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Neusser Bürger-Schützenfest -ET 25.08.2017-

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ngz FREITAG, 25. AUGUST

ngz FREITAG, 25. AUGUST 2017 NEUSSER BÜRGER-SCHÜTZENFEST 3 „Wir sind traditionell“ Christoph Napp-Saarbourg und seine Ehefrau Petra haben in ihrem Jahr als Schützenkönigspaar das größte Neusser Volksfest aus einem besonderen Blickwinkel erlebt. Sie regieren gemeinsam – aber mit einem ganz eigenen Rollenverständnis. Gehört zu den Amtshandlungen eines Königspaars: das Einschalten der Weihnachtsbeleuchtung. Voller Spannung: Petra Frankenheim- Napp-Saarbourg und Tochter Prisca. Geschafft: Ein Kuss als Belohnung für den neuen König. ARCHIVFOTO (5): WOI Entspannt: Das neue Königspaar stellt sich den Fotografen. Nun wartet der Krönungsball in der Stadthalle. VON CHRISTOPH KLEINAU NEUSS Vor allem die Politik hat zuletzt immer wieder größere Anstrengungen des Komitees gefordert, die Stellung der Frauen beim Neusser Bürger-Schützenfest zu stärken. In diesen Chor stimmt Petra Frankenheim-Napp- Saarbourg (51)nicht ein. „Ich bin eher vom alten Schlag. Mein Mann ist der König, und ich bin sein Rösken“, sagt die Frau an der Seite von Schützenkönig Christoph I. (Napp- Saarbourg), der ergänzt: „Wir sind traditionell.“ Wenn der 52-jährige Apotheker das Wort Tradition im Munde führt, will er nicht nicht spießig, abgegriffen oder nostalgisch klingen. Tradition ist für ihn das „Bewahren von Bewährtem“. Tradition, sagt Napp- Saarbourg, diene dazu, gewisse Dinge oder auch Werte an die nächste Generation zu vermitteln. Freundschaft gehört für ihn dazu, ohne die das Leben in den Zügen und die solidarische Unterstützung nicht funktionieren würden. Tradition ist aber für ihn auch das fast kunstvolle Geflecht der Regeln zum Schützenfest. „Wenn die Abläufe immer geändert würden, weil einer Gruppe etwas nicht passt, wäre es nicht mehr unser Schützenfest“, sagt der Schützenkönig. Das heiße aber nicht, Neues reflexhaft abzulehnen. Dass es seiner Königin – erstmals – gestattet war, mit dem König nach dem Vogelschuss gemeinsam in der Kutsche zum Rathaus zu fahren, haben beide als gute und eigentlich überfällige Neuerung erlebt. Das Schützenfest in Neuss gehört für Christoph Napp-Saarbourg unverrückbar zu dem, was er als Heimat bezeichnet. Doch es ist nur ein Teil davon. Zur Neusser Identität zählt er auch das historische Erbe (und dessen steinerne Zeugen im Stadtbild) oder die Mundart. Auch für deren Fortbestand und Tradierung tritt er ein. Als Vorsitzender der Heimatfreunde oder des „Vereins der Freunde des historischen Nordkanals“, als Vorstandsmitglied im Ortskuratorium Neuss der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und nicht zuletzt – als aktiver Einzelhändler – als Gründungsvorsitzender der Zukunftsgemeinschaft Innenstadt Neuss (ZIN). Ein vielfältiges Engagement, für das auch Napp-Saarbourgs familiäre Prägung eine Erklärung liefern könnte: Am Büchel und mit Blick auf den zentralen Münsterplatz und die Basilika St. Quirin betreibt er in vierter Generation die Einhorn-Apotheke, die seit 1899 im Familienbesitz ist und deren Anfänge im Jahr 1648 verbrieft sind. „Man wird mit der Tradition groß“, sagt er knapp. Seine Schützenlaufbahn machte Napp-Saarbourg 1983 zum Mitbegründer des Schützenlustzuges „Dropjänger“, den er seit 30 Jahren als Oberleutnant führt und der mit ihm erstmals den Schützenkönig stellt. Er feiert aber auch in Holzbüttgen in dem von ihm mitgegründeten Grenadierzug „Doch noch dobee“ Kirmes – und regelmäßig im märkischen Plettenberg. „Ich kann nur empfehlen, Schützenfest woanders zu feiern“, sagt er. Das weite den Horizont ganz enorm. Das gilt übrigens auch für das zu Ende gehende Königsjahr. Als Gast bei anderen Neusser Vereinen erlebte Napp-Saarbourg, dass mancherorts auch die Königin die Parade mit abnehmen darf (was in Neuss noch unmöglich ist). Er erlebte den Ausnahmezustand in Elvekum („Da ist jeder von der Geburt an Mitglied der Kirmesgesellschaft und auch beim Fest dabei“), und ordentliche Regimenter in Hoisten oder Holzbüttgen. „Es macht Spaß, dort hinzugehen“, sagt Napp-Saarbourg, der für den Erfolg dieser im Vergleich kleineren Feste auch eine Begründung zur Hand hat: „Eine gewisse Art von Ordnung und Disziplin gehört unabdingbar dazu.“ Napp- Saarbourg hat aber – etwa in Weckhoven – auch den Vorwurf vernommen, dass große Neusser Schützenfest würde mit seiner Attraktivität für die Schützen eben diese kleinen Feste auf Dauer aushöhlen. „Dagegen muss man sich schon verwahren“, sagt Napp-Saarbourg. Schützenkönig wurde Napp- Saarbourg im vergangenen Jahr mit dem achten Schuss. Bei seinem – nach erfolglosen Versuchen in den Jahren 2013 und 2014 – dritten Anlauf blieb er alleine an der Vogelstange. „Schieß, so lange du magst“: Das hatte ihm seine Frau mit auf den Weg gegeben, doch ein langes und einsames Schießen war für den Schützenlust-Oberleutnant eine Horrorvorstellung – die ihm auch erspart blieb. Danach waren sie König – und zwar gemeinsam. Als Königin nur hinterherzulaufen, habe sie nicht gewollt, sagt Petra Frankenheim- Napp-Saarbourg, der die Königinnenrolle nie zuviel geworden sei. Den „strahlenden Punkt an meiner Seite“ sagt der König über seine Frau und weiß genau, was er an ihr, mit der er seit 1994 verheiratet ist, hat und was er ihr verdankt: „Bei allen Entscheidungen ist sie die erste, mit der ich rede“, erzählt Christoph Napp-Saarbourg, „und sie ist eine sehr kritische Gesprächspartnerin.“ Nach Möglichkeit begleitet Petra Frankenheim-Napp-Saarbourg ihn zu allen Terminen. Viele davon kannte Napp-Saarbourg, der im Korps der Schützenlust auch Oberschützenmeister und Musikbeauftragter ist und 2005 als Korpssieger etwas Einblick in das Eigenleben der anderen Einheiten im Regiment nehmen konnte. Trotzdem war vieles für ihn und seine Frau neu oder ganz anders zu erleben. Der Besuch in der Kreuzschule, wo 250 Kinder auf das Königspaar warteten, zählen beide ebenso dazu wie die Fahrt mit der Kardinal-Frings-Gesellschaft in den Kölner Dom oder die „Eierdieb- Taufe“ des Hubertuszuges „Quirinus-Ritter“ im Stadtgarten. „Die Sicht auf die Dinge ist eine ganz andere“, sagt Schützenkönigin Petra, die sich als „Royal“ über jeden Blumenstrauß gefreut hat („ich habe das genossen“), und sich als Schützenkönigin Kutschfahrten an den Kirmestagen freut. Dass die ins Wasser fallen könnten, glaubt sie nicht: „Wir haben 23 Grad und ein laues Lüftchen Auch als amtierender Schützenkönig hat Napp-Saarbourg seine Aufgabe in der Korpsführung der Schützenlust beibehalten und nicht zuletzt für die elf Marschblöcke zum pflichtet. Diese Arbeit einfach für ein Jahr bei jemand anderem „abzustreifen“, hätte er nicht fair gefunden, Vielleicht hilft das dem gebürtigen Büdericher, der nach dem Abitur am „Quirinus“ erst eine Banklehre machte, auch dabei, nach dem Königsjahr leichteren Herzens aus diesem Amt auf Zeit auszuscheiden. Denn dass am Ende seines Königsjahres ein neuer Schützenkönig steht, war Napp-Saarbourg von Anfang an bewusst: „Erst bis du aktueller sagt Napp-Saarbourg, der als Quintessenz „Ein Schützenkönig sollte sich nicht zu wichtig nehmen und allen gegenüber vor allem auf die bestellt.“ Fackelzug 23 Klangkörper ver- sagt Napp-Saarbourg. König, dann ,Ex’ und dann ,Alt’“, aus seinem Jahr festhält: offen sein.“ Das Königspaar Christoph und Petra Napp-Saarbourg im Ornat. ARCHIVFOTO: WOI

4 ngz FREITAG, 25. AUGUST 2017 ngz NEUSSER BÜRGER-SCHÜTZENFEST NEUSSER BÜRGER-SCHÜTZENFEST 5 FREITAG, 25. AUGUST 2017 Dienstags auf der Festwiese Die Sonne scheint. Mindestens zwei Männer wollen an diesem Tag König von Neuss werden, die Temperaturen liegen um die 23 Grad, die Menschen sind fröhlich und warten. Die Luft auf der Festwiese scheint zu vibrieren, der Nachmittagsumzug ist vorbei, jeder Zug hat sich in seiner „Wagenburg“ eingefunden – alle warten nun darauf, dass das Schießen um die Schützenkönigswürde endlich beginnt. Unter den fünf Festtagen ist der Dienstag vielleicht der mit der größten Atmosphäre. Denn die ist ebenso locker wie gespannt, freudig-erregt wie ängstlich-besorgt. Wird der Wunsch-Kandidat, der Zugkamerad, Nachbar oder Kollege sein kann, es schaffen, den Vogel runterzuholen? Wimmelig wie nur selten geht es an diesem Tag auf der Festwiese zu. Ein ideales Feld also für den Karikaturisten Wilfried Küfen, der in seinem Leben schon so viele Schützen-Motive zu Bildern gemacht hat, dass er sie vermutlich kaum noch zu zählen kann. Aber das Treiben am Schützenfest-Dienstag ist auch für ihn etwas Besonderes. Erstens, weil ihm selten ein so großes Bild abverlangt wird. Und zweitens, weil auch er dieses Bild bislang noch nicht mit seiner Feder festgehalten hat. Die übrigens wirklich eine Feder ist, denn Küfen zeichnet immer mit einer Feder, nur die Skizzen macht er mit Bleistift. Eine Küfen-Karikatur löst beim Betrachter fast immer ein Ritual aus. Zumindest in Neuss. „Bin ich drauf?“ zitiert der Zeichner lachend seine Fans, die sich gern in der Menge der Menschen suchen und hoffen, dass sie sich finden. Ein Streben, das auch prominenten Zeitgenossen nicht fremd ist, erzählt er. Aber in diesem Fall hat er auf bekannte Gesichter verzichtet. Wer also meint, sich wiederzuerkennen, sollte mit der Frage nach dem Warum noch mal in sich gehen ... Was allerdings auf einer Küfen-Zeichnung nicht fehlen darf, sind die Pferdeäpfel. Die waren schon auf seinen ersten Arbeiten Mitte der 1970er Jahre zu sehen. „Ich hätte ja auch mal darauf verzichtet“, sagt er und lacht, „aber sie wurden immer wieder gewünscht.“ Samt der Fliegen, die die Hinterlassenschaft der Pferde umschwirren, auf der Festwiese allerdings gehen sie im Getümmel fast unter. Küfen selbst sieht seine Zeichnungen wie ein „Papiertheater“ und spricht von Regieszenen, die erst in seinem Kopf, dann als Bleistiftskizzen am Schreibtisch entstehen, bevor er die ersten Zeichnungen an eine Wand pinnt, um eine andere Sicht zu bekommen. Schließlich muss alles stimmen. Die Perspektive vor allen Dingen, der Figuren, aber auch des Raumes. Gleichzeitig darf natürlich in einer Karikatur alles auch ein wenig überzeichnet sein. Dafür setzt Küfen auch schon mal die Sprache ein oder gibt einer Wurst, die wie der Hahn auf dem Kirchturm auf dem Dach einer Imbissbude thront, ein lächelndes Gesicht. Küfen sieht Dinge hinter den Dingen und hat selbst ein großes Vergnügen daran, das für alle sichtbar zu Bildern zu machen. Zeichnungen wie diese machen ihm großen Spaß – Mühe allerdings auch, denn die Kleinteiligkeit ist das Ergebnis vieler Stunden, die er mit Feder und Aquarellfarben zum Nachkolorieren verbracht hat. Angefangen hat Wilfried Küfen übrigens als Schüler. Er zeichnete Micky Maus – und seine Schwester hat sie dann für zehn Pfennig verkauft ... Das Original der Küfen-Karikatur geht als Geschenk der NGZ an das Schützenmuseum. Zum Beispiel für einen neuen Anschauungsunterricht in Sachen Schützenfest für Anfänger und Fortgeschrittene. Helga Bittner

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