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Japan im Rheinland

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P O L I T I K

P O L I T I K Japans jüngster Bürgermeister legt sich ins Zeug Shuhei Azuma regiert seit Januar Shijonawate, die japanische Partnerstadt von Meerbusch. Er gehört zu einer Politikergeneration, die das Land von unten verändern will. VON SONJA BLASCHKE Foto: Stadt Shijonawate Als Shuhei Azuma mit 28 Jahren zum jüngsten Bürgermeister Japans gewählt wurde, waren seine Freunde gar nicht überrascht. „Die haben immer gedacht, dass ich eines Tages Bürgermeister werden würde“, sagt Azuma und lacht. Nur seine Mutter sei nicht so begeistert gewesen. Sie habe sich Sorgen gemacht, ob diese Aufgabe für ihren Sohn nicht doch zu schwer sei. Partnerschaft mit Meerbusch Azuma regiert seit Januar seine Heimatstadt Shijonawate (56.000 Einwohner), die japanische Partnerstadt von Meerbusch am Niederrhein. Sein Weg dorthin verlief alles andere als geradlinig. Erst studierte er an der Elite-Universität Kyoto Nukleartechnik. Lange überlegte er, ob er lieber Nuklearingenieur oder Politiker werden wollte. Bis zur Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi im März 2011. Damals habe er viele japanische Politiker als überfordert von technischen Fragen erlebt. Ursprung Neben Köln ist Meerbusch derzeit die einzige Kommune in NRW, die eine offizielle Partnerschaft mit einer japanischen Stadt unterhält. Seit 2010 ist die Kommune bei Düsseldorf offiziell mit Shijonawate bei Osaka in Zentraljapan verbunden. Den Kontakt hatte das japanische Generalkonsulat in Düsseldorf hergestellt. Profil Beide Städte sind erst vor 47 Jahren aus verschiedenen Gemeinden zusammengefügt worden und haben mit jeweils rund 56.000 Einwohnern die gleiche Größe. In Meerbusch stellen die Japaner zudem mit rund 800 Menschen die zweitgrößte ausländische Bevölkerungsgruppe. Japaner sind im Stadtbild präsent und im Vereinsleben aktiv. Einige japanische Konzerne haben ihre Deutschland- und Europazentralen in Meerbusch. I N F O Das sollte ihm nicht passieren. Er verweist als Vorbild auf Bundeskanzlerin Angela Merkel, ebenfalls eine studierte Physikerin. Nach seinem Abschluss arbeitete Azuma eineinhalb Jahre im Außenministerium in Tokio. Damals habe er viel über die grundlegende Funktionsweise seines Landes gelernt, sagt er: Japan sei eine „Beamten-Organisation“, der Apparat aufgebläht. Er habe erkannt, dass man auf Bürgermeisterebene mehr bewegen könne. Bald ging er für eine Unternehmensberatung nach Indien. Aber auch dort blieb er nur kurz. Vor einem Jahr starb sein Vater. Azuma kehrte nach Shijonawate zurück. Er wollte seinen Wunsch, Bürgermeister zu werden, nicht länger aufschieben. Er trat an und schlug den Amtsinhaber, einen über 60-Jährigen, aus dem Feld. Nur fünf Tage nach seinem Sieg trat er am 20. Januar sein Amt an. „Seither bin ich die ganze Zeit in Besprechungen“, sagt Azuma. Was die Bürger von ihm erwarten, erfahrt er schon jeden Morgen, wenn er zu Fuß zum Rathaus geht. „Da werde ich oft abgepasst“, sagt. Manche Menschen hätten ganz konkrete Wünsche: „Verbieten Sie das Rauchen im Gehen“ oder „Lassen Sie diese dreckige Straße reinigen.“ Die größte Hoffnung der Bürger sei aber, dass er den Niedergang des Städtchens aufhalte, etwa indem er mehr junge Menschen anlocke. Wie die Mehrzahl der japanischen Gemeinden kämpft auch Shijonawate mit der Überalterung und sinkenden Geburtenzahlen. Der Parteilose, der sich aber dem konservativen Lager zurechnet, sieht sich als Teil einer Riege von Jungpolitikern, die Japan von unten verändern wollen. Das fängt mit Reformen im eigenen Rathaus an. „Bisher haben die Beamten hier nicht frei gearbeitet, sondern gemacht, was ihnen aufgetragen wurde“, sagt Azuma. „Ich will sie ermuntern, selbst zu denken.“ Außerdem will er erreichen, dass die Mitarbeiter früher das Büro verlassen. Obwohl im Rathaus offiziell um 17.30 Uhr Schluss sei, bleiben viele bis 20 Uhr. Dabei seien die Überstunden häufig nicht nötig. „Zu viele Meetings, zu viele nutzlose oder doppelt ausgeführte Aufgaben“, analysiert er. Und: „Obwohl wir hier ein gutes IT-System haben, wird vieles weiter auf Papier erledigt.“ Beeinflusst sein Alter seine Arbeit? Die lokalen Parlamentsabgeordneten – viele in ihren Siebzigern – würden ihn wohl als Kind betrachten, vermutet Azuma. Ihre strengen Kommentare scheint er aber sportlich zu nehmen: Es werde einfach erwartet, dass er sich ins Zeug lege. Trotz seiner vielen Aufgaben hofft der junge Mann, noch in diesem Jahr Zeit für eine Reise nach Deutschland zu finden, um die Partnerstadt Meerbusch kennenzulernen. Den Austausch will er auf jeden Fall weiter fördern.

VON LUDGER BATEN Angefangen hat alles 1956. Der junge japanische Katholik Yujiro Shinoda, der damals in Köln studierte, lud vor seiner Heimreise die Kommilitonen in seiner Studentenverbindung ein, ihn in Japan zu besuchen. Sechs Jahre vergingen, bis es so weit war. Eine 150-köpfige Delegation füllte die gecharterte Super Constellation der Lufthansa, die damals fünf Zwischenlandungen auf dem Weg nach Tokio einlegen musste. Kölns Erzbischof Josef Kardinal Frings und Kronprinz Akihito, der heutige Kaiser von Japan, waren die Schirmherrn der Reise. Die schon 1954 offiziell begründete Partnerschaft der Erzdiözesen bekam endlich konkrete Konturen. So ganz nebenbei ging auch die Stadt Köln 1963 bei einer zweiten Reise eine Partnerschaft mit Kyoto ein. Kurioserweise werden in offiziellen Darstellungen über die Anfänge der Partnerschaft der Erzdiözesen die frühen und bis heute gepflegten deutsch-japanischen Kontakte der Studenten nicht erwähnt. Der Brückenschlag wurde vor 63 Jahren vom Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings und seinem japanischen Amtsbruder Peter Tatsuo Doi aus Tokio begründet. Frings sah als Ziel der Partnerschaft eine „Gemein- schaft des Gebetes und gegenseitigen Sich-Helfens“. Es ging ihm wohl um eine Partnerschaft auf Augenhöhe, obwohl die Erzdiözesen von immens unterschiedlicher Größe sind. Mehr als zwei Millionen Katholiken zählt die Kölner Erzdiözese, während es in Japans Hauptstadt mit ihren 18 Millionen Einwohnern von ihnen gerade einmal 90.000 gibt. Weniger als ein Prozent der 125 Millionen Japaner bekennt sich zum katholischen Glauben. Aus Köln floss Geld für die Mitbrüder in der japanischen Diaspora. Allein bis 1965 wurde die katholische Sophia-Universität in Tokio mit 20 Millionen Mark aus Deutschland unterstützt. Ein weiteres Projekt war der Bau der Marien-Kathedrale, der ebenfalls zu einem erheblichen Teil mit Mitteln finanziert wurde, die die Kölner Katholiken zur Verfügung gestellt hatten. Die Spendengelder sind unter anderem das Ergebnis einer Kollekte, die alljährlich am letzten Sonntag im Januar, am sogenannten Tokio-Sonntag, in der Erzdiözese Köln gehalten wird. Parallel dazu wird in Tokio der Köln-Sonntag gefeiert. Japanische Christen im Gebet: Nur etwa eine halbe Million Katholiken gibt es in dem Land. Katholischer Brückenschlag von Köln nach Tokio Studenten sind seit 60 Jahren eine treibende Kraft der Partnerschaft. Auch angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung Japans in den vergangenen Jahrzenten ist der materielle Transfer in Richtung Japan jedoch in den Hintergrund getreten. Vielmehr haben die Katholiken in Tokio nun ihrerseits eine Hilfsachse nach Myanmar, dem früheren Burma, aufgebaut, die auch von Köln aus gestärkt wird. Japanische und deutsche Katholiken helfen gemeinsam beim Aufbau eines Priesterseminars in Rangoon, der Hauptstadt Myanmars. Und auch sonst ist der deutsch-japanische Brückenschlag keine Einbahnstraße. Die Verbundenheit zeigt sich auch im Rheinland: Die Miyazaki-Caritasschwestern unterhalten in Köln ein Wohnheim für Studentinnen und in Düsseldorf einen japanischen Kindergarten. Foto: dpa C H R I S T E N

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