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Japan im Rheinland

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Japan-Standort Düsseldorf profitiert vom Brexit Die ersten japanischen Unternehmen kehren London den Rücken und siedeln sich am Rhein an. VON THORSTEN BREITKOPF In sechs Jahrzehnten ist Düsseldorf zum Standort für zahlreiche japanische Unternehmen in Europa geworden, und die Anziehungskraft der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt scheint ungebrochen. Jedes Jahr entscheiden sich etwa 15 bis 20 japanische Unternehmen für die Stadt am Rhein. Und nun könnte eine historische Entscheidung diesen Trend sogar noch kräftig verstärken: Seit die Briten für den Abschied ihres Landes aus der EU gestimmt haben, bewerten viele japanische Unternehmen, die bisher mit ihren Europazentralen in Großbritannien ansässig sind, die Standortfrage neu. Gute Infrastruktur und Direktflüge Anzahl Rund 600 japanische Unternehmen haben sich in Nordrhein-Westfalen angesiedelt, fast 400 davon haben ihren Sitz in der Region Düsseldorf. Über die Hälfte der Firmen unterhalten ihre Europazentralen in NRW, rund 70 Prozent der am Rhein ansässigen japanischen Unternehmen sind sowohl in Deutschland als auch in der übrigen EU tätig. Das produzierende Gewerbe dominiert als Branche sowohl hinsichtlich der Zahl der Unternehmen als auch der Mitarbeiter. Lage Als wesentlicher Vorzug des Standorts aus Sicht japanischer Unternehmen gilt seine sehr gute Infrastruktur und verkehrsgünstige Lage innerhalb Europas. Und am Flughafen Düsseldorf bietet die Fluggesellschaft All Nippon Airways seit 2014 eine tägliche Direktverbindung nach Tokio an. I N F O Darauf verweist auch Shigeo Yamaguchi, Partner bei Arqis Rechtsanwälte im Düsseldorfer Medienhafen. Seine Kanzlei ist stark auf japanisches Geschäft in der EU konzentriert. Und die Japaner setzen schon seit Jahrzehnten auf die NRW-Landeshauptstadt als starken Standort für Geschäfte in der gesamten Europäischen Union. Yamaguchi, Japaner, der seit 20 Jahren in Düsseldorf tätig ist, hatte schon im Juli 2016, kurz nach der Brexit-Entscheidung prophezeit, dass Düsseldorf von einem EU-Austritt der Briten profitieren könnte. „Viele asiatische Unternehmen gehen den europäischen Markt über London an, das insbesondere in Bezug auf japanische Unternehmenssitze ein traditioneller Konkurrent von Düsseldorf ist. Wenn Großbritannien aber nicht mehr zur EU gehört, könnte Düsseldorf profitieren. Wirtschaftliche und rechtliche Argumente sprechen für Düsseldorf.“ Yamaguchi weiß von einem ersten Fall zu berichten. „Ein japanisches Unternehmen stand kurz vor der Entscheidung, eine Tochtergesellschaft in London zu gründen. Doch die Meldungen über den bevorstehenden Ausstieg Großbritanniens aus der EU ließen die japanischen Manager umentscheiden. Sie wollten lieber nach Düsseldorf gehen und am Rhein investieren. Der Standort der neuen Tochter wurde verlegt“, sagt Yamaguchi. Dies sei keineswegs ein Einzelfall, meint der Rechtsanwalt. „Der Gang nach NRW und Düsseldorf anstelle Londons ist aus japanischer Sicht ein Trend, der sich weiter verstärken wird“, sagt Yamaguchi. Er beobachte auch, dass japanische Unternehmen nach der Brexit-Entscheidung ihren Lagerbestand nach Deutschland verlegen. Viele hätten damit schon direkt nach dem Referendum begonnen. „Die japanischen Unternehmer haben Angst, dass sie im Fall des Austritts Großbritanniens aus der Union eventuell auf ihre Waren doppelt Zölle zahlen müssen“, sagt Yamaguchi. Ohnehin sei japanischen Geschäftsleuten der Standort Deutschland näher, gebe es doch ähnliche Strukturen wie in ihrem Heimatland. „Japan und Deutschland sind sich nicht unähnlich, beide sind starke Automobil-Industriestaaten, beide wurden nach dem verlorenen Krieg neu aufgebaut“, sagt Yamaguchi. Das präge Menschen und Wirtschaft. Außerdem sei Deutschland technologisch hoch innovativ. Gerade Düsseldorf sei dafür ein Beispiel. Die Start-up-Szene mit dem Gründerzentrum Startplatz im Hafen etabliere sich. Mit den Vorzeige-Unternehmen Trivago, einem Reiseportal, und Auxmoney, einem Kreditvermittler, hat sich gezeigt, dass Düsseldorfer Gründer nicht nur innovativ sind, sondern auch Hunderte Jobs schaffen können. Erst jüngst habe einer seiner Mandanten den Kauf eines Start-up-Unternehmens aus Düsseldorf avisiert, verrät der Anwalt. Um welches es sich handelt, will Yamaguchi aber noch nicht preisgeben. Ein Potenzial, das aber zunehmend auch chinesische Geschäftsleute erkennen. Während die Japaner am Rhein das Asiengeschäft bislang dominieren, holen die Chinesen auf. Rund 300 Firmen aus dem Reich der Mitte gibt es bereits im Raum Düsseldorf, Tendenz schnell steigend. Läuft China Japan den Rang als wichtiger Auslandsinvestor ab? Der Japaner Yamaguchi sieht das gelassen. „Die Chinesen sind gute Mitstreiter, und Wettbewerb belebt den Markt, das ist gut für alle“, sagt Yamaguchi. Einen weiteren Trend kann er erkennen: Für Japans Wirtschaft werde zunehmend auch der rheinische Mittelstand attraktiv. Viele Düsseldorfer Familienunternehmen hätten heute ein Nachfolgeproblem. Und japanische Investoren seien oft bereit, solche solide Firmen zu erwerben und weiterzuentwickeln. Positiv auf die Kauflust der Japaner wirkt sich aus, dass der Yen derzeit im Verhältnis zum Euro so stark ist wie selten zuvor.

W I R T S C H A F T GRAFIK: ZÖRNER JAPAN-DESK UND NRW INVEST Dass sich so viele japanische Unternehmen in NRW und speziell in Düsseldorf angesiedelt haben, hat auch mit den intensiven Bemühungen um diese Investitionen zu tun. So bündelte die Wirtschaftsförderung der Stadt ihr Beratungsangebot vor zehn Jahren an einem „Japan-Desk“. Er soll japanischen Firmen Hilfe aus einer Hand bieten – bei der Ansiedelung, aber auch bei der späteren Geschäftstätigkeit. Es geht dabei um die Unterstützung bei rechtlichen Fragen oder bei der Suche nach geeigneten Immobilien sowie die Vermittlung von Kontakten zu Beratern, Institutionen und Behörden. „Japanische Firmen sind sehr anspruchsvoll, was die Standort-Recherche betrifft“, sagt Annette Klerks, Leiterin des International Business Service. „Darauf haben wir uns eingestellt.“ Der Japan-Desk kann sich auf ein dichtes lokales deutsch-japanisches Netzwerk stützen, darunter Institutionen der Wirtschaft wie die Japanische Industrie- und Handelskammer zu Düsseldorf (JIHK), die JETRO (Japan External Trade Organization), die IHK Düsseldorf und den Deutsch-Japanischen Wirtschaftskreis (DJW). Der Neujahrsempfang für die japanische Wirtschaft in Düsseldorf und der von 1000 Gästen besuchte Düsseldorfer Abend in Tokio dienen dem Ausbau dieses Netzwerks. Auch die landeseigene Wirtschaftsförderungsgesellschaft, die seit 2007 als NRW Invest firmiert, vermarktet den Investitionsstandort Nordrhein-Westfalen schon seit Jahrzehnten sehr erfolgreich in Japan. Firmen wie Sony, Toyota, Nissan oder Maz da konnte sie schon in den 70er Jahren nach NRW locken. In den 80ern folgten dann vor allem Unternehmen der Elektrotechnik und Unterhaltungselektronik wie Toshiba, Fuji Magnetics oder Mitsubishi Electric. 1991 eröffnete die Landeswirtschaftsförderung dann eine eigene Repräsentanz in Japan, die ein Jahr später zur NRW Japan K. K. wurde und damit in diesem Herbst ihr 25-jähriges Bestehen feiert. Sie führt seither regelmäßig Investorenveranstaltungen in Japan zu aktuellen wirtschaftlichen Themen durch. „Die Gründung unserer Tochtergesellschaft war ein Novum und, wie sich heute zeigt, ein guter Schritt. Wir haben schon frühzeitig das Potenzial erkannt und gezielt japanische Unternehmen angeworben. Japan war und ist eines unserer wichtigsten Investorenländer,“ sagt Petra Wassner, Geschäftsführerin von NRW Invest. Mit regelmäßigen Veranstaltungen in Japan und in Nordrhein-Westfalen treibt NRW Invest den Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen zu Japan kontinuierlich voran.

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