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Stadtteilserie - Fünf Dinge, die Sie über Gartenstadt wissen sollten

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Stadtteilserie - Fünf Dinge, die Sie über Gartenstadt wissen

✧ KR-L4 C4 Aus den Stadtteilen RHEINISCHE POST FREITAG, 14. JULI 2017 BOCKUM BISMARCKVIERTEL ELFRATH FISCHELN FORSTWALD GARTENSTADT GELLEP-STRATUM HOLTERHÖFE HÜLS INRATH KLIEDBRUCH KÖNIGSHOF LINDENTAL LINN OPPUM STADTMITTE STAHLDORF TACKHEIDE TRAAR UERDINGEN VERBERG ZAHLEN & FAKTEN Supermarkt Nr. 2 wird größer als sein Vorgänger An der Breslauer Straße werden der abgerissene Supermarkt und 36 neue Wohnungen gebaut. GRAFIK: WOHNSTÄTTE (lez) In der rund 276 Hektar großen Gartenstadt mit dem benachbarten Ortsteil Elfrath leben im Krefelder Nordosten rund 7000 Einwohner in 3380 Haushalten. Der Anteil der Bewohner über 65 Jahre liegt bei 26 Prozent, der der Kinder und Jugendlichen bei 14 Prozent. Der Stadtteil verfügt über drei Kindertageseinrichtungen sowie eine Grund-, eine Haupt- und eine Förderschule. Überraschend für eine Wohnstadt, die in den 50er und 60er Jahren errichtet wurde, ist der immerhin drei Viertel umfassende Anteil von Ein- und Zweifamilienhäusern vornehmlich innerhalb der sie umgebenden Traarer- und Breslauer Straße. Insgesamt ein gutes Dutzend Geschäfte, Dienstleister und Gastronomiebetriebe – darunter auch ein Eiscafé – finden sich am Insterburger Platz sowie an der Traarer-, Höhe Breslauer Straße. Dort steht den Bewohnern darüber hinaus der derzeit einzige Supermarkt der Gartenstadt zur Verfügung. Der zweite Nahversorger an der Breslauer Straße wurde unlängst abgerissen und wird zurzeit wenige Meter weiter größer, moderner und mit ausreichend großem Parkplatz neu gebaut. SERIE KREFELD UND SEINE STADTTEILE Vorbild für weitere Neubau-Gebiete Die Anlage der sieben Punkthäuser mit zentralem Treppenhaus und Aufzug besticht durch durchgängige Grünflächen mit Rasen, Bäumen, Sträuchern und Hecken. Die Anlage der Punkthäuser mit viel Freiraum für Grün hat die Gartenstadt erheblich aufgewertet. VON JOCHEN LENZEN Die Gartenstadt wird seit Anfang des Jahres ihrem Namen noch ein gutes Stück gerechter: Die Wohnstätte AG hat dort unter anderem zwischen Akazien- und Pappelstraße seit 2013 sieben hoch moderne, freistehende so genannte Punkthäuser errichtet. Die Architektursprache erinnert an die des Bauhaus-Stils. Zwischen den Häusern wurden großzügige Grünflächen mit Rasen, Bäumen, Sträuchern und Hecken angelegt. Autos finden nur noch an den Rändern angrenzender Straßen oder in der neuen, rund 70 Stellplätze bietenden Tiefgarage Platz. Punkthäuser haben diesen Namen, weil das Treppenhaus jeweils im Zentrum der Gebäude liegt und vier bis fünf Wohnungen pro Geschoss an den Aufzug angebunden werden, damit die Betriebskosten moderat ausfallen. Politiker und Planer haben die Punkthäuser und ihr Umfeld schon so beeindruckt, dass sie diese Anlagen als Beispiel für künftige Wohnbauflächen in Fischeln und am Zoo ins Gespräch gebracht haben. An der Herbertzstraße in Oppum werden in diesem Jahr sogar schon vier Punkthäuser mit 50 Wohnungen realisiert; für einen späteren Zeitpunkt besitzen die Planer die Option, dort vier weitere dieser Häuser RP-FOTO: TOMAS LAMMERTZ zu errichten. Die sieben Punkthäuser in Gartenstadt mit jeweils drei Geschossen plus Staffelgeschoss bieten 102 barrierefreien Wohnungen in Größen zwischen 56 und 80 Quadratmetern. Die Wohnungen verfügen über Terrassen, Balkone oder Dachgärten. Geheizt wird mit Fernwärme; der Müll wird unter der Erde in Unterflurcontainern entsorgt. Die Wohnstätte hat in Gartenstadt allein in die sieben Punkthäuser sowie zehn benachbarte Einfamilienreihenhäuser zur Vermietung an Pappel- und Platanenstraße sowie Akazienweg und für die Sanierung von 72 Wohnungen an der Breslauer Straße rund 29 Millionen Fünf Dinge, die Sie über Gartenstadt Präsentiert von wissen sollten Euro investiert. Für weitere gut zehn Millionen Euro werden in diesen Monaten – ebenfalls an der Breslauer Straße – ein 800 Quadratmeter Verkaufsfläche umfassender Supermarkt und darüber beziehungsweise daneben in zwei Neubaukörpern 36 öffentlich geförderte Wohnungen gebaut. In diesen Tagen wurde gerade das seit langem leerstehenden Hotel-Restaurant (vormals Rhenania-Quelle) abgerissen, um einem Parkplatz für den Supermarkt Platz zu machen. Mit diesem Projekt werden 2018 nach insgesamt sechs Jahren die Investitionen der Wohnstätte in Höhe von 46 Millionen Euro in Gartenstadt abgeschlossen sein. GESCHICHTE Gartenstadt – als Städtebau sozial wurde (vo) Viele Städte haben eine „Gartenstadt“, also einen Stadtteil, in dem nicht die Reichen, sondern die weniger Betuchten wohnen. Und auch sie sollen schön wohnen. Das jedenfalls war die Idee der „Gartenstadt“-Bewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts in England geboren wurde. Idee und Begriff („Garden City Movement) gehen auf den Briten Ebenezer Howard zurück. Er entwarf 1898 das Konzept planmäßiger Stadtentwicklung auch für ärmere Bevölkerungsschichten. Hintergrund: Die Industrialisierung in Europa hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Gesicht der Städte dramatisch verändert: Aus Dörfern wurden Großstädte, die wuchernd wuchsen. Krefeld etwa hatte um 1850 knapp 40.000 Einwohner – 1885 waren es knapp 100.000. Damit hat sich die urbane Lebenswelt der Städter innerhalb nur einer Generation völlig verändert – städtebaulich und sozial. Hier setzte Ebenezer Howard an: Er wollte grünen Wohnraum für alle schaffen. Auch die Randlage der Gartenstädte war Programm: Zum einen ließ sich dort großzügig planen, zum anderen sollte die Öffnung zur Landschaft die Innenstädte entlasten. Die Idee verbreitet sich rasch: 1902 wurde in Berlin die Deutsche Gartenstadt-Gesellschaft gegründet. Der Umstand, dass einige Gründer dem sogenannten Friedrichshagener Dichterkreis nahestanden, betont, dass es sich bei der Gartenstadt-Idee um eine sozialreformatorische Utopie handelte. Die Krefelder Gartenstadt bekam 1961 ihren Namen. Der Stadtteil ist lebenswert – und steht somit für eine der wenigen utopischen Ideen, die Wirklichkeit wurden. BÜRGERVEREIN Ausflüge und Aktionen auf dem eigenen Festplatz (lez) Der Bürgerverein Gartenstadt von 1958 mit seinem Vorsitzenden Stephan Goerlich organisiert nicht nur das jährliche Stadtteilfest mit Kirmes und Feuerwerk auf dem eigenen Festplatz an der Pappelstraße oder den kostenintensiven St. Martinszug, sondern er vertritt die Interessen der Gartenstadt und ihrer Bewohner auch gegenüber Politik und Verwaltung. Als Beispiele führt der Verein auf seiner Homepage die Umgestaltung des Spielplatzes Traarer Straße und die Sanierung des Insterburger Platzes an. Das Miteinander der Gartenstädter fördert der Bürgerverein auch durch Tagesausflüge für Senioren sowie für die jüngeren Generationen mit ihren Kindern. Das nächste Gartenstadtfest findet vom 11. bis 14. August statt. Die nächste Fahrt unter dem Motto „BV on Tour“ führt am Samstag, 16. September, an die Mosel (Anmeldung beim Reisebüro Bernards am Insterburger Platz). Das beliebte Oktoberfest steigt am Samstag, 7. Oktober, im Oscar-Romero-Haus. Wer Näheres über den Bürgerverein und seine Aktivitäten wissen oder Mitglied werden möchte, kann sich an Stephan Goerlich unter der Telefonnummer 472440 wenden. HISTORIE Vom Flugplatz bis zur Wohnstadt (lez) Auf dem größten Teil der heutigen Gartenstadt befand sich seit 1914/15 ein zunächst militärisch genutzter Flughafen. Dort wurden auch die zwei Krefelder Flieger ausgebildet, an die die beiden nach ihnen benannten Straßen erinnern: Werner Voß und Emil Schäfer. Nach Abzug der Besatzungsmächte nach dem Ersten Weltkrieg übernahm die Stadt die Flächen, nachdem die Flugzeughallen demontiert und abtransportiert worden waren. Nun entstand der zivile Flughafen, von dem aus in den 1920er und 1930er Jahren die Lufthansa deutsche Städte – darunter auch Berlin – anflog. Im Zweiten Weltkrieg diente Die Lufthansa flog in den 20er und 30er Jahren vom Krefelder Flugplatz ab. FOTO: STADTARCHIV KREFELD der Flugplatz wieder dem deutschen Militär und nach 1945 den Engländern, die jedoch bald ihr Interesse verloren, weil die Startbahn für Düsenflugzeuge zu kurz war. Heute erinnert noch eine Bronzetafel an der Ecke Traarer Straße und Hoher Weg an die Fliegerzeit. Nachdem die Briten 1950 das Gelände aufgegeben hatten, gab es Überlegungen, wie das Gelände zu nutzen sei. Zu den Vorschlägen gehörten auch der Bau einer Universität und die Einrichtung eines Friedhofs. Schließlich setzte sich der Plan durch, auf dem Areal Wohnungen zu bauen. Bauland war knapp. Die Flächen um Krefeld wurden dringend für die Landwirtschaft benötigt, um die Bevölkerung zu versorgen. Andererseits galt es, den vielen Flüchtlingen eine neue Heimstatt zu schaffen. Im Juni 1955 war Baubeginn. Ein halbes Jahr später wurde der Grundstein für die ersten 300 Bayer- Wohnungen gelegt. In ein neues Gebäude an der Traarer Straße zogen 1959 die Gemeinschaftsschule und die katholische Volksschule ein. Zu dieser Zeit konnten die Gartenstädter schon längst in eigenen Geschäften einkaufen. Die evangelische Lukaskirche stand seit 1960 offen und die katholische Pius-Kirche wurde 1968 geweiht. Im Juni 1962 berichtete die RP über die erste Poststelle. Für die Verbindung der heute rund 7000 Einwohner zur Krefelder Innenstadt sorgen heute Straßenbahn und Omnibus.

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