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Neusser Bürger-Schützenfest -ET 25.08.2017-

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16 NEUSSER

16 NEUSSER BÜRGER-SCHÜTZENFEST ngz FREITAG, 25. AUGUST 2017 Muskelspiel Fahnenschwenken Wenn Fahnenschwenker ihre Kunst zeigen, gibt es von den Zuschauern immer viele „Ahhs“ und Ohhs“. Eine mittlere Schwenkfahne von 1,40 Quadratmeter wiegt immerhin zehn bis zwölf Kilo. Von Susanne Niemöhlmann NEUSS Sie fallen auf. Treten deutlich aus der grünen oder weiß-schwarzen Menge der Neusser Bürger- Schützen hervor. Statt in Reih‘ und Glied zu marschieren, haben sie meist die gesamte Straßenbreite für sich. Und diesen Platz benötigen sie: Die Fahnenschwenker der Neusser Schützenkorps sind mit ihren Darbietungen ein echter Hingucker. Gut anderthalb Dutzend Schützen im Neusser Regiment sind derzeit als Fahnenschwenker aktiv. Herrschte früher ein gewisses Konkurrenzdenken zwischen den Repräsentanten der verschiedenen Korps, so haben die „Sportler“ unter den Schützen inzwischen korpsübergreifend Freundschaft geschlossen und sich lose als „Regimentsfahnenschwenker“ zusammengetan. „Als ich mit 15 Jahren angefangen habe, haben sich die Fahnenschwenker gegenseitig aufgezogen und die Fahne des jeweils anderen gern als ,Taschentuch‘ verspottet“, erinnert sich Harry Herbst (44), der auf annähernd drei Jahrzehnte zurückblickt. Solche Rekeleien gehören der Vergangenheit an. Man kennt sich, man mag sich, man hilft sich. Die Jungen, die über weniger Erfahrung verfügen, können sich an die „alten Hasen“ wenden und erhalten von ihnen Tipps und Kniffe. „Die Anfänger können wirklich jeden Fahnenschwenker ansprechen – alle sind total nett und geben ihr Wissen gerne weiter“, versichert Herbst. Das herzliche Verhältnis der Fahnenschwenker untereinander lebt die junge Generation ganz selbstverständlich. Wettbewerb? „Ich habe eher erlebt, dass man sich gegenseitig freundschaftlich animiert“, berichtet Jan Goeres. Der 22-jährige Maschinenbaustudent hatte 2016 seine Premiere als Fahnenschwenker und „vorher ordentlich Muffensausen“, wie er zugibt. Da war es von Vorteil, dass die verschwitzten Hände in Handschuhen steckten. „Aber als es losging, hatte ich gar keinen Kopf mehr dafür, wie viele hundert Menschen da vom Straßenrand aus zugucken und ob der WDR das alles überträgt“, erzählt er. Kon- zentration und eine gute Auge-Hand-Koordination sind gefragt. „Mit Alkohol sind wir auf jeden Fall sehr zurückhaltend“, betont Max Jonen (27), „Fahnenschwenker zu sein, ist schon eine etwas andere Art, Schützenfest zu feiern.“ Klar, da ist die Verantwortung für die Fahne, die nach dem Um- zug erst einmal sicher verstaut werden muss, da ist die körperliche Anstrengung, aber da sind auch die Erwartungen des Publikums. „Manchmal kriegt man die Statements der Zuschauer mit, die mit der Zeit wissen, welcher Fahnenschwenker welche Spezialität hat“, erzählt Florian Henn. Der 27-Jährige, zum immerhin 13. Mal mit der Fahne unterwegs, ist ein wahrer Artist. Doch auch bei ihm ging schon einmal etwas daneben. „Als ich auf dem Büchel die Fahne geworfen habe, blieb sie auf der Oberleitung der Straßenbahn liegen“, erzählt er lachend. Natürlich steigt mit dem Grad der Aufmerksamkeit auch das Potenzial, sich eine Blöße zu geben. „In den ersten Jahren habe ich darum nur einfache Figuren gemacht, und vor dem König habe ich die Fahne schon gar nicht geworfen“, gibt Sebastian Cremer (23) zu. Als die Fahne trotz Vorsicht dann mal auf der Straße landete, gab’s zu seiner Erleichterung vom Publikum statt hämischer Kommentare aufmunternde Anfeuerungsrufe. Überhaupt die Zuschauer: Wenn die Fahnenschwenker bei Temperaturen um die 35 Grad ins Schwitzen geraten, reicht ihnen bestimmt irgendjemand vom Straßenrand ein Glas oder eine Flasche Wasser, wie Und: „Es gibt regelrechte Fans, die gezielt zu speziellen Terminen kommen, um die Fahnenschwenker zu sehen“, meint Harry Herbst. So wie zum traditionellen Schauschwenken auf dem Markt am Schützenfest-Sonntag. Dass dies nun erstmals gestrichen ist, bedauert Herbst sehr: „Damit fällt eine Gelegenheit weg, uns zu präsentieren.“ war ein anderes Schwenken als bei man traute sich mehr“, beschreibt Jan Goeres. „Wenn einem mehrere hundert Menschen zusehen und anschließend applaudieren, ist das wie eine Belohnung“, erklärt auch Max Jonen begeistert berichtet. „Es den Umzügen: Die Musik war fetziger, Sebastian Cremer. Fahnenschwenken ist auch Muskelarbeit – wie das Beispiel mit den Gildeschützen zeigt. NGZ-FOTO: WOI

ngz FREITAG, 25. AUGUST 2017 NEUSSER BÜRGER-SCHÜTZENFEST 17 Gemäß alter Tradition kredenzen Geschäftsleute dem neuen Schützenkönig beim Wackelzug Sekt im Silberpokal. Dieter und Sigrid Bunse halten den fast vergessenen Brauch am Leben. VON JASCHA HUSCHAUER NEUSS Wenn am Schützenfestdienstag die Kirchenglocken vom Münster verkünden, dass es einen neuen König gibt, holt Dieter Bunse einen silbernen Pokal aus dem Schrank. Im Kühlschrank wartet schon eine Flasche Sekt. Der wird später in den Kelch gefüllt und dem König beim Wackelzug kredenzt. Das ist einer von vielen alten Bräuchen des Schützenfestes – einer allerdings, der zuletzt etwas in Vergessenheit geriet. „Als ich noch ein kleiner Steppke war, musste der König an jedem zehnten Haus halten“, erinnert sich Bunse. Schon immer kredenzten vor allem Geschäftsleute. Da viele Innenstadt- Geschäfte heute von großen Ketten geführt werden, ist die Tradition fast verschwunden. Bunse hält sie aufrecht. Der 76-Jährige hat sie – genau wie sein Blumen-Geschäft – von seinem Vater übernommen. Der hat den Laden im Jahr 1937 gegründet. Inzwischen führt Bunses Tochter Simone Bunse-Heidelberg (48) die Geschäfte. Über Schützenfest ist dabei viel zu tun: Rund 4700 Nelken und 3500 Rosen sind zu verarbeiten – für rotweiße Anstecker für Revers und Gewehr wie für etliche Sträuße, die Nüsser Röskes an die Schützen verteilen. „An den Festtagen arbeiten wir von 6 bis 18 Uhr“, sagt Bunse. Ein Schluck aus dem Pokal Dieter Bunse (l.) ist einer der wenigen, die in der Neusser Geschäftswelt an der Tradition des Kredenzens beim sogenannten Wackelzug festhalten. So kamen 2016 Thomas Nickel, Reiner Breuer sowie Christoph Napp-Saarbourg (v.l.) als damals neuer König in der Kutsche in den Genuss. FOTO: WOI Und wenn die Schützen ihr Fest mit dem Wackelzug ausklingen lassen, ist auch Familie Bunse noch auf den Beinen. Gut eine Stunde bevor der Zug am Laden an der Erftstraße vorbeizieht, beginnen die Vorbereitungen. Dieter Bunse trägt dann einen grünen Tisch und mehrere Stühle auf den Bürgersteig. Darauf platziert er zwei Bier-Fässer. Treue Kunden des Geschäfts bekommen während des Wackelzuges ein Bier spendiert. „Das ist alte Tradition und uns sehr wichtig“, sagt Simone Bunse- Heidelberg. Sicher trägt es aber auch dazu bei, Kunden ans Geschäft zu binden. Als alles vorbereitet ist, holt Dieter Bunse den silbernen Pokal, öffnet die Flasche Sekt und schenkt ein. An diesem Abend wird er dem neuen König sicher besonders gerne kredenzen. Christoph Napp-Saarbourg ist ein guter Bekannter von Dieter Bunse. „Klar freue ich mich für ihn“, sagt Bunse. Dann biegen drei Polizei-Motorräder um die Ecke. Es folgen die Kürassiere. Dieter Bunse holt schnell seinen Pokal mit dem Sekt und blickt erwartungsvoll auf die Straßenecke, um die jetzt auch Sappeure und Oberst gezogen sind. Und während das Tambourcorps am Laden vorbei marschiert, biegt eine Kutsche um die Ecke. Darin stehen der neue König Christoph Napp- Saarbourg, Schützenpräsident Thomas Nickel und Bürgermeister Reiner Breuer, winken in die Menge und verteilen Rosen. Nickel blickt schon erwartungsvoll zu Dieter Bunse. Dann tippt der Schützenpräsident dem Fuhrmann auf die Schulter. Der stoppt die Kutsche. Bunse tritt heran, reicht dem König den Pokal und sagt: „Christoph, ich wünsche Dir ein sonniges Jahr.“ Der neue König lächelt zufrie- den, macht einen kleinen Diener und nimmt einen Schluck Sekt. Dann reicht er den Kelch an Nickel und Breuer weiter. Viel gesprochen wird nicht. „Was sollen die auch sagen, außer sich für die Erfrischung zu bedanken“, sagt Bunse. Auch das restliche Komitee trinkt aus dem Kelch. „Das ist einfach ein symbolischer Dank für die ganzjährige Arbeit dieser Menschen“, er- klärt Bunse. Die Königs-Kutsche hat inzwischen ihre Fahrt fortgesetzt. Es folgt das Fahrwerk mit dem alten König Gerd Philipp Sassenrath. Auch ihm reicht Bunse noch mal den Pokal. Doch diesmal gibt der Fahrer den Pferden zu früh das Signal zur Weiterfahrt. Der Kelch ist noch an Bord. Bunse läuft hinterher und holt sich den Pokal noch zurück. Schließlich hat auch der seine ganz eigene Tradition – wenn auch keine schützenfestliche. Der Pokal wird nämlich anlässlich eines Tennis-Turniers der Bürgergesellschaften aus Dortmund, Köln und Neuss verliehen. Gestiftet wurde er im Jahr 2007 von der Bürgergesellschaft Köln. „Die haben den seitdem nie gewonnen“, sagt Dieter Bunse und lacht.

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