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Wirtschaft in NRW -14.12.2018-

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12 | DAS LEBEN DER

12 | DAS LEBEN DER KUMPEL RHEINISCHE POST | WIRTSCHAFT NR. 11 DEZEMBER 2018 VON GEORG WINTERS Seit 14 Jahren ist Olli Dittrich alias Dittsche fester Bestandteil des ARD-Spätabendprogramms – jener Mann, der im blau-weißen Bademantel mit einer Plastiktüte voller Leergut in einen Hamburger Imbiss trottet und den Inhaber in Gespräche über Gott und die Welt verwickelt. Nach inzwischen 27 Staffeln und 242 Folgen kann man durchaus das Gefühl haben, so wie in diesem Imbiss könnte es auch im Büdchen nebenan zugehen: Da treffen sich ein paar Männer, alle leicht alkoholisiert, im sicheren Gefühl, sie hätten sich und die Welt im Griff. Ein Bild, das trügt. Vor allem, weil es Ursprünge voller Bierseligkeit nahelegt, die es so nicht gibt. Die Trinkhalle ist im Gegenteil entstanden, weil ihre Erfinder den Alkoholismus unter Industriearbeitern eindämmen wollten. „Eine Trinkhalle ist ein Verkaufsstand für Wasser, alkoholische und nichtalkoholische Getränke“ – mit diesen Worten beginnt die „Wikipedia“-Definition, und dass sie ausgerechnet mit Wasser einsteigt, zeigt schon, worum es geht. Die Steiger und Hauer tranken Bier und Schnaps damals nämlich nicht nur zum Vergnügen, sondern auch deshalb, weil ungekochtes Wasser aus der Leitung ein echtes Gesundheitsrisiko war. Aber der Grund des Alkoholkonsums interessiert die Leber natürlich nicht. Um den Folgen vorzubeugen, förderten die Städte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts daher die Einrichtung von Trinkhallen – vor den Zechen und Fabriken, an Marktplätzen und in Wohnvierteln. Auf diese Weise sorgten sie zugleich für ein neues Beschäftigungsangebot: Manche Kriegsveteranen oder Bergleute, die wegen ihrer Staublunge oder anderen Gesundheitsproblemen nicht mehr in den Schacht einfahren konnten, Hall of Ruhr Trinkhallen sind ein Kulturgut aus der Zeit der Industrialisierung. Auch wenn es verblüffend klingt: Geschaffen wurden sie, um den Alkoholismus einzudämmen. wurden fortan als Verkaufspersonal eingesetzt. Auf Schalke standen den Kunden im Tabakwarenladen sogar echte Fußballlegenden wie Ernst Kuzorra und Stan Libuda gegenüber. Auch solche Storys haben die Trinkhallengeschichte des Ruhrgebiets geprägt. Sie ist also ein Kulturgut aus der Zeit der Industrialisierung. Es gibt sie freilich nicht nur im Ruhrgebiet, sondern als Kiosk auch im Norden und Süden der Republik, als Büdchen am Rhein, als Späti im Osten. Wobei man nicht den Fehler machen sollte, die Trinkhalle mit Kiosk oder Büdchen gleichzusetzen: „Eigentlich ist eine Trinkhalle ein Betrieb, in dem es auch Stehtische gibt, wo man also auch Lebensmittel verzehren kann und wo Getränke ausgeschenkt werden“, erklärt Olaf Roik vom Handelsverband Deutschland (HDE). Das unterscheidet sie von einem „Lukenkiosk“, bei dem der Name schon darauf hinweist, dass der Weg der Ware aus dem Büdchen zum Kunden nur über ein kleines Fenster führt. Natürlich braucht heute eigentlich niemand mehr einen Kiosk zur Nahversorgung. Supermärkte haben mitunter bis Mitternacht geöffnet, es gibt Shops in den Bahnhöfen, und jede Tankstelle verkauft Tabak, Süßwaren, Lebensmittel und Zeitungen zuhauf. Aber: „Die dpa (7) Seit Supermärkte spät geöffnet haben, kämpfen sie um ihre Zukunft: Trotzdem findet man im Pott noch viele Trinkhallen. Trinkhallen betreiben das mittlerweile sehr professionell“, sagt HDE-Experte Roik. Sie hätten ihr Sortiment deutlich ausgeweitet und verkauften längst auch Obst, Gemüse und Tiefkühlprodukte. Trotzdem sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache: In den vergangenen zehn Jahren haben laut HDE etwa 2000 Trinkhallen geschlossen, fast acht Prozent aller Büdchen deutschlandweit. Die verbliebenen 23.500 kommen auf einen Umsatz von immerhin gut 7,5 Milliarden Euro. Viele können von dem, was sie verkaufen, dennoch nicht leben; die Gewinnspanne ist minimal und Personal obendrein schwierig zu bekommen. Und weil die Deutschen immer weniger rauchen und trinken, gehen die Erlöse zurück. Droht der Trinkhalle also auch wegen des gestiegenen Gesundheitsbewusstseins der schleichende Tod? HDE-Experte Roik glaubt das nicht: „Es hat einen Abschmelzungsprozess gegeben, aber der kommt jetzt langsam zum Stillstand.“ Wobei er weniger an die Zukunft des Lukenkiosks glaubt als an Verkaufsstätten, die Waren auf Flächen von bis zu 30 Quadratmetern anbieten. Demnach erleben wir doch noch nicht das Ende einer Errungenschaft, die ihre Wurzeln in den Arbeiterregionen hat und auch deshalb mit kaum einer Region so eng verbunden ist wie mit dem Ruhrgebiet. Kein Wunder, dass gerade hier vor sechs Jahren der erste Kiosk-Klub Deutschlands entstand. Die Gründer hatten in ihrem Bemühen, das Kioskwesen in die Neuzeit zu retten, nicht nur die Ökonomie im Kopf, sondern auch den sozialen Aspekt. Die Trinkhalle sollte ein Treffpunkt sein, an dem sich die Menschen den neusten Klatsch erzählen, das Fußballwochenende Revue passieren lassen oder auch mal über Politik sprechen. Der Geograf Stefan Vorderwülbecke aus Hannover hat in einer Studie über Trinkhallen und ihre Zukunft die „Entpersonifizierung der Gesellschaft“ beschrieben. Der Kiosk an der Ecke kann aus seiner Sicht ein Gegengewicht dazu sein. Aber braucht man wirklich ein Büdchen als Stätte der Kommunikation, ganz im Sinne von Dittsche und Co.? Um langfristig zu überleben, müssten die Kioske ihre „soziale Funktion“ im Viertel kultivieren und auf Stammkunden setzen, erklärte jüngst ein Sprecher des Hotel- und Gaststättenverbandes DEHOGA. Wie das mit der Stammkundschaft gehen soll in einer Welt, in der das Einkaufen zunehmend übers Smartphone und die Kommunikation in sozialen Netzwerken stattfinden, hat er nicht verraten. Was helfen könnte, sind zusätzliche Angebote. Viele Kioske sind deshalb bereits zu Postfilialen oder Paketshops geworden. Kreativ ist auch das Beispiel eines Kioskbetreibers im Frankfurter Westend. Dort können die Banker aus Mainhattan in der Mittagspause ihre Hemden zum Bügeln abgeben. Und wenn sie schon mal da sind, verputzen sie vielleicht auch noch eine Currywurst oder trinken etwas. Vermutlich keinen Alkohol. Aber dafür war die Trinkhalle ja auch nicht gedacht. Wie wir Sie unterstützen? Zuverlässig! Mit mehr als 47.000 engagierten Mitarbeitern weltweit unterstützen wir Kunden aus Industrie, Handel, Finanzen, Gesundheitsmarkt, öffentlicher Hand oder Aviation. Für mehr Wirtschaftlichkeit und Effizienz. 365 Tage im Jahr. Weltweit. In den Fachbereichen Cleaning, Catering, Clinic Service, Security, Personal Service, Airport Service und Facility Service bieten wir Einzeldienstleistungen und integrierte Servicekonzepte. Maßgeschneiderte Lösungen sind unsere Antwort auf Ihre individuellen Anforderungen. Und mit 26 Niederlassungen deutschlandweit sind wir immer in Ihrer Nähe. www.klueh.de

Glückauf Zukunft RHEINISCHE POST | WIRTSCHAFT NR. 11 | DEZEMBER 2018 | SEITE 13 „Das Ruhrgebiet braucht keinen Soli“ Als Chef der RAG-Stiftung verwaltet Bernd Tönjes das Erbe des Steinkohlenbergbaus. Im Interview spricht er über seine Erwartungen an Evonik, die Zukunftschancen des Reviers und dramatische Erlebnisse unter Tage. VON ANTJE HÖNING Bernd Tönjes hat eines der schönsten Büros im Ruhrgebiet: „Im Welterbe“, lautet die Adresse, sein Blick fällt auf die Zeche Zollverein. Hier sitzt die mächtige RAG-Stiftung, die ab 2019 für die Finanzierung der Ewigkeitsaufgaben des Bergbaus verantwortlich ist. Tönjes ist seit Frühjahr Chef der Stiftung. Dem Bergbau ist der 62-Jährige seit der Kindheit verbunden, und so führen wir ein Gespräch zwischen Melancholie und Aufbruch. Herr Tönjes, am 21. Dezember endet der Bergbau. Was verbinden Sie persönlich damit? Bernd Tönjes: Das wird für mich, wie für viele, ein trauriger Tag: Ich habe mein ganzes Leben im Bergbau verbracht. Schon meine Großväter, mein Vater und meine Cousins haben auf dem Pütt gearbeitet. Ich habe den Bergbau auf Fürst Leopold in Dorsten kennengelernt. Bergmann war nicht nur ein Beruf, auch das Privatleben hing daran. Bis heute halte ich die Entscheidung, den Bergbau gänzlich zu beenden, für falsch. Ein Trost ist es, dass wir ihn sozialverträglich beenden können. Wann waren Sie zum ersten Mal unter Tage? Tönjes: Mit 14 Jahren. Mein Vater, der Steiger auf Fürst Leopold war, hat mich zu einer Nachtschicht mitgenommen. Die Dunkelheit, die warme Luft, die Geräusche – hier eröffnete sich für mich eine neue, fremde Welt. Und die zog Sie an? Tönjes: Während der Schulzeit wollte ich noch Mathematik studieren, doch im Bergbau war Aufbruchstimmung: Auf dem Höhepunkt der Erdölkrise 1973 galt der Bergbau als das Zukunftsgeschäft. So studierte ich in Aachen und wurde Bergbauingenieur. Sieben Jahre lang bin ich fast täglich eingefahren. Was war Ihre schönste Zeit? Tönjes (überlegt): Als Werksleiter der Zeche Heinrich-Robert in Hamm: Auf der einen Seite war ich unabhängig, auf der anderen nah an den Mitarbeitern. Dort war ich auch 1997, als es dem Bergbau erstmals an den Kragen ging. 220.000 Menschen bildeten das „Band der Solidarität“ durch das Revier, um der Bundesregierung klar zu machen: Ihr könnt uns nicht hängen lassen. 2000 standen in Hamm vor dem Tor – Bergleute, Frauen, Kinder. Plötzlich hieß es aus Bonn, Helmut Kohl habe einem Kompromiss zugestimmt. Also kletterte ich auf eine Leiter und rief die Streikenden per Megafon auf, zurück an die Arbeit zu gehen. Der erste trat zögernd durchs Tor, die anderen folgten. Zum Glück bestätigte die Info sich später, der Bergbau war bis 2005 gerettet. Die Bergleute hatten sich ja auf mein Wort verlassen. Sich aufeinander verlassen zu können – macht das den Bergbau aus? Tönjes: Ja. Die Arbeit unter Tage war zumindest früher gefährlich. Hier mussten sich alle aufeinander verlassen. Darum spielt auch keine Rolle, aus welchem Land einer kommt und welche Religion er hat. Der Bergbau ist vorbildlich bei der Integration. Die Arbeit unter Tage war lange Zeit gefährlich. Welche Unfälle haben Sie erlebt? Tönjes: Ich musste mal mit der Grubenwehr die Leichenteile eines Mannes einsammeln, der sich in einen 1000 Meter tiefen Schacht gestürzt hatte. Und ich habe gesehen, wie ein junger Bergmann in einer Maschine seinen Fuß verlor. Früher hieß es „Kohle raus oder Blut am Stempel“. Als in den 90er-Jahren Produktivität und Arbeitssicherheit gleichwertige Ziele wurden, war das eine Revolution. Heute passieren unter Tage weniger Unfälle als über Tage in der Bauwirtschaft. Haben Sie eine Erinnerung an das „Wunder von Lengede“, als elf Bergleute eines Eisenerzbergwerks nach Tagen gerettet wurden? Tönjes: Oh ja, das war ein großes Ereignis. Die ganze Familie hat das am Fernseher verfolgt, ich war damals sieben Jahre. Die Bergleute wurden mit einer Art Torpedo, der Dahlbusch-Bombe, gerettet, die einst in Gelsenkirchen entwickelt wurde und demnächst im Deutschen Bergbau- Museum in Bochum zu sehen ist. Steinkohle ist ein Mythos, doch dafür hat der Staat auch viel gezahlt. Schon seit den 60er-Jahren ist sie nicht mehr rentabel. Wie viel Subventionen sind insgesamt in den Bereich geflossen? Tönjes: Seit den 6oer-Jahren ist die deutsche Steinkohle auf dem Weltmarkt nicht mehr wettbewerbsfähig. Seitdem hat der Staat rund 120 Milliarden Euro an Subventionen gezahlt. War es das wert? Tönjes: Auf jeden Fall. Subventionen für Steinkohle waren immer auch Investitionen in die Versorgungssicherheit Deutschlands und in den sozialen Frieden im Revier. Die Kohle war Brennstoff des Wirtschaftswunders, die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl war ein Friedensprojekt. Sie stand am Anfang der EU. Der Bergbau endet, die Arbeit der RAG-Stiftung fängt jetzt erst an. Was ist zu tun? Tönjes: Der Zechenkonzern RAG wird zwar von heute 3800 auf rund 500 Mitarbeiter schrumpfen. Doch er bleibt für die Wasserhaltung zuständig. Die RAG lässt das Grubenwasser, das derzeit 1000 Meter unter der Erde steht, auf 600 Meter ansteigen. Das Trinkwasser, das es zu schützen gilt, liegt bei 200 Metern. Pumpen werden auf ewig dafür sorgen, dass das Wasser nicht weiter steigt. Auch über Tage wird gepumpt, sonst stünden große Teile des Ruhrgebiets unter Wasser. Die RAG-Stiftung trägt die Kosten dafür. Bislang hieß es, die Stiftung müsse dafür 230 Millionen Euro im Jahr bereitstellen. Reicht das? Tönjes: Nein, das wird nicht reichen. Genehmigungsverfahren in NRW und vor allem im Saarland haben sich verzögert, deshalb wird die Wasserhaltung in den ersten Jahren nach 2019 teurer werden. Um wie viel? Tönjes: Die jährlichen Kosten steigen voraussichtlich temporär um rund 60 Millionen Euro. Das ist aber kein Problem, die Stiftung hat ein Vermögen von gut 16 Milliarden Euro. Allein aus der Evonik-Dividende bekommen wir aktuell 345 Millionen im Jahr. Man sieht: Das Stiftungsmodell funktioniert, der Steuerzahler muss nicht einspringen. Evonik hat für 2017 eine Dividende von 1,15 Euro gezahlt. Darf es etwas mehr sein? Tönjes: Wir sind zufrieden, Evonik hat eine höhere Dividendenrendite als andere Chemiekonzerne und zahlt stetig. Als größter Anteilseigner erwarten wir, dass dies so bleibt. Wir sind zuversichtlich, dass dem neuen Evonik-Vorstand dies mit seiner Strategie gelingt. Die Stiftung hält 64 Prozent an Evonik. Das ist ein Klumpenrisiko. Wird es nicht Zeit, Ihren Anteil zu reduzieren? Ihr Vorgänger bei der Stiftung, Werner Müller, sprach von gut 25 Prozent. Tönjes: Evonik ist und bleibt ein wesentlicher Bestandteil unseres Portfolios. Wir haben große Freude an Evonik, und ein Verkauf ist immer eine Frage der Alternativen. Seit der Finanzkrise 2007 sind Beteiligungen an Staaten und Anlagen bei Banken oft nicht mehr attraktiv. Daher wollen wir auch auf absehbare Zeit Mehrheitsaktionär bei Evonik bleiben, also einen Anteil von mindestens 51 Prozent halten. Die Bergbaufolgen sind nicht nur das Grubenwasser, sondern auch die Bergschäden. Lassen Sie die Betroffenen künftig hängen? Tönjes: Natürlich nicht. Noch für 20, 30 Jahre wird die RAG sich um Bergschäden kümmern, sie hat dafür Rückstellungen von 5,5 Milliarden Euro gebildet und bleibt für Hauseigentümer ansprechbar. Danach hat sich das Problem erledigt: Was sich bis dahin nicht gesetzt hat, setzt sich nicht mehr. Was ist mit den Umweltschäden? Umweltschützer werfen Ihnen vor, das Ansteigen des Grubenwassers erhöhe den PCB-Gehalt in den Flüssen. Tönjes: Der deutsche Bergbau hat kein Problem mit PCB. Die Einleitungen liegen weit unter den zulässigen Grenzwerten. Das hat auch ein Gutachten ergeben, das noch der grüne Umweltminister Johannes Remmel in Auftrag gegeben hatte. Wenn die RAG-Stiftung über ein so großes Vermögen verfügt: Warum stecken Sie dann AUFGABEN FÜR DIE EWIGKEIT Die Stiftung Die RAG-Stiftung wurde 2007 gegründet, nachdem sich der Bund, NRW, das Saarland und die Gewerkschaft IG BCE auf einen Plan zum Kohleausstieg bis 2018 geeinigt hatten. Damals verkauften die bisherigen Aktionäre der RAG (E.ON, RWE, Thyssenkrupp) ihre Anteile für je einen Euro an die Stiftung und wurden zugleich die Verpflichtung los, sich um die Ewigkeitslasten zu kümmern. Architekt des Ausstiegs war der damalige RAG-Chef Werner Müller. Die Stiftung ist heute an Subventionen waren immer auch Investitionen in den sozialen Frieden Bernd Tönjes über die 120 Milliarden Euro, die in den Steinkohlenbergbau geflossen sind Evonik, der RAG, dem Wohnungskonzern Vivawest und vielen kleineren Unternehmen beteiligt. Der Chef Bernd Tönjes (1955 geboren in Dorsten) studierte Bergbau in Aachen. 2001 wurde er Chef der Deutsche Steinkohle AG, später RAG-Chef. Er ist verheiratet und hat sechs Patenkinder. In der Freizeit mag er alte Autos. Der Künstler, der aus seiner Sicht das Ruhrgebiet am besten einfängt, ist Herbert Grönemeyer. „Beim Lied Bochum geht mir doch das Herz auf“, sagt Tönjes. nicht mehr in die Förderung von Bildung, Kultur und Wissenschaft? Tönjes: Als die Stiftung gegründet wurde, lag das Budget bei unter einer Million Euro im Jahr. 2019 werden es schon 30 Millionen Euro sein. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir den Betrag auch weiter erhöhen. Wir wollen den Regionen, die den Bergbau möglich gemacht haben, gerne möglichst viel zurückgeben. Das Erbe des Bergbaus soll keine Bürde sein, sondern Gutes bewegen. Das Ruhrgebiet kann es gebrauchen. Was halten Sie von der Idee, den Soli Ost in einen Soli Ruhrgebiet umzuwidmen? Tönjes: Das Ruhrgebiet braucht keinen Soli, der würde die Region nur weiter stigmatisieren. Sehr wohl müssen die Städte entschuldet werden. Aber nicht nach Himmelsrichtung, sondern nach Bedarf. Dazu kommen eigene Kraftanstrengungen. So müssen wir zum Beispiel mehr Gründer und mehr Mittelstand ins Ruhrgebiet holen und die jungen Leute halten – das Ruhrgebiet hat 270.000 Studenten. Ein echtes Potenzial. Was erwarten Sie vom Bund? Tönjes: Bund und Land sollten überlegen, wie sie die hoch verschuldeten Städte von Duisburg bis Dortmund entschulden. Das können sie aus eigener Kraft nicht schaffen. Der Plan, dass rentable Beteiligungen die Ewigkeitslasten finanzieren, stammt von Werner Müller, Ihrem Vorgänger an der Spitze der Stiftung. Was haben Sie von ihm gelernt? Tönjes: Ich kenne und schätze Herrn Müller seit 20 Jahren. Von ihm kann man lernen, wie man mit Beharrlichkeit und Finesse auch politisch schier aussichtslose Ziele erreichen kann. Wer hätte gedacht, dass wir den kompletten Ausstieg und damit den Abbau von weit über 30.000 Arbeitsplätzen in zehn Jahren sozialverträglich hinbekommen. Was kann man daraus für die aktuelle Diskussion um die Braunkohle lernen? Tönjes: Wenig. Die Braunkohle ist rentabel, hat aber ein Klimaproblem. Bei der Steinkohle ging es „nur“ ums Geld, bei der Braunkohle geht es um weltanschauliche Fragen. Das erklärt vielleicht auch, warum der Kampf so erbittert geführt wird. Klar ist: Die deutsche Wirtschaft braucht eine sichere und bezahlbare Stromversorgung. Dafür stand einmal die Steinkohle, heute ist es die Braunkohle. Einen überstürzten Ausstieg darf es niemals geben. dpa

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