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Wirtschaft in NRW -14.12.2018-

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16 | GLÜCKAUF ZUKUNFT

16 | GLÜCKAUF ZUKUNFT RHEINISCHE POST | WIRTSCHAFT NR. 11 DEZEMBER 2018 Historisches Archiv Krupp Die Briten sind die ersten, die auf Kraft des Dampfes setzen. Doch bald schon ziehen die Deutschen nach. Dampfhammer Fritz (oben) geht 1860 bei Krupp in Betrieb. Er kann bis zu 2500 Tonnen schwere Gussstahlblöcke bearbeiten. Über den Hüttenwerken Krupp Mannesmann in Duisburg färbt sich der Himmel 2013 bei einem Stahlabstich rot-orange. Hier wird noch heute produziert. Viele andere Werke sind in den Stahlkrisen seit Ende der 60er-Jahre untergegangen. In der August-Thyssen-Hütte in Duisburg-Hamborn stehen auf diesem undatierten Foto Arbeiter an der Breitbandstraße. Konzerngründer Thyssen setzt schon im 19. Jahrhundert auf eine lückenlose Fertigungskette vom Rohstoff bis zum Endprodukt. dpa Die Herren von Rhein und Ruhr Kohle, Stahl, Pioniergeist und Forscherdrang sind die Zutaten, mit denen eine Gruppe ehrgeiziger Unternehmer das Ruhrgebiet seit Anfang des 19. Jahrhunderts zum Industrierevier macht. Ihre Erben sind tief ins Nazireich verstrickt. Doch dessen Untergang überstehen sie unbeschadet – und sind im Wirtschaftswunder bald wieder ganz oben. VON MAXIMILIAN PLÜCK Bevor sich das Ruhrgebiet zum pulsierenden Herzen der deutschen Industrie entwickelte, dämmert es lange im Dornröschenschlaf. Dörflich waren seine Strukturen, die Menschen lebten überwiegend von der Landwirtschaft. Kleine Grafschaften mit eigenen Maßeinheiten, Zöllen und Gesetzen verhinderten einen regen Handel. Während jenseits des Ärmelkanals die Industrialisierung in atemberaubendem Tempo voranschritt, Schienenstrang um Schienenstrang verlegt wurde und Dampfmaschinen die Webstühle rattern ließen, da schnarchte das Ruhrgebiet noch friedlich vor sich hin. Das änderte sich erst 1834. Mit dem Zollverein schlugen die Preußen eine Bresche in das Zollund Währungswirrwarr. Es war der Grundstein für einen einheitlichen Wirtschaftsraum. Für blühende Industrielandschaften bedurfte es darüber hinaus unternehmungslustiger und vor allem risikobereiter Menschen. Über Generationen hinweg hat sich eine Gruppe Industrieller herausgebildet, die das Schicksal der Region bestimmte: die Ruhrbarone. Kohle, Eisen und Stahl waren die Materialien, mit denen sie das Ruhrgebiet zu einem der Industriezen- tren der Welt machten. Sie waren es, die für den deutschen Kaiser und später für Adolf Hitler ein Kriegswaffenarsenal ungekannten Ausmaßes schufen und damit halfen, die Welt gleich zweimal ins Unglück zu stürzen. Es waren aber auch die Ruhrbarone, die trotz ihrer Verflechtungen mit den Nazis nach Kriegsende das Wirtschaftswunder ermöglichten. Wenn es um die Anfänge des industrialisierten Ruhrgebiets geht, fällt ein Name besonders oft: Franz Haniel, Spross einer erfolgreichen Händlerfamilie. Der frühe Tod des Vaters sorgte dafür, dass Franz in jungen Jahren erwachsen werden musste. Bereits als Schüler packte er im Familienkontor mit an. Im Jahr 1800 – mit gerade einmal 21 Jahren – eröffnete er in der kleinen Siedlung Ruhrort eine Steinkohlenhandlung. Es war die Geburtsstunde des Konzerns Haniel, der im 20. Jahrhundert vor allem für seine Beteiligungen im Pharmahandel und an Metro berühmt wurde. In Haniels Gründertagen wurde zwar bereits Kohle abgebaut, überwiegend aber nur durch waagerechte in die Berge getriebene Stollen. Kleine Zechen förderten für das nahegelegene Umland Brand- oder Schmiedekohlen. An Förderung in industriellem Ausmaß war nicht zu denken. Franz Haniel wollte aber genau das. Schon früh belieferte er Kunden in den Niederlanden und in Süddeutschland. Etwa um die Zeit, als die Preußen ihren Zollverein gründeten, gelang unter seiner Führung ein Meilenstein deutscher Industriegeschichte: In der Zeche Franz bei Borbeck ließ er erstmals die Mergelschicht durchbrechen – festes Sedimentgestein aus der Kreidezeit. Das ermöglichte den Abbau der darunterliegenden Fettkohle, die sich besonders für die Verkokung eignete. Die Erfindung der Dampfmaschine half nicht nur Haniel bei seinem Husarenstück in Borbeck, sie ermöglichte auch den Siegeszug der Eisenbahn. Den trieb der Hagener Unternehmer Friedrich Harkort voran. Harkort würde man heute wohl einen Open-Source-Unternehmer nennen. So wie mancher Softwareentwickler seine Quellcodes frei verfügbar ins Netz stellt, hielt auch Harkort seine Erfindungen wie Dampfmaschinen, Bügeleisen, Zahnräder oder Beleuchtungsapparaturen nicht etwa geheim. Er wollte vielmehr andere ermutigen, es ihm gleichzutun oder seine Erfindungen gar weiterzuentwickeln. Sein größtes Steckenpferd war die Eisenbahn. Schon 1825 hatte er sich dafür stark gemacht, eine Strecke von Köln über Duisburg nach In seiner Person hat sich die Ablösung der alten Industriedynastien vollzogen Nina Grunenberg, Autorin, über Berthold Beitz Minden zu bauen. 1828 gründete er die Eisenbahnaktiengesellschaft zum Bau der Deilthaler Eisenbahn zwischen Ruhr und Wupper. Die Bahn befeuerte den Steinkohlenbergbau in doppelter Hinsicht: Einerseits wurde es nun möglich, größere Mengen zu transportieren. Andererseits mussten massenhaft Schienen produziert werden – was einen Bergbauboom auslöste. Immer neue Zechentürme erhoben sich über die Städten. Schon 1840 kamen 40 Prozent der preußischen Steinkohleproduktion, rund eine Million Tonnen, aus dem Ruhrgebiet. Bis 1860 vervierfachte sich die Fördermenge. Versuch und Irrtum: Mit dieser Methode entdeckt Krupp die Formel für Gussstahl. Doch das Familienerbe verspielt er Für die Stahlproduktion ist Kokskohle unabdingbar. Dass der von den Briten erfundene Gussstahl auf dem europäischen Festland überhaupt produziert werden konnte, war einem Mann mit unbändigem Forscherdrang und wenig geschäftlichem Geschick zu verdanken. Sein Name: Friedrich Krupp. 1816 gelang dem Kaufmannssohn nach der Methode Versuch und Irrtum das kleine Wunder: Er fand die Formel für Gussstahl. Doch Erfolg brachte ihm die Erfindung nicht. Als Friedrich Krupp 1826 im Alter von 39 Jahren an „Brustwassersucht“ starb, hatte er das über 300 Jahre angehäufte Familienerbe verspielt und den Ruf der Familie ruiniert. Erst sein Sohn Alfred Krupp hob mit der Erfindung des Vaters den gleichnamigen Weltkonzern aus der Taufe. 1853 brachte er schweißnahtlose, geschmiedete und später gewalzte Eisenbahnreifen zur Serienreife. Sie sind bis heute als die von Alfred Krupp selbst entworfenen, ineinander verschlungenen Ringe im Logo von Thyssenkrupp zu erkennen. Sechs Jahre später legte er den Grundstein für seinen späteren Spitznamen: Kanonenkönig. Krupp zog einen Großauftrag der preußischen Militärbehörden über 300 Rohrblöcke für Geschütze an Land. Er erkannte das Potenzial der Branche und trieb das Rüstungsgeschäft rücksichtslos voran und baute bald schon vollständige Geschütze. „Die Engländer sollen Augen machen“, tönte er. Die schweren Waffen aus dem Hause Krupp machten im Krieg mit Frankreich 1870/71 den Unterschied zugunsten der Deutschen aus. dpa Noch inmitten der Kriegsjahre setzte ein junger Bankierssohn aus Eschweiler seine ersten Duftmarken im Ruhrgebiet: August Thyssen, der später den Beinamen „der Montangewaltige vom Niederrhein“ bekommen sollte. 1870 hatte sich der 28-Jährige in dem 15.000-Seelen-Ort Mülheim an der Ruhr einen Bauernhof zugelegt. Nicht etwa, um Schweine oder Kühe zu züchten. Thyssen baute auf dem Grundstück ein Stahlwalzwerk. Mit 70 Arbeitern startete er 1871 die Produktion, neun Jahre später hat sich ihre Zahl nahezu verzehnfacht. Thyssen war der erste Ruhrbaron, der einen echten Montankonzern mit allen Ingredien zien schuf: „Kohle gehört zu Eisen“, sagte er kurz nach dem Krieg. Erzgruben, Hochöfen, Stahlund Walzwerke und sonstige Weiterverarbeitungsfabriken – sie alle sollten nach dem Willen Thyssens unter einem, nämlich seinem Dach zusammengefasst werden. Ein lückenloser Prozess über die gesamte Wertschöpfungskette vom Rohstoff bis zum Fertigprodukt. Doch das reichte dem Ruhelosen nicht. Neben Abstechern in die Schifffahrt, die Zementindustrie und die Kaliindustrie widmete er sich der Energiegewinnung: 1898 gründete er gemeinsam mit dem nicht minder einflussreichen Industriellen Hugo Stinnes die Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG – heute nur noch unter dem Akronym RWE bekannt. Thyssen führte das Unternehmen bis ins hohe Alter. Als er im Jahr 1926 starb, hatte sich das Bild des Ruhrgebiets auch dank seines Wirkens massiv verändert: Schon Ende des 19. Jahrhunderts überflügelte die Zahl der Industriearbeiter die der Beschäftigten in der Landwirtschaft. Bis 1900 war das gesamte Ruhrgebiet vollständig durch die Eisenbahn erschlossen. Lebten 1850 gerade einmal 400.000 Menschen in der Region, waren es 1925 schon 3,8 Millionen. Auch wenn die Ruhrbarone de facto Konkurrenten waren, gab es Kooperationen, die heute das Bundeskartellamt auf den Plan rufen würden. Das Rheinisch-Westfälische Kohlen-Syndikat erblickte 1893 das Licht der Welt. Wo heute die Zentrale des Essener Spezialchemiekonzerns Evonik steht, trafen sich die Mitglieder, um Fördermengen für die Ruhrzechen festzulegen. Das Syndikat war eines der langlebigsten überhaupt. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es zerschlagen. Die 1968 gegründete Ruhrkohle AG (RAG) kann im weitesten Sinne als Nachfolgerin aufgefasst werden. Die wohl bedeutendste Organisation zu dieser Zeit entstand im Todesjahr August Thyssens. Im Zuge der Wirtschaftskrise ordnete sich der Markt neu. Die Thyssen-Gruppe fusionierte mit der Phönix-Gruppe, den Rheinischen Stahlwerken sowie der Rhein-Elbe-Union zum größten Drei Pioniere und ein Erneuerer: Franz Haniel (o. l.) revolutioniert 1834 den Ruhrbergbau. Alfred Krupp (o. r.) und August Thyssen (u. l.) heben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre später fusionierten Stahlkonzerne aus der Taufe. Berthold Beitz tritt 1953 ihr Erbe an. Anstelle der Familie steht nun ein Manager an der Spitze des Konzerns VOM KOKS BEFEUERT Der frühere Krupp-Vorstandschef und Multiaufsichtsrat Günter Vogelsang neigte zu einer klaren Sprache. Die Stahlproduktion erklärte er einmal so: „Man schmeißt das Roherz oben in den Hochofen rein, wirft den Koks dazu. Das blanke Erz, vom Sauerstoff befreit, kommt aus dem Hochofen raus und wird abgegossen. Anschließend wird es im Konverter vom Kohlenstoff befreit. So wird aus Erz Stahl.“ So einfach, so klar. Doch warum muss die Steinkohle umständlich in Kokereien zu Kokskohle gemacht werden? Lange Zeit wurde bei der Eisenproduktion auf Holzkohle gesetzt. Steinkohle eignete sich nicht. Grund waren die Rauch-, Schwefelund Rußbildung im Hochofen, die das Eisen verunreinigten. Doch mit dem Eisenbahnbau wurde auch der Hunger nach Stahl größer. Holzkohle erwies sich für die nun benötigten Mengen als nicht praktikabel. Einmal mehr waren es die Engländer, die eine Lösung fanden. In ihren Kokereien wurde Steinkohle unter Luftabschluss auf bis zu 1000 Grad erhitzt. Die flüchtigen Bestandteile wurden entfernt. Zurück blieb der hoch kohlenstoffhaltige Koks – eine Verschmelzung des Kohlenstoffs und der verbleibenden Asche. Zunächst erwärmten sich nur wenige für diese Methode, ging doch ein Drittel der eingesetzten Steinkohle bei dem Prozess verloren. Doch in den 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts wurden die Öfen immer ausgefeilter. In den 80er-Jahren gelang es sogar, die überschüssigen Eigengase zu gewinnen. So entstanden auf der Schwelle zum 20. Jahrhundert Gasdynamomaschinen – also die ersten Gaskraftwerke. dpa (3); Haniel deutschen Stahlproduzenten. Einzige ernstzunehmende Rivalen für die neuen „Vereinigten Stahlwerke“ waren Hoesch, Krupp, Klöckner, die Gutehoffnungshütte und Mannesmann. Die Kohle- und Stahlmagnaten galten als extrem konservativ und antikommunistisch. Gewerkschaften waren vielen ein Graus. Und so machte die Mehrheit von ihnen willfährig gemeinsame Sache mit den Nazis. Gustav Krupp von Bohlen und Halbach hatte schon für Wilhelm II. Kanonen gebaut, nun wurde der „Führer“ mit wehenden Hakenkreuzflaggen auf der Villa Hügel empfangen. Auch die Vereinigten Stahlwerke unter ihrem Chef Walter Rohland, genannt „Panzer-Rohland“, profitierten nur zu gern von den Machenschaften des Diktators. Viele Industrielle waren NSDAP-Mitglieder. Mannesmann-Chef Wilhelm Zangen etwa trat 1938 ein und wurde Leiter der Reichsgruppe Industrie. Zangen war jedoch so weitsichtig, dem jungen Ludwig Erhard dessen Institut für Industrieforschung in Nürnberg zu finanzieren. Dort sollte Erhard, dem die Nationalsozialisten die Habilitation verweigert hatten, zur Nachkriegswirtschaft forschen. Während Bomben auf deutsche Städte niedergingen, steigerten die Industriellen mit Hilfe von Zwangsarbeitern die Produktion. Am Ende hätte Hitlers „Nero-Befehl“ die Ruhrbarone beinah noch mit ins Verderben gerissen: Alle Verkehrswege und Fabriken sollten zerstört werden. Doch Rüstungsminister Albert Speer hielt sich nicht daran. Ein Glücksfall für das Ruhrgebiet, das zu diesem Zeitpunkt schon von den Amerikanern eingekesselt war. Die Internierung nach 1945 schweißt die Männer zusammen. Es entstehen jene Zirkel, die später die Bundesrepublik prägen Mit Kriegsende sah es zunächst so aus, als würden die Siegermächte kurzen Prozess mit den Ruhrmagnaten machen. Im August 1945 wurden die Vereinigten Stahlwerke in 13 Gesellschaften zerschlagen. Einen Monat später kam es zu einer Verhaftungswelle. Zahlreiche Manager kamen hinter Gitter, darunter das 44 Köpfe zählende Kohlensyndikat und das gesamte Direktorium von Krupp. Was folgte war die Internierung. Gravierende Folgen sollte das aber nicht haben. „Im Revier haben sie alle gesessen. Das hat keiner dem anderen übelgenommen“, formulierte es später Johanna von Bennigsen-Foerder, die Witwe des Chefs der Vereinigten Elektrizitäts- und Bergwerks AG (VEBA, im Jahr 2000 in E.ON aufgegangen). „Die Wundertäter“ nannte die „Zeit“-Journalistin Nina Grunenberg diese Männer sehr treffend in ihrem gleichnamigen Buch. Während ihrer Haftzeit lernten sie einander besser kennen. Der stellvertretende Chef der Vereinigten Stahlwerke und spätere Thyssen-Chef, Hans-Günther Sohl, war in Bad Nenndorf zur Feldarbeit verdonnert worden. Neben ihm auf dem Acker schuftete ein gewisser Hermann Josef Abs, der spätere Chef der Deutschen Bank. Nur ein Beispiel für Begegnungen zwischen alten und bald auch neuen Wirtschaftsgrößen. Die Internierung schweißte sie zusammen. Und machte so den verschworenen und vor allem verschwiegenen Männerzirkel erst möglich, der in den kommenden Jahren die Geschicke Westdeutschlands meist bei launigen Jagdgesellschaften bestimmen sollte. Dass die moralisch belastete Wirtschafts elite überhaupt wieder Fuß fassen konnte, lag an der Sorge der Westmächte vor dem wachsenden Einfluss der Sowjetunion. Das Gros der Industriellen war schnell wieder frei. Die wirtschaftliche Genesung des Westens ging vor. Viele blieben in Amt und Würden, so dass mancher Historiker später von einer „erstaunlich geringen Elitenzirkulation“ sprach. Das Ruhrgebiet lag in der britischen Besatzungszone. Die Briten beschlagnahmten den gesamten Kohlebergbau. Die Zechen hatten die Flächenbombardements heil überstanden, unter Tage war die Welt noch in Ordnung. Schon 1950 lieferten die 143 Zechen mit 100 Millionen Tonnen Kohle den Rohstoff für den Wiederaufbau. Ganz Westeuropa war auf die Kohle aus dem Ruhrrevier angewiesen. Während die Kohle unbeschadet durch den Krieg kam, musste die Stahlindustrie erst wieder aufgebaut werden. Produktionsanlagen, Verwaltungsgebäude – alles war zerstört. Der in Nürnberg zu einer zwölfjährigen Haftstrafe verurteilte Alfried Krupp von Bohlen und Halbach hatte sich für die Firma einen Manager gesucht, der moralisch nicht so beschädigt war wie er selbst: Berthold Beitz. Der aus Greifswald stammende Unternehmenslenker hatte in seiner Zeit für die Karpaten Öl AG viele jüdische Arbeiter vor der Deportation durch die Nazis bewahrt. Der durch die auf sechs Jahre reduzierte Zuchthaushaft gezeichnete Krupp wollte nie wieder Kriegswaffen bauen und suchte für sein Unternehmen einen Firmenlenker. Beitz, der damals bei der Iduna-Germania-Versicherung in Hamburg Chef war, wurde Generalbevollmächtigter bei Krupp und damit eine der einflussreichsten Persönlichkeiten des Ruhrgebiets. Die Installierung von Beitz markiert eine Zäsur. Die Journalistin Nina Grunenberg beschreibt es so: „In seiner Person hat sich am augenfälligsten die Ablösung alter Industriedynastien durch das Regime der Manager vollzogen.“

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