den Hildener Jazztagen.“ Unabhängig vom aufmunternden Text ist „My Favorite Things“ ein Musterbeispiel für einen Song, der als ursprüngliche Musical-Melodie Eingang in das Repertoire von Jazzmusikern gefunden hat und der damit zu einem Jazzaus dem Great American Songbook als Thema ge- „Wenn ich traurig bin, dann erinnere ich mich einfach an meine Lieblingssachen“ Standard geworden ist. Anders als in der klassischen Musik ist im Jazz die Komposition weniger wichtig als das, was der Instrumentalist oder der Vokalist daraus macht. Das Thema und die Akkordfolgen eines Standards stecken den Rahmen ab, innerhalb dessen der Jazzer sein musikalisches Kunstwerk entfaltet. Ein Rahmen, den er sich nach seinen Vorstellungen zurechtzimmern und aus dem er – wenn es das künstlerische Konzept erfordert – auch ausbrechen kann. Das tat zum Beispiel John Coltrane, als er den Song am 21. Oktober 1960 mit dem Sopransaxofon einspielte. Gemeinsam mit den Sidemen McCoy Tyner (Piano), Steve

HILDENER JAZZTAGE 5 Festivalmacher und Schlagzeuger mit Leib und Seele: Peter Baumgärtner Foto: Barbara Steingießer Davis (Kontrabass) und Elvin Jones (Schlagzeug) wandelte er den 3/4-Takt in einen 6/8- Takt um, der bei ihm zum Metrum der Trance wird. Zudem änderte er den Aufbau und die harmonische Struktur, wodurch „My Favorite Things“ vom beschwingten Wiener Walzer verwandelt wurde in ein rituell anmutendes orientalisches Ostinato. „So viel steht fest“, schreibt der Jazz-Autor Hans- Jürgen Schaal, „Coltranes Studioaufnahme von ,My Favorite Things‘ war ein Meilenstein in mehrfacher Hinsicht: Sie brachte dem Saxofonisten den Durchbruch, sie machte sein Quartett zur Formation der Stunde, sie etablierte das Sopransaxofon im modernen Jazz und sie erhob einen unbedeutenden Song aus der sterbenden Musical- Kultur über Nacht zum Jazz-Standard. Wer immer ,My Favorite Things‘ seitdem im Jazz interpretierte, hatte Coltrane im Ohr und nicht den Broadway.“ So vermutlich auch die Musiker der über 100 Aufnahmen des Songs, die laut Bielefelder Katalog aktuell auf Tonträgern erhältlich sind. Doch nun von dem Standard der Jazzgeschichte zu den tagesaktuellen „Favorite Things“, zum Beispiel zu einem ganz besonderen Liebling der musikbegeisterten jungen Internet-User, Kinga Glyk. – Kinga wer? – Die erst 20- jährige E-Bassistin ist die einzige Frontfrau einer Jazzband in ihrem Heimatland Polen. Ihr Video der Jeff- Berlin-Version von Eric Claptons „Tears In Heaven“ wurde auf dem Facebook- Portal „Bass Players United“ mehr als 20 Millionen (!) Mal angeklickt. Kürzlich schaffte es die junge polnische Bass- Sensation sogar in die Sendung des Heute-Journals im ZDF. Wetten, dass sie auch der Liebling des Hildener Publikums wird? Peter Baumgärtner, der bei Billy Brooks in Bern studiert hat, ist nicht nur Festivalmacher, sondern – um das Motto der letztjährigen Jazztage „Body And Soul“ zu zitieren – auch mit Leib und Seele Schlagzeuger. Kein Wunder, dass Drummer zu seinen absoluten Favoriten gehören. So lässt sich die Bedeutung seines Festivals an den klangvollen Namen der Schlagzeuger und Schlagzeugerinnen ablesen, die in den letzten zwei Jahrzehnten dort gespielt haben: Neben Baumgärtners größtem Idol Jack DeJohnette sind es zum Beispiel Terri Lyne Carrington, Billy Cobham, Al Foster, Danny Gottlieb, Jeff Hamilton, Ed Thigpen oder Marilyn Mazur, die sogar bereits zweimal in Hilden gastierte. Auch in diesem Jahr ist es Baumgärtner gelungen, einen international gefragten Meisterdrummer nach Hilden zu verpflichten. In der International Jazznight in der Stadthalle spielt der Franzose Manu Katché, einer der besten Schlagzeuger der Welt, der in Jazz, Rock und Popmusik gleichermaßen zu Hause ist, mit seinem neuen elektrischen Trio. Apropos Schlagzeuger: Wer den Chef der Jazztage wieder einmal persönlich trommeln hören möchte, hat dazu an Fronleichnam Gelegenheit. Bei den „Billmen“, die bei „Jazz im Park“ auf dem Grundstück des Wohnstifts Haus Horst auftreten, sitzt Peter Baumgärtner himself am Drumset. Special Guest des Ensembles um den Pianisten und Sänger Manfred Billmann ist der Trompeter und Flügelhornist Klaus Osterloh, der drei Jahrzehnte lang Mitglied der WDR Big Band war. Zum Repertoire gehören neu arrangierte Jazz-Standards. Vielleicht auch „My Favorite Things“, wer weiß?

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