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Unser Straelen

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20 IM BLICKPUNKT „Ein Hoch auf uns“: Für das Foto ist ein Großteil der neuen Nachbarschaft „Kreuzrinne“ zusammengekommen. Aus drei Nachbarschaften wurde eine. Ein Hoch auf die Nachbarschaft Sie teilen Freud und Leid und sind Teil so mancher Familienfeier, die Menschen, die rechts und links von einem wohnen. Allerdings sterben die alten Nachbargemeinschaften aus. Ein guter Nachbar ist wichtig, nicht nur wenn Milch oder Zucker nach den Ladenöffnungszeiten ausgegangen sind, sondern auch für ein friedliches Zusammenleben. So ein Nachbar ist manchmal fast wie ein Familienmitglied, denn zu vielen Feiern hat er ein Stück beigetragen, ein Lied, einen Kuchen oder manchmal auch eine von vielen hunderten Papierröschen. Die kommen bei den richtig großen Ereignissen zum Einsatz. So ein Ereignis war, wenn neue Pastöre kamen, erinnert sich Anni Kurfürst. Dann wurde auch gekränzt, zumindest in der Innenstadt. Das bedeutet, aus Papierstreifen jede Menge Papierröschen drehen und alles schön schmücken. „Ihr müsst aber versprechen, dass ihr länger bleibt als nur vier Jahre“, hatte man damals zu den Pastören gesagt. „Wir sind so eine kleine Nachbarschaft, wir haben kein Geld fürs Kränzen in kurzen Abständen“, lautete die Erklärung, die Anni Kurfürst noch einmal zum Besten gibt. Die Straelener sind nun einmal pragmatisch und geradeheraus. Die Nachbarschaften in der Innenstadt Straelens, das waren zum Beispiel Hessepött und Pieters Pömpke. Die haben sich irgendwann zusammengeschlossen. Nun ist die Venloer Straße hinzugekommen. „Die Gruppen werden immer kleiner und älter“, nennt Stadtarchivarin Claudia Kurfürst den Grund für die Zusammenlegung. Die neu gegründete Nachbarschaft soll den Namen „Kreuzrinne“ bekommen. Viele verbinden damit den Stein, der einmal im Jahr im Mittelpunkt steht. Der Tradition nach Das ist der berühmte Stein der St.-Johannes-Bruderschaft. gehen die Junggesellen der St.- Johannes-Bruderschaft einmal im Jahr auf die Knie und küssen den Stein. Einen Schnaps soll es dazu auch geben. Tradition, das ist auch das, was die Nachbarschaften zusammen hält. Gekränzt wird bei Hochzeiten, runden Geburtstagen, Silber- und Goldhochzeiten. Zur Geburt wird schon mal gerne ein Storch (natürlich kein echter) aufgestellt und Kinderwäsche gut sichtbar bei den frisch geba- Eine gewachsene Tradition ist, dass die Nachbarschaften den Fastnachtsdienstag als ihren Gemeinschaftstag begingen. Davon erzählt Frank Giesberts. In seiner Nachbarschaft, der Venloer Straße, war es Brauch, sich am Veilchendienstag zum Würstchenessen bei Scholten zu treffen. „Das ist seit ewigen Zeiten so gewesen“, sagt Giesberts. Aber auch das wird sich nach der Fusion der drei Nachbarschaften nun ändern. Denn fusioniert wurde am 1. März 2017. „Aschermittwoch, da war alles vorbei“, sinniert Anni Kurfürst. Dafür hat eben etwas Neues angefangen, die neue, große Nachbarschaft „Kreuzrinne“. Auf den Nachbarschaftstag soll auch in Zukunft nicht verzichtet werden. Der wird nun Aschermittwoch sein. Und schon sind sie da, die Erinnerungen an Nachbarschaftstage von früher. „Schön war auch immer der Sommerausflug“, wirft Anni Kurfürst ein. Von ganz früher, da habe sie noch ein Bild, auf dem sind die Frauen der Nachbarschaft mit ihren Töchtern zu sehen. Gemeinsam war man mit dem Bus unterwegs gewesen, hatte Kaffee getrunken und sich abends mit den Männern zum Kegeln getroffen. „Oder weißt du noch, als wir mit dem Schluff geckenen Eltern vor die Türe gehängt. Nachbarn begleiten einander bis zum Schluss. „Sargträger“, nennt Anni Kurfürst eine weitere Aufgabe, für die vor allem starke Männer prädestiniert sind. Für eine ordentliche Beerdigung braucht es eigentlich neun Männer aus der Nachbarschaft. „Zwei für die Leuchter, sechs für den Sarg und einen, der das Kreuz trägt“, zählt Anni Kurfürst auf. Früher gab es auch noch die Aufgabe der Totenwache. Die wurde allerdings irgendwann abgeschafft, nicht zuletzt wegen eines Ereignisses, das sich im Buch über Nachbarschaften im Gelderland von Karl Keller findet. In der Nachbarschaft Markt- Mühlenstraße war bis 1868 die Totenwache eine gängige Praxis, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Offensichtlich sah sich mancher aber nicht dieser Aufgabe gewachsen, allein mit einem Toten im Zimmer zu sein. Mut wurde sich angetrunken. Leider wurde derjenige so mutig oder auch so müde, dass er mit dem Verstorbenen den Platz wechselte und sich in den Sarg legte, was bei der Ablösung für einen heftigen Schrecken sorgte. Seit diesem Tag wurde von der Totenwache abgesehen.

Unser STRAELEN IM BLICKPUNKT 21 Faszination Wasser: Simon und Felix beobachten ganz genau, wo das Wasser aus der Pumpe an der Venloer Straße hinfließt. Heutzutage ist so eine Pumpe allerdings eher schmückendes Beiwerk als Notwendigkeit. Das macht aber nichts. Gerade im Sommer freuen sich nicht nur die Kinder über eine erfrischende Abkühlung, wenn frisch gepumptes Wasser hervorsprudelt und über Hände und Füße fließt. Buch „Nachbarschaften im Gelderland“ auch Bezug auf die Chronik Venloer Straße aus Straelen. Die hatten einen „Präsident der Nachbarschaft“. Zum guten Ton gehörte es ab 1911, dass die Sargträger zu Begräbnissen mit schwarzem Anzug und Zylinder kamen. „Das Biergeben nach dem Rosenkranzbeten für den Verstorbenen wurde im Februar 1923 abgeschafft“ heißt es weiter. Eine Tradition, die vielleicht vermisst wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt die Geselligkeit noch einmal einen richtigen Aufschwung. Regelmäßige Ausflüge und Sommerfeste standen auf dem Jahreskalender, und Karneval 1954 beteiligte sich die Nachbarschaft mit einem Prunkwagen „Raumschiff“ am großen Festumzug. „Nach der Fusion sind wir eine so große Nachbarschaft, vielleicht müssen wir doch noch mal einen Wagen bauen“, überlegt einer aus den Nachbarschaftsreihen der neu gegründeten „Kreuzrinne“ laut. Aber das lässt sich sicher beim Bier oder anderem erfrischenden Getränk besprechen. Als denkwürdig historisches Ereignis schildert Karl Keller in seinem Buch den geforderten Abriss einer Pumpe in der Nachbarschaft Venloer Straße. Die Pumpen wurden plötzlich als Verkehrshindernis empfunden. Der Brunnenmeister fand beim Abbruch am 6. November 1936 recht pathetische Worte, in denen er betonte, dass ein mit Mühe und Arbeit von den Vorfahren geschaffenes Werk dem Geist der Neufahren sind, da war ich Pöttmeisterin?“, wirft sie in die Runde. „Pöttmeister, das ist wie ein Vorsitzender vom Verein“, erklärt Frank Giesberts. Das Amt wird reihum vergeben. Aktuell sind das bei der neu gegründeten Nachbarschaft Kreuzrinne Matthias Theunissen und Gerd Muysers. Der Pöttmeister ist derjenige, der weiß, was auf der Straße los ist, sei es Geburt oder Todesfall. Er sammelt auch das Geld ein, das dann für Geschenke, etwa zu runden Geburtstagen, ausgegeben wird. Früher wurde das Geld vor allem für den Erhalt und die Instandsetzung der Brunnen benötigt. Jede Nachbarschaft hatte eine Pumpe, die war Treffpunkt, aber auch lebensnotwendig, um Wasser zu besorgen. Ganz verschwunden sind die Pumpen aus dem Straelener Stadtbild noch nicht. Auf der Venloer Straße steht zum Beispiel noch eine. Aber heute ist sie schmückendes Beiwerk statt Notwendigkeit. Dank der Nachbarschaftsbücher ist noch einiges über das Leben erhalten, wie es damals war. Allen gemein ist, dass die Nachbarschaften 1744 alle den gleichen Straelener Nachbarschaftsstatuten unterworfen waren. Darin wurde etwa geregelt, was bei Wegzug oder Tod geschieht, wer wann wieviel Geld zu zahlen hat für Reparaturen oder das Reinigen der Brunnen. Bei der Nachbarschaft Pieters Pömpke findet sich eine recht eigenwillige Ergänzung. Karl Keller hat die in dem Nachbarschaftsbuch gefunden und in seinem Buch „Nachbarschaften im Gelderland“ aufgeschrieben. Der § 12 lautet dort folgendermaßen: „Alle Streitigkeiten, welche zwischen den Nachbarn denn noch in Zukunft vorfallen mögten, sollen nicht mit Knüppel oder Säbel, sondern nur mit der Faust ausgefochten werden.“ Die Szenen möge man sich mal vorstellen. Karl Keller nimmt in seinem Die Pumpe war ein wichtiger und zentraler Treffpunkt für die Nachbarschaften in Straelen. zeit weichen müsse. Der Geist der Neuzeit waren die Wasserleitungen und damit die Möglichkeit, bequem zu Hause mit Wasser versorgt zu sein. Aber vielleicht ist es tatsächlich so, vielleicht fehlt mit dem notwendigen Pumpen an einem gemeinsamen Brunnen ein Treffpunkt. Wer zur Pumpe ging, um Wasser zu holen, wird oft zwangsläufig auf seinen Nachbarn getroffen sein. Ob die immer nett waren, lässt sich den Nachbarschaftsbüchern nicht unzweifelhaft entnehmen. Eines ist aber sicher, die Pumpen gaben zumindest die Gelegenheit, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Und wenn es nur über das Wetter ist. Vielleicht ist es mal wieder Zeit, zum Nachbarn rüberzugehen und sich ein Ei, ein bisschen Mehl auszuleihen. Einfach so. TEXT BIANCA MOKWA FOTOS SEYBERT (3), STADTARCHIV INFO Unsere Redaktion sucht noch weitere Nachbarschaften, die zusammen feiern, ihr Leben miteinander teilen und darüber gerne einmal erzählen möchten. Wir würden gerne darüber in einer der nächsten Ausgaben von Unser Straelen berichten. Bitte eine E-Mail mit den Kontaktdaten an bianca.mokwa@rheinische-post.de.

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