Aufrufe
vor 6 Monaten

Japan im Rheinland

  • Text
  • Japanische
  • Japan
  • Japanischen
  • Unternehmen
  • Japaner
  • Deutschland
  • Tokio
  • Frauen
  • Japans
  • Japanischer

G E S C H I C H T E Mit

G E S C H I C H T E Mit Samurai und Altbier fing alles an Nirgendwo in Deutschland geht es so japanisch zu wie im Rheinland. Das hat seinen Grund. Mitglieder der japanischen Delegation, die 1862 das Rheinland bereiste. Japaner in Düsseldorf Seit den frühen 60er Jahren organisierte sich die japanische Gemeinde im Rheinland im Rahmen einiger wichtiger Institutionen. Dazu gehört vor allem der 1964 gegründete Japanische Club, dem bis heute ein großer Teil der in der Region lebenden Japaner angehört. Das Angebot des Clubs umfasst Hilfestellung in Alltagsfragen sowie ein breites kulturelles Programm. Er arbeitet eng mit der ebenfalls 1964 entstandenen Deutsch-Japanischen Gesellschaft am Niederrhein zusammen, die aus einem Mittagstisch hervorgegangen ist, der deutsche und japanische Geschäftsleute zusammenbrachte. VON MATTHIAS BEERMANN Die enge Beziehung der Japaner zum Rheinland, sie begann am 17. Juli 1863 mit ein paar Krügen Altbier. An diesem Tag traf eine 38-köpfige japanische Delegation aus Holland kommend in Düsseldorf ein. Es war eine Sensation: Die drei Gesandten und ihr üppiges Gefolge, darunter zahlreiche Samurai, lösten am Die 1966 gegründete Japanische Industrieund Handelskammer zu Düsseldorf vertritt die Interessen von japanischen Unternehmen in ganz Deutschland. Die JIHK zog zunächst in das Gebäude der Bank of Tokyo ein, wo sich seit 1965 auch schon das Konsulat von Japan befand. Hier entstand auch die Idee, einen japanischen Garten im Nordpark anzulegen, der 1975 feierlich eröffnet wurde. 1978 folgte der Umzug ins Deutsch-Japanische Center. Mit mehr als 500 Mitgliedsunternehmen ist die JIHK heute der größte japanische Unternehmerverband in Europa. I N F O Köln-Mindener Bahnhof einen Volksauflauf aus. Die Japaner machten dort Rast, es war ein heißer Sommertag. Da kam ein kühles Bier gerade recht. Vielleicht waren es auch zwei. Der Korrespondent der „Niederrheinischen Volkszeitung“ notierte jedenfalls die ausgesprochen heitere Stimmung der Gesandtschaft, die kurz darauf nach Köln weiterreiste. Die Japaner waren jedoch auf keiner Lustreise, sie hatten eine wichtige Mission. Sie kamen nach Europa, um eine fremde Welt kennenzulernen, aber auch, um Handelsabkommen nachzuverhandeln, die die großen westlichen Nationen dem lange fast völlig abgeschotteten Land nach der mit Kanonenbooten erzwungenen Öffnung 1854 aufgedrängt hatten. Im damals preußischen Rheinland wussten die Gesandten sich freilich gut aufgehoben. Ein Jahr zuvor war ein als fair empfundener japanisch-preußischer Handelsvertrag abgeschlossen worden, an dessen Zustandekommen ein Rheinländer ganz besonderen Anteil hatte: Bereits im Juli 1859 hatte der Düsseldorfer Kaufmann Louis Kniffler in Nagasaki eine Handelsgesellschaft gegründet, er wurde der erste deutsche Unternehmer in Japan und 1863 auch preußischer Konsul in Nagasaki. 1865 kehrte Kniffler nach Düsseldorf zurück und eröffnete eine Niederlassung seines japanischen Handelshauses, das 1870 auch das erste Japangeschäft von Siemens vermittelte. Heute erinnert eine Gedenktafel im Düsseldorfer Japan-Center an diesen Pionier der rheinisch-japanischen Wirtschaftsbeziehungen. Schon damals interessierten sich die Japaner vor allem für jene Industrien, die auch im späteren Nordrhein-Westfalen stark sein sollten: Kohle, Stahl, Chemie - alles Bereiche, in denen ihre Heimat starken Nachholbedarf hat-

te. Aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg explodierte die japanische Nachfrage nach Produkten der Maschinenbau- und Schwerindustrie förmlich. Über ein Jahrzehnt lang kamen sogar Gruppen japanischer Bergleute nach NRW, um hier unter Tage zu arbeiten und von der deutschen Fördertechnik zu lernen. Die meisten japanischen Handelsunternehmen siedelten sich damals strategisch günstig in Düsseldorf an, dem „Schreibtisch des Ruhrgebiets“, das in den 50er Jahren Hamburg als bisheriges Zentrum des japanischen Außenhandels in Deutschland abhängte. Bis Ende der 60er Jahre hatten praktisch alle großen japanischen Handelskonzerne Verkaufsniederlassungen in Düsseldorf, bereits 77 Unternehmen zählte man 1969. In den 50er und 60er Jahren arbeiteten japanische Bergleute in Zechen im Ruhrgebiet. Mit den Firmen kamen immer mehr Japaner ins Rheinland, zuerst noch ohne ihre Familien, aber auch das änderte sich bald. Japanische Clubs und deutsch-japanische Vereine entstanden, 1963 eröffnete das erste japanische Restaurant in der Landeshauptstadt. 1965 bekam Düsseldorf ein japanisches Konsulat, im Jahr darauf wurde die Japanische Industrie- und Handelskammer zu Düsseldorf gegründet, 1971 öffnete die Japanische Internationale Schule ihre Pforten, 1976 der erste japanische Kindergarten. Als sich in den 80er Jahren immer stärker auch japanische Produktions- und Forschungseinrichtungen in der Region ansiedelten, stieg die Nachfrage nach heimischen Produkten und Dienstleistungen weiter. Japanische Läden, Restaurants, Bars schossen aus dem Boden, Anwälte, Ärzte und Immobilienmakler, ja selbst Frisöre und Floristen boten ihre Dienste nun auch auf Japanisch an. Nach und nach entstand so eine einzigartige Infrastruktur, dank derer man in Düsseldorf und Umgebung so japanisch leben kann wie vielleicht nirgendwo sonst außerhalb Japans. Und das Altbier gibt’s obendrein. Fotos: Ullstein G E S C H I C H T E

Sonderveröffentlichungen