Aufrufe
vor 3 Monaten

Hilfe im Trauerfall -ET 22.08.2017-

Hilfe im Trauerfall -ET

Hilfe im Trauerfall DIE TRAUER ZULASSEN Wenn im Alter der Partner stirbt Viele ältere Menschen verbringen nach dem Tod ihres Partners die letzten Jahre alleine. Sie müssen mit dem Verlust umgehen und ihr eigenes Leben neu ordnen. VON ELENA ZELLE Weit mehr als die Hälfte ihres Lebens haben sie gemeinsam verbracht. Dann – kurz vor der Goldenen Hochzeit – war das gemeinsame Leben vorbei: Merve Stöckles Mann starb. Nicht überraschend. Er hatte Krebs, die Diagnose wurde bereits drei Jahre vor seinem Tod gestellt. „Es war kein Schock, wir konnten uns darauf einstellen“, sagt die 73-Jährige. Trotzdem: „Es gab Augenblicke der Verzweiflung.“ Ihre Stimme zittert. „Ich wollte ohne meinen Mann nicht weitermachen.“ Wie Merve Stöckle geht es vielen Frauen. Denn meist sind es die Männer, die zuerst sterben, erklärt der Psychologe Roland Kachler, der ein Buch zum Thema geschrieben hat. „Der Tod des Partners ist zunächst ein tiefer Einschnitt, eine intensive Trauer- und Schmerzerfahrung.“ Diese zuzulassen, ist der erste Schritt. Mehr als ein Jahr sollten sich Witwer „Die Bewältigung des Todes heißt nicht Abschied nehmen, sondern die Liebe weiterleben“ Merve Stöckle Witwe und Witwen für die Trauerphase unbedingt Zeit geben, rät Kachler. Dann hat man Geburtstage, den Todestag und Weihnachten ohne den Partner erlebt – Tage, an denen viele den Verlust wieder schmerzlich spüren. Oft versuchen Bekannte, Freunde oder Angehörige den Betroffenen mit dem Satz „Er war ja alt“ zu trösten – ein Trost sei das aber nicht, sagt Christoph Mock, Theologe und Trauerbegleiter beim Malteser Hilfsdienst. Der Verlust schmerzt unabhängig vom Alter. Mock empfiehlt, ein Erinnerungsbuch zu schreiben: Darin notiert oder malt der Trauernde verschiedene gemeinsame Stationen des Lebens und erlebt die schönen Momente, aber auch die gemeinsam gemeisterten Krisen in Gedanken noch einmal. Merve Stöckle verlor ihren Mann Frieder kurz vor der Goldenen Hochzeit. Sie hat sich seitdem mehrere Rituale geschaffen, um diesen Verlust zu bewältigen. Dazu gehört der blaue Pullover, den sie um ihre Schultern trägt. Den hatte sie einst für ihren Mann gestrickt, der ihn bis zu seinem Tod häufig trug. FOTO: MAURER Doch gerade verwitwete Frauen haben oft noch viele Jahre alleine vor sich. Wäre es da nicht besser, möglichst schnell über den Verlust hinwegzukommen? Auf keinen Fall, sagt Kachler. „Den Verstorbenen zu vergessen, ist kein kluger Rat.“ Vielmehr sollten sie versuchen, eine neue Ebene zu finden, um die Beziehung auf eine andere Weise weiterzuführen. Oft werde zum Beispiel das Gespräch mit dem Partner gedanklich weitergeführt: „Das ist ganz normal“, sagt Kachler. „Der Verstorbene braucht einen neuen Platz“, sagt auch Mock. Etwa über Rituale, die man für sich selber finden müsse. Merve Stöckle hat einen geselligen Weg gefunden, ihren verstorbenen Mann weiterhin an ihrem Leben teilhaben zu lassen: Zum eigentlich 77. Geburtstag ihres Mannes lud sie ungefähr 40 Freunde ein und bat die Gäste, von besonderen Erinnerungen zu erzählen. „Es war ein sehr heiterer Abend.“ Außerdem hat sie etwas gefunden, das sie begleitet: Sie hat ihrem Mann während seiner Krankheit einen blauen Pullover gestrickt. „Diesen Pullover trug er das letzte halbe Jahr fast ununterbrochen“, sagt Stöckle. „Wenn ich ihn heute anfasse, kann ich Frieder spüren, kann ihn riechen, ich bin ihm nahe. Der blaue Pullover ist für mich eine Art Symbol unserer Verbundenheit.“ Gerade zu Beginn ihrer Trauerphase konnte ihr niemand helfen – auch nicht die eigenen drei Kinder. „Jeder hat auf verschiedene Weise versucht, den Tod für sich zu verarbeiten.“ Bis man gemeinsam trauern konnte, habe es gedauert. Inzwischen tauschen sie sich aber oft über ihre Erinnerungen aus. Auch die Geburtstagsfeier soll es wieder geben. Wichtig ist, die Trauer nicht zu verdrängen, erklärt Mock. „Wenn man ausspricht, was einen bewegt, lernt man, besser damit umzugehen.“ Wer mit Freunden oder der Familie nicht reden mag oder kann, kann sich zum Beispiel an kirchliche Träger wenden. Diese bieten oft ehrenamtliche Trauerbegleitung, Trauercafés oder Trauergruppen an. Auch viele ambulante Hospizdienste haben eine Trauerbegleitung. „Manche Verwitweten kommen nicht mehr in ihren Alltag rein“, sagt Mock. Aufstehen, frühstücken, duschen – so etwas klappt dann nicht mehr. In solchen Fällen sollten Betroffene sich professionelle Hilfe etwa bei einem Psychologen suchen, rät er. Merve Stöckle lernte sich ein Stück weit neu kennen. Sie hat begonnen zu schreiben. Außerdem investiert sie sehr viel Zeit und Mühe in ihre eigene Gesundheit – das sei früher etwas zu kurz gekommen. Sie hat Parkinson. „Ich muss sehr viel tun, um den körperlichen Stand zu erhalten.“ Um ihren Mann trauert sie immer noch. Sie hat aber ihren Weg gefunden, damit umzugehen. Heute ist sie überzeugt: „Die Bewältigung des Todes heißt nicht Abschied nehmen, sondern die Liebe weiterleben.“ Als Angehöriger Schwerkranke begleiten Einem schwerkranken Freund oder Verwandten beizustehen, verlangt einiges ab. Noch schwerer wird es, wenn der Erkrankte keine Behandlungen mehr möchte, man selbst daran aber Hoffnungen knüpft. VON JULIA KIRCHNER „Auch wenn es schwerfällt, man traurig oder wütend ist: Der Wunsch des Erkrankten hat Gewicht“, sagt Mechthild Schindler, Koordinatorin im ambulanten Ricam Hospiz in Berlin. Angehörige müssten versuchen, sich dann zurückzunehmen. „Wir versuchen, den Familienmitgliedern immer mitzugeben: „Der Betroffene selbst ist der Experte.“ Nur er kann sagen, was er sich wünscht und was nicht. In dieser Situation können Angehörigen zum Beispiel Gespräche mit Hospizmitarbeitern helfen: „Wir klären erst einmal über die Möglichkeiten einer palliativen Therapie auf, die die Symptome lindert.“ Manchmal lehnen Erkrankte Behandlungen auch ab, da beispielsweise die Nebenwirkungen einer Chemotherapie nur schwer auszuhalten sind. Die palliative Therapie kann dem Erkrankten dagegen noch einmal eine ganz neue Form von Lebensqualität schenken. „Dies zu erfahren, entlastet die Angehörigen oftmals sehr“, sagt Mechthild Schindler aus Erfahrung. Zu akzeptieren, dass ein nahestehender Mensch keinen Lebenswillen mehr hat, kann ein monatelanger Prozess sein. „Da muss man natürlich hingucken, warum er nicht mehr leben möchte: Weil er starke Schmerzen hat? Die können wir vielleicht lindern. Oder ist er lebenssatt, kann er von seinem Leben Abschied nehmen?“, sagt Schindler. Es wird nicht jedem gelingen, sich mit den Entscheidungen des anderen auszusöhnen. Wenn es möglich ist, ist es von Seiten des Angehörigen ein großer Liebebeweis zu sagen: „Egal, wie du dich entscheidest – ich trage das mit dir.“

Sonderveröffentlichungen