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Hilfe im Trauerfall

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VIE-K23

VIE-K23 Hilfe im Trauerfall DIE AUSBILDUNG ZUM EINBALSAMIERER GLEICHT EINEM KLEINEN MEDIZINSTUDIUM RHEINISCHE POST DIENSTAG, 6. JUNI 2017 D3 Thanatopraktiker balsamieren Tote ein Mancher Tote ist etwa durch einen Unfall entstellt. Thanatopraktiker behandeln die Leiche dann so, dass der Verstorbene der lebenden Person wieder ähnelt. Dienst am Toten ist eine wichtige Tätigkeit. VON NIKOLAS GOLSCH Um Abschied nehmen zu können, wollen viele Angehörige ihren Verstorbenen noch einmal sehen. Doch was, wenn die Todesursache ein Autounfall oder ein Sturz ist? Oft sind die Körper der Toten dann entstellt. „Diese Verstorbenen sehen nicht mehr so aus, wie sie zu Lebzeiten ausgesehen haben“, sagt Anika Oppermann. Sie ist Bestatterin und macht gerade eine Weiterbildung zur Thanatopraktikerin. Die Fachkräfte, auch Einbalsamierer genannt, sorgen dafür, dass schwere Verletzungen kaschiert und Totenflecken nicht sichtbar sind oder die Leiche nicht unangenehm riecht. Der Beruf des Thanatopraktikers ist ein sehr alter Beruf. Die Experten kommen etwa zum Einsatz, wenn Angehörige ihren Verstorbenen erst nach einer längeren Zeit besuchen können, weil zum Beispiel der Verwandte im Ausland gestorben ist und erst überführt werden muss. Thanatopraktiker verlangsamen dann den Verwesungsprozess, indem sie Kosmetika einsetzen und die Körperflüssigkeiten austauschen. Es geht nicht darum, ihn komplett anzuhalten: „Es ist ganz normal, dass der menschliche Körper irgendwann zerfällt, wir wollen ihn nur für eine kurze Zeitspanne erhalten“, sagt Oppermann. In Deutschland sei der Beruf nicht so verbreitet wie in Großbritannien oder Frankreich, erklärt Oliver Wirthmann vom Bundesverband Deutscher Bestatter (BDB). Auch in den USA würden viel mehr Verstorbene thanatopraktisch behandelt. In Ländern mit einem wesentlich wärmeren Klima sei das manchmal sogar gesetzlich vorgeschrieben. Die Ausbildung zum Thanatopraktiker teilt sich in einen theoretischen und praktischen Teil und schließt mit einer staatlich anerkannten Prüfung ab. Die Theorie lernt man in der Regel über vier Wochen in Düsseldorf und im Bundesausbildungszentrum in Münnerstadt in der Nähe von Schweinfurt. Die Ausbildung habe es in sich, sagt Oppermann: „Das ist wie ein kleines Medizinstudium.“ So befasst sie sich im Seminar etwa mit dem Aufbau des menschlichen Körpers, mit dessen Organen und Muskeln. Pflicht sei es, die lateinischen Namen für die Bestandteile des Körpers zu lernen. Auch über Krankheiten muss sie Bescheid wissen: „Davon hängt ab, wie ich bei der Behandlung der Toten vorgehen muss“, sagt Oppermann. Der Lernaufwand sei nicht zu unterschätzen: „Wenn man es ernst nimmt, muss man sich schon jeden Abend nach dem Job eine Stunde hinsetzen und lernen.“ Um praktische Erfahrung zu sammeln, müsse sich jeder Seminarteilnehmer einen Mentor suchen, erläutert Heiko Mächerle, Vorsitzender des Vereins Deathcare, dem rund die Hälfte aller in Deutschland praktizierenden Thanatopraktiker angehört. „Als Mentor kann jeder ausgebildete Thanatopraktiker dienen“, sagt er. Die Seminarteilnehmer schauen ihrem Mentor in der Regel bei mehreren Behandlungen über die Schulter. Die Weiterbildung dauert ungefähr ein bis anderthalb Jahre und ist in der Regel berufsbegleitend, erklärt Mächerle. Am Ende legen angehende Thanatopraktiker eine Prüfung bei der Handwerkskammer in Düsseldorf ab, auch eine praktische Übung gehört zur Prüfungsleistung. Nicht zu unterschätzen sei die psychische Belastung durch den intensiven Kontakt mit Toten, sagt Oppermann. „Man darf das nicht zu nah an sich heranlassen.“ Auch wenn es in Deutschland nur etwa 100 ausgebildete Thanatopraktiker gibt, sei die Qualifikation nicht unbedingt gesucht, sagt Heiko Mächerle. „Nur etwa vier bis fünf Prozent der Verstorbenen werden in Als Angehöriger Schwerkranke begleiten Einem schwerkranken Freund oder Verwandten beizustehen, verlangt Angehörigen einiges ab. Noch schwerer wird es, wenn der Erkrankte vielleicht keine Behandlungen mehr möchte, man selbst daran aber noch Hoffnungen knüpft. Die angehende Thanatopraktikerin Anika Oppermann hat den Anspruch, dass jeder Tote einen Abschied in Würde erhält. FOTO: GABBERT Deutschland einbalsamiert.“ Dennoch könne die Weiterbildung bei der Jobsuche von Vorteil sein: „Jeder Arbeitgeber ist froh, wenn er einen solchen Fachmann im Hause hat.“ Die Qualifikation als Bestatter stehe aber im Vordergrund: „Kein Bestattungsunternehmen verkauft täglich eine thanatopraktische Versorgung.“ Grundsätzlich werde in Deutschland jeder Verstorbene hygienisch versorgt, bevor er aufgebahrt und danach beerdigt oder verbrannt wird, sagt Wirthmann. Thanatopraktisch werde er nur auf ausdrücklichen Wunsch der Angehörigen versorgt – oder aber dann, wenn er in ein bestimmtes Land überführt werden muss, dessen Gesetze eine solche Behandlung vorschreiben. Im Fall von Anika Oppermann übernimmt ihr Unternehmen die Kosten für die Weiterbildung. Das ist jedoch nicht immer der Fall. Die Weiterbildung ist nicht günstig: Mitglieder des Bundesverbandes BDB zahlen rund 3900 Euro, Nichtmitglieder 400 Euro mehr. Oben drauf kommen die Kosten für Übernachtungen und Anreise. Obwohl sie täglich mit dem Tod zu tun hat, macht Oppermann ihre Arbeit mit Freude. „Der Tod gehört zum Leben dazu“, sagt sie. Wichtig ist ihr vor allem eins: „Dass zum Tod auch die Würde gehört.“ Nicht immer wünschen sich Schwerkranke noch eine Behandlung. Für Angehörige kann es schwer sein, das zu akzeptieren. FOTO: BRICHTA VON JULIA KIRCHNER „Auch wenn es schwerfällt, man traurig oder wütend ist: Der Wunsch des Erkrankten hat Gewicht“, sagt Mechthild Schindler, Koordinatorin im ambulanten Ricam Hospiz in Berlin. Angehörige müssten versuchen, sich dann zurückzunehmen. „Wir versuchen, den Familienmitgliedern immer mitzugeben: Der Betroffene selbst ist der Experte.“ Nur er kann sagen, was er sich wünscht und was nicht. In dieser Situation können Angehörigen beispielsweise Gespräche mit Hospizmitarbeitern helfen: „Wir klären erst einmal über die Möglichkeiten einer palliativen Therapie auf, die die Symptome lindert.“ Manchmal lehnen Erkrankte Behandlungen auch ab, da beispielsweise die Nebenwirkungen einer Chemotherapie nur schwer auszuhalten sind. Die palliative Therapie kann dem Erkrankten dagegen noch einmal eine ganz neue Form von Lebensqualität schenken. „Dies zu erfahren, entlastet die Angehörigen oftmals sehr.“ Zu akzeptieren, dass ein nahestehender Mensch keinen Lebenswillen mehr hat, kann ein monatelanger Prozess sein. „Da muss man natürlich hingucken, warum er nicht mehr leben möchte: Weil er starke Schmerzen hat? Die können wir vielleicht lindern. Oder ist er lebenssatt, kann er von seinem Leben Abschied nehmen?“, sagt Schindler. Es wird nicht jedem gelingen, sich mit den Entscheidungen des anderen auszusöhnen. Wenn es möglich ist, ist es von Seiten des Angehörigen ein großer Liebebeweis zu sagen: „Egal, wie du dich entscheidest – ich trage das mit dir.“

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