Aufrufe
vor 9 Monaten

Unser Straelen

  • Text
  • Straelen
  • April
  • Straelener
  • Herongen
  • Veranstaltung
  • Kreisliga
  • Kinder
  • Geldern
  • Lars
  • Telefon

20 IM BLICKPUNKT wegen

20 IM BLICKPUNKT wegen hat er sein Hauptaugenmerk auf Postbelege mit Stempeln, alles was mit dem Postwesen in und um Straelen zu tun hat, gelegt. Und weil die Post viele verschiedene Felder bedient, etwa die Telekommunikation, gehören auch Telefonkarten zu seiner Sammlung. Natürlich nur die echten Straelener Telefonkarten. Die gab es wirklich. Der Sammler holt einen anderen Ordner hervor. Der Inhalt: bunt. Auf den Telefonkarten der Firma Bofrost ist Gemüse in all seiner Pracht zu sehen und natürlich Eis. Gewissenhat notiert Otto Weber in seinem Arbeitszimmer Datum und Eigenschaft der gefundenen Dokumente Straelener Geschichte. Die Vorderseite einer Postkarte ist für ihn nicht so interessant wie die Rückseite. Die gibt nämlich Aufschluss darüber, wann und wo die Karte abgeschickt wurde. Alles, was mit Straelen zu tun hat, landet in einem der Ordner von Otto Weber. Anhand der verschiedenen Poststempel lässt sich die Geschichte der Stadt nacherzählen. Die Sammlung umfasst 200 Jahre Stadtgeschichte. Heimatgeschichte im Kleinformat Otto Weber sammelt Straelener Postbelege und Telefonkarten als Zeitzeugnisse. Auf den ersten Blick wirkt der Umschlag unscheinbar. In vielen Haushalten wäre er sicher im Papiermüll gelandet. Nicht so bei Otto Weber. Er deutet auf den roten Stempel, der auf dem weißen Umschlag prangt. „Ein Francotyp-Stempel“, erklärt der Straelener. Übersetzt heißt das, ein Absender-Stempel ziert das Äußere. „Jedes Stück spricht. Vom Papier über die Schrift bis zu den Stempeln und Vermerken sind sie Zeugnisse der jeweiligen Zeit.“ Und nach diesen Zeugnissen hat sich der Sammler auf die Suche gemacht, um ein Abbild der Straelener Geschichte zu schaffen. Zurück zum Umschlag. Der Francotyp-Stempel stammt von der Buchdruckerei und Buchhandlung Peter Keuck. Einem Unternehmen, das es in Straelen nicht mehr gibt und das am Markt ansässig war. Das Gebäude ist sogar als Stempelbild abgebildet. Damit nicht genug. Philatelistisch interessant sind die Poststempel. Frankiert per Maschinenaufdruck (damals kostete das Versenden eines Briefes noch 70 Pfennige) wurde der Umschlag am 10.2.1983. Weil der Brief aber erst am 11. Februar versandt wurde, gab es noch einen Tagesstempel obendrauf, der Straelen als Blumenund Gemüsestadt kennzeichnet. Bis Straelen diesen Stempel hatte, das ist eine eigene Geschichte. Aus seinem Fundus zieht Otto Weber eine Postkarte hervor, die das Datum 9. August 1918 trägt. „Kurz vor dem Ende des Ersten Weltkriegs“, ordnet er das Schriftstück zeitlich ein. Auffallend ist der lilafarbene Abdruck. „Ein Zensurstempel“, sagt der Sammler mit Kennerblick. „Das heißt, die Post wurde nachgesehen.“ Auf der Karte sind dann auch die Worte „geprüft und zu befördern“ zu lesen. Zurück bis 1800 reicht die Sammlung an Postzeugnissen. Angefangen hat alles für Otto Weber am Abend des 4. Dezember 1987. Zur Eröffnung des neuen Postamts Südwall/Ecke Hans- Tenhaeff-Straße hatte der langjährige Straelener Stadtarchivar Peter Brimmers eine Ausstellung zur Postgeschichte Straelens konzipiert. Auf der Speisekarte zur anschließenden Feierstunde im „Siegburger“ war ein Ortswerbestempel (damals noch mit der Postleitzahl 4172) abgedruckt. Von da an nahm der Ge- danke einer Heimatsammlung, ausgehend von Posterzeugnissen, die mit Straelen zusammenhängen, konkrete Formen an. Briefmarken interessierten Otto Weber aber seit seiner Kindheit. Er dreht die Zeit zurück und ist wieder neun Jahre alt. „Wir hatten einen großen Küchentisch“, sagt er und breitet die Arme weit aus. Typischerweise hatten die Küchentische damals eine Schublade. „In dieser Schublade lag ein Tütchen Briefmarken“, erinnert sich Otto Weber. „Mein Vater war vor dem Krieg auch Sammler und erzählte davon, und irgendwie hatte ich die Sehnsucht: ,Irgendwann fängste auch mal damit an’“, beschreibt der Straelener seinen Weg von der ersten Briefmarke zur Sammlung. Onkel, Tanten und andere Verwandte halfen fleißig mit, dass die Sammlung wuchs. Über die Sammler erzähle man sich folgendes, sagt Otto Weber und grinst: „Erst nehmen sie nur ein Fach im Wohnzimmerschrank ein, dann den Wohnzimmerschrank, dann ein komplettes Zimmer, danach muss ein Haus drumherum gebaut werden.“ Man müsse aufpassen, dass man sich nicht verzettelt, sagt der Straelener. Des-

Unser STRAELEN IM BLICKPUNKT 21 Neben der Philatelie wurden die Telefonkarten zu einem Nebengebiet der Sammelleidenschaft von Otto Weber. Für den Straelener ist das nur konsequent, denn die Post hatte vielfältige Aufgaben, und dazu gehörte auch die Telekommunikation. Straelener Unternehmen stellten ihre ganz eigenen Telefonkartenserien her. Gemüse als Motiv spielt keine unwesentliche Rolle, wie man sieht. Die Vorderseiten der Postkarten geben einen Eindruck davon, wie die ehemaligen Straelener Poststellen ausgesehen haben. Die Postkarte oben ist am 31. Juni 1897 abgestempelt und zeigt rechts das Postamt. Der Nachfolger ist das Kaiserliche Postamt, das auf der Karte rechts zu sehen ist. Abgestempelt wurde diese Karte am 9. August 1918 mit dem Aufdruck „Straelen-Kreis Geldern“. Gemüse ist auch der Grundtenor der Telefonkarten von Kühne. Grüne Gurken oder Rotkohl, was die Produktionsplatte so hergibt, findet als Bild Platz auf den kleinen Plastikkarten, die schon ein bisschen Retro-Charakter haben. Die Karten der Firma Tecklenburg kommen im schlichten Blau daher. „Damals waren die Telefonkarten ein Fortschritt“, sagt der Sammler, „weil man überall, wo man hinkam, ohne Bargeld telefonieren konnte.“ Er habe immer noch eine Telefonkarte in der Tasche, , sagt Otto Weber und zieht wie zum Beweis eine hervor. „Wenn der Akku beim Handy mal leer ist, leistet sie noch gute Dienste.“ In Straelen am Markt gibt es noch eine Telefonzelle, offensichtlich gebe es noch Menschen, die sie nutzen. „Aber mit dem Aufkommen der Handys ist die Telefonkarte ruck-zuck wieder verschwunden“, sagt Otto Weber. So wie die handgeschriebenen Briefe, die langsam in die Raritätenecke abdriften. Zuletzt sei ihm das wieder bewusst geworden, als er einer langjährigen Freundin zum Umzug einen handgeschriebenen Brief schickte und die völlig begeistert war. „Seit Jahren hätte sie keinen handgeschriebenen Brief mehr bekommen, den würde sie aufheben“, sagt Otto Weber über ihre Reaktion. Er wird nachdenklich. „Da geht etwas verloren“, sagt der Sammler und meint nicht nur, dass es für Menschen wie ihn schwieriger werden wird, Material zu sammeln. Sein Ziel ist es, einmal eine Ausstellung zu machen. Die Zeitzeugnisse sollen eine Heimatsammlung sein, ein Abbild Straelener Geschichte anhand von Postbelegen. „Und wenn ich mal nicht mehr bin, geht das ins Stadtarchiv“, sagt der Sammler, der akribisch alles ordentlich in Folien gepackt hat und alles Wichtige zu den Fundstücken auf Papier festgehalten hat. Fündig wird er auf Ansichtskarten- und Briefmarkenbörsen und natürlich im Internet. Aber vermutlich schlummert auch noch in mancher Erinnerungskiste und auf Dachböden in Straelener Haushalten interessantes Material, Zeugnisse der Geschichte. Aus einem seiner Ordner zaubert Otto Weber eine Gratulation zur Ersten Heiligen Kommunion mit einer Briefmarke „Deutsches Reich“ und dem Poststempel vom 15. April 1939. Vignetten wurden als Werbemittel auf Briefen verwendet. „Wenn Inhalt dabei ist, ist das wahnsinnig schön“, sagt der Sammler, der sich zwar mehr für die Stempel und Co. interessiert. Aber mit Inhalt, also mit den Anschreiben, erfährt er natürlich noch mehr über den Absender, den Empfänger und die Beweggründe für den Postverkehr. Zu seinen Fundstücken gehört auch der Teil eines Feldpostpäckchens. „Das trägt einen sogenannten Tarnstempel“, erklärt Otto Weber. Der Stempel trägt ausnahmsweise keinen Ortschaftsnamen. „Niemand sollte wissen, wo die Einheit ist“, erklärt der Sammler. Er blättert ein bisschen weiter im Ordner. Ein farbenfroher Deckel eines Päckchens, das er an seine Tochter geschickt hat. Das Päckchen wurde natürlich von Straelen aus geschickt und taucht deswegen mitsamt Poststempel in seiner Sammlung auf. Ja, er sammle auch aktuelle Stücke. „Das, was ich jetzt im Postamt finde, ist in 100 Jahren 100 Jahre alt“, lautet seine logische Konsequenz. Und spätestens dann hat es Sammler- Was auf den ersten Blick nüchtern aussieht, gibt Aufschluss über die Art, den Ort und das Datum der Versendung. wert und erzählt einmal davon, wie es damals war, in Straelen. Sämtliche Umzüge der Straelener Postfiliale hat Otto Weber natürlich auch dokumentiert. Auf dem Marktplatz wurde er übrigens schon einmal darauf angesprochen, warum er sich denn so um die Straelener Geschichte bemühe. Er sei doch gar kein gebürtiger Straelener. „Nein“, war die ehrliche Antwort von Otto Weber. „Ich bin jetzt aber seit 40 Jahren hier. Herongen und Straelen haben mir eine tolle Heimat gegeben.“ Und mit seiner Sammlung gibt er den Straelenern die Gelegenheit, ein Stück weit in ihre Geschichte einzutauchen. Also, beim nächsten Brief genau hinschauen. Selbst der Umschlag ist mehr als nur ein Stück Papier. Kaum einer weiß das besser als Otto Weber. TEXT BIANCA MOKWA FOTOS GERHARD SEYBERT

Sonderveröffentlichungen