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Wirtschaft in NRW -14.12.2018-

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20 | GLÜCKAUF ZUKUNFT

20 | GLÜCKAUF ZUKUNFT RHEINISCHE POST | WIRTSCHAFT NR. 11 DEZEMBER 2018 VON JÖRG ISRINGHAUS Boah, glaubse … ich sach’ Sie!“ Wenn Herbert Knebel mal in Fahrt kommt, ist er nur schwer zu stoppen, schwadroniert mit Kodderschnauze über die Zumutungen und Widrigkeiten des Alltags. Vor mehr als 30 Jahren hat ihn Uwe Lyko eher zufällig auf die Bühne geworfen: beige Jacke, Hornbrille, Helmut-Schmidt-Kappe, fertig war der nölige Ex-Bergmann mit dem ungewöhnlichen Hang zu Rock-’n’-Roll-Ausflügen. Dass seine Figur bis heute funktioniert, zeigt, wie gut Lykos Riecher damals gewesen ist. Einem Typen wie Knebel, so überzogen er auch sein mag, ist jeder schon mal begegnet – nicht nur, aber vor allem im Ruhrpott. Ein konkretes Vorbild für den Frührentner habe es aber nicht gegeben, erzählt Uwe Lyko. In die Figur sei vielmehr ein Sammelsurium von Kindheitserinnerungen eingeflossen. In der Familie habe es von Originalen nur so gewimmelt. „Von Oma Charlotte etwa habe ich die ungelenke Sprache übernommen“, sagt er. Bei ihm heißt es aber Omma. So viel Dialekt muss sein. Trotzdem hat Uwe Lyko privat eher wenig mit Knebel gemein. Pläte statt Kappe, die Brille modisch statt übergroßes Kassengestell. Lyko wohnt in Essen-Werden, in einer schicken, aber bodenständigen Wohnung mit Blick ins Grüne. An der Grenze zum Bergischen, sagt er, aber, ganz wichtig: noch im Revier. „Ich bin ein Ruhrgebietsfan“, sagt der 64-Jährige. W i e seine Figur DEM RUHRGEBIET SEINE KOMIKER Helge Schneider stammt aus Mülheim an der Ruhr und ist ein komödiantisches und musikalisches Multitalent. Torsten Sträter ist Dortmunder und poltert gern etwas derber herum. Erkennungszeichen: schwarze Mütze. Gerburg Jahnke kommt aus Oberhausen und wurde durch das Duo Misfits bekannt. Heute tritt sie solo auf. Markus Krebs stammt aus Duisburg. Er gewann 2011 den RTL Comedy Grand Prix. Herbert Knebel ist er fest im Pott verwurzelt. Geboren in Duisburg-Neumühl, der Vater Berg- Hömma! Mit Herbert Knebel hat Uwe Lyko eine Kunstfigur erschaffen, die nach mehr als 30 Jahren noch bestens funktioniert. Was auch daran liegt, dass sein grantelnder Ruhrpottrentner allen Moden trotzt und so etwas wie die heimliche Stimme des Reviers mann, er selbst ist Borussia-Fan. „Als Kinder sind wir mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass alle Männer beim Berg bau arbeiten, auf der August-Thyssen-Hütte oder bei Mannesmann“, erzählt er. Lyko erinnert sich an die Stahlabstiche, an den Ruß und Dreck in der Luft, ans Zechensterben. „Das hat meine Kindheit geprägt.“ Für ihn ist das allerdings noch lange kein Grund, sentimental zu werden. Er sei kein Freund von Heimatfolklore, sagt Lyko, kein Sozialromantiker. „Ich sehe das sachlich: Das war eine Zeit, die hat die Region geprägt und einen bestimmten Menschenschlag hervorgebracht. Aber unter Tage zu arbeiten, das war die Hölle. Wenn das jetzt vorbei ist, dann ist das eben so.“ Der Menschenschlag – noch so ein Grund, der aus Lykos Sicht für den Ruhrpott spricht. Im herzlich-schroffen Umgangston des Reviers fühlt er sich gut aufgehoben, weil er selbst immer mal wieder anecke. Früher, als er in der Zeche Carl bediente, hatte er sich den Ruf des unfreundlichsten Kellners im Pott erworben. Mit Knebel hat er den Menschen dort eine Art Denkmal gesetzt, quasi ein Destillat des Pott-Ureinwohners geschaffen. Den er aber durchaus differenziert sieht. So habe der Wahlerfolg der AfD im Essener Norden sein Weltbild vom weltoffenen, liberalen Ruhrgebietler ins Wanken gebracht. Der gute Kumpel ist eben auch Klischee. Lyko hat immer versucht, es zu umschiffen. „Ich habe nie den Anspruch gehabt, mit der Figur möglichst authentisch zu sein“, sagt er. So verzeihen ihm die Fans, wenn Knebel im Elvis-Kostüm oder als Tina Turner auf der Bühne rockt. Und es macht die Figur interessanter für ihn selbst. „Dank dieser Freiheiten bin ich den Kerl nie leid geworden.“ geworden ist. Der Start verlief allerdings recht holprig: Die erste Knebel-Kappe hatte der Kollege Helge Schneider in der Umkleide liegengelassen, noch dazu erinnerte sie viele Besucher und Rezensenten an den legendären Komiker und Kabarettisten Jürgen von Manger. Beabsichtigt war das alles natürlich nicht, erzählt Lyko, und schüttelt lachend den Kopf über seine damalige Gedankenlosigkeit. Geschadet hat’s nicht. Im Gegenteil. Knebels Kappe, Brille und Jacke sind zum Markenzeichen geworden, sie haben den Mann hinter der Maske bekannt gemacht. Der sieht das allerdings differenzierter. Fluch und Segen zugleich sei das Outfit, sagt Lyko. „Über viele Jahre hat mir das ein wenig Schutz geboten, weil man mich privat nicht erkannt hat.“ Allerdings habe er wegen der Verkleidung auch nicht die Anerkennung durch die Feuilletons bekommen, die ihm seiner Meinung nach gebührt hätte. „Verkleidung, das ist für viele eben Karneval“, sagt Lyko. „Dabei bin ich selbstbewusst genug zu behaupten, dass wir haufenweise intelligente Texte geschrieben haben.“ Doch auch ohne feuilletonistische Weihen ging es steil nach oben. Gerade Ende der 90er- und Anfang der 2000er-Jahre füllte „Herbert Knebels Affentheater“ locker die großen Hallen und war auf allen TV-Kanälen präsent. Heute ist es etwas ruhiger um den Ruhrpottrentner geworden. Doch Lyko will nicht klagen, es läuft immer noch gut genug. Selbst den Knebel würde er heute noch mal genauso erfinden. „Nur würde ich mir dann eben nicht mehr dieses Outfit zulegen.“ Vielleicht ist das auch ein Ausdruck des Wandels, den die Region erlebt hat. Weg von der Industrie hin zur Kultur. Das Revier habe es geschafft, mit dem Sterben der Zechen fertigzuwerden, sagt Lyko. Nirgendwo sei die Dichte an Veranstaltungsorten und Kulturstätten so groß wie im Ruhrgebiet. „Für einen berufstätigen Künstler ist das ein Glück, weil ich nicht durch ganz Deutschland reisen muss“, sagt er. Wobei er nichts wissen will von einer Metropole Ruhr, also der Idee, dass das Revier doch eine einzige Megacity sei. „Das propagieren die Technokraten immer, vergleichen den Pott mit New York oder Berlin“, sagt Lyko. „Das stimmt aber nicht. Jede Stadt im Revier hat ihre eigene Identität, ihre eigenen Highlights.“ Nur Gelsenkirchen habe leider nichts, scherzt er. Außer Schalke natürlich. Seinen Knebel hat Lyko mittlerweile altersmäßig überholt. Als er die Figur entwickelte, hatte er sich einen 60-Jährigen vorgestellt. Damals war Lyko um die 30, heute ist er 64. „Ich möchte nicht enden wie Mick Jagger, der immer noch auf der Bühne steht und singt: ,I can’t get no satisfaction‘“, sagt er. Andererseits bereitet ihm Knebel immer noch großen Spaß, gerade das aktuelle Programm sei nach anfänglichen Schwierigkeiten sehr witzig geraten. Wie immer vordergründig wenig politisch, das könnten andere besser, aber mit viel Musik, das liegt Lyko am Herzen. Wenn es doch so gut laufe, sagt er, warum damit aufhören? Der Knebel sei schon vor 20 Jahren von einigen Kritikern totgeschrieben worden, und es gebe ihn immer noch. Lyko grinst. „Das mache ich, bis ich umkippe.“ Glaubse! Seit drei Jahrzehnten steht Uwe Lyko als Herbert Knebel auf der Bühne. Auch derzeit ist der 64-Jährige auf Tour, sowohl solo als auch mit seiner Kabarettgruppe „Herbert Knebels Affentheater“. Lyko, dessen Vater unter Tage gearbeitet hat, ist wie seine Figur Knebel vom Bergbau geprägt. Das Ende der Steinkohlenförderung sieht er dennoch nüchtern: „Wenn das jetzt vorbei ist, dann ist das eben so.“ dpa

Kultur im Pott RHEINISCHE POST | WIRTSCHAFT NR. 11 | DEZEMBER 2018 | SEITE 21 „Es hat etwas vom Stockholm-Syndrom“ Wie sehr seine Kindheit als Bergmannssohn ihn geprägt hat, ist Ralf Rothmann erst klar geworden, als er in Berlin zum Schriftsteller wurde. Im Interview erzählt er von der brutalen Welt unter Tage — und warum ihn dennoch Wehmut beschleicht, wenn die letzte Zeche schließt. VON LOTHAR SCHRÖDER Ralf Rothmann ist in einem Umfeld aufgewachsen, das für Schriftsteller nicht unbedingt typisch ist; bis zum 23. Lebensjahr lebte er im Ruhrgebiet. Er arbeitete auf dem Bau, als Koch, als Fahrer und Krankenpfleger. Erst später in Berlin sollte er, der immer schon viel gelesen und auch geschrieben hatte, mit der Literaturszene in Kontakt kommen. 1984 erschien sein erster Lyrikband. Als er schließlich seinen ersten Roman daheim „ablieferte“, nahm der Vater das Buch mit den Worten entgegen: „Leg es mal auf den Nachttisch.“ Gelesen habe er es nie, so Rothmann, während die Mutter meinte: „Wärst du damals Maurer geblieben, könntest du jetzt schon Polier sein.“ Aber auch diese wertvolle Erfahrung konnte der heute 65-Jährige und in Berlin-Frohnau lebende Autor im Pott machen: „Von meiner Kindheit an waren fremdländische Menschen um mich, und das war nie ein Problem. Sie waren durch die Arbeit integriert.“ Rothmann, der heute zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren zählt, hat die Erlebnisse und Begegnungen in seiner Jugend zur Literatur werden lassen. Mit seiner Erzählkunst des poetischen Realismus hat er vor allem in Romanen wie „Stier“, „Wäldernacht“, „Milch und Kohle“ und „Junges Licht“ die Welt des Ruhrgebiets eingefangen. „Das Zeitalter der Kohle ist vorbei.“ Was löst ein solcher Satz bei Ihnen aus? Ralf Rothmann: Eine Melancholie oder Wehmut, die sicher nicht ganz vernünftig ist, denkt man an die schwere Arbeit unter Tage und die Umweltbelastungen durch den Abbau und die Weiterverarbeitung der Kohle. Aber man sollte nie voreilig sein, die Geschichte ist launisch. Vielleicht wird man eines Tages wieder anfahren müssen. So mancher Förderturm steht noch. Ist die Kohle auch ein Synonym für den Wiederaufbau und deshalb mehr als andere Werkstoffe geeignet zur Legendenbildung? Rothmann: Der Bergbau war immer schon ein Legendenstoff, die Poesie der unterirdischen Dunkelheit, in der Gold- und Kohleadern glänzten oder Edelsteine wie Sterne funkelten, hat schon die frühen Romantiker fasziniert. Ein Bergmann freilich wird seine Arbeit selten als märchenhaft empfunden haben. Neulich noch, während einer Lesung in Herne, sprach ich mit dem ehemaligen Steiger meines Vaters, der verbittert sagte: „Jetzt feiern sie uns und loben uns in den siebten Himmel, die Herren Schlipsträger. Aber als wir unter Tage im Dreck steckten, kümmerte sich keiner um unsere Belange, um menschliche Belange überhaupt; da zählten nur die Tonnen Kohle, die wir förderten. Und wehe, es waren nicht genug.“ War der Bergmann Ihrer Wahrnehmung nach für viele Männer dennoch mehr Berufung als Beruf? Rothmann: Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich jemand berufen fühlt, in tausend Metern Tiefe durch Staub und Steinschlag zu kriechen, von den Wassereinbrüchen und dem Gas nicht zu reden. Für die meisten Bergmänner war das schlichtweg Maloche oder Drecksarbeit. Dennoch entwickelten viele einen Stolz, der für mich etwas von einem Stockholm-Syndrom hatte: Man identifizierte sich leidenschaftlich mit einem Beruf, von dem man doch wusste, dass er einen zugrunde richten würde. Aber was sollte man auch machen, schließlich musste die Familie ernährt werden. Helden waren das allesamt. Welche Rolle spielt die Kohle in Ihrer Erinnerung? Rothmann: Es sind vor allem Kindheitserinnerungen. Der Kohlestaub auf der Fensterbank meines Zimmers: Wischte man mit dem Finger darüber, war die Spur schon Tage später erneut überstaubt. Die Kohlehaufen vor der Tür, wenn man von der Schule kam, das stundenlange Schleppen schwerer Eimer in den Keller. Das Katzengold und der Ausdruck „Fettkohle“. Der Rücken meines Vaters, auf dem die vielen Narben blauschwarz waren, und seine Lidränder, die immer wie geschminkt aussahen von dem eingewachsenen Kohlestaub. Die Poesie der Dunkelheit, in der Gold- und Kohleadern glänzten, hat schon die frühen Romantiker fasziniert Ralf Rothmann Getty Images; Suhrkamp (4) Sind Sie selbst einmal eingefahren? Rothmann: Um Gottes willen, nein! Ich kriege schon Atemnot, wenn ich drei Stockwerke in einem gewöhnlichen Aufzug fahren muss. In einem Korb, der tausend Meter in die Tiefe saust, würde ich auf die Größe einer Grubenmaus schrumpfen. Ihr Vater war erst Melker, dann Bergmann. Er wechselte gewissermaßen von Weiß zu Schwarz. Hat er das als Ab- oder Aufstieg begriffen? Rothmann: In diesen Kategorien hat er nicht gedacht; es musste Essen auf den Tisch, und die Kinder brauchten Kleidung, fertig. Aber eine große Wehmut gab es wohl doch in ihm, schließlich hatte er das Leben auf dem Gutshof bei Schleswig trotz der harten Arbeit immer als „Paradies“ bezeichnet. Und obwohl im ganzen verrußten Oberhausen vermutlich keine einzige Kuh mehr existierte, stand im Adressbuch noch lange die Berufsbezeichnung „Melker“ hinter seinem Namen. Wie stark prägte Sie die Lebenswelt des Bergbaus? Und weckte diese Welt vielleicht Ihre Lust zu erzählen? Rothmann: Ja, in gewisser Weise. Die Lebenswelt des Bergbaus war oft eine brutale, und daher stammt vermutlich meine Ablehnung von Gewalt in jeder Form. Aber dass das Ruhrgebiet an sich eine Metapher ist und seine poetische Dimension darin liegt, dass Menschen sich den Boden unter den Füßen weggraben, um zu einer gewissen Höhe des Lebensstandards zu gelangen, das ist mir erst aus der Distanz heraus aufgefallen, in Berlin. Und plötzlich kriegten alle meine Erfahrungen, die ich im Schatten der Zechen und im Angesicht der Bergschäden gemacht hatte, eine literarische Substanz, und ich schrieb in ziemlich rascher Folge mehrere Romane darüber. Und wer weiß, vielleicht folgt noch der eine oder andere, denn dass die gesamte Region immer noch absackt, dass die leeren Flöze einbrechen und die Häuser verschlucken und man die Ruhr bergauf pumpen muss, damit nicht das ganze Gebiet in ihren Fluten versinkt, hat ja schon fast biblische Dimensionen. ROTHMANNS RUHRPOTT-ROMANE 1991 erscheint Rothmanns erster Roman „Stier“. Wie alle seine Werke, die im Ruhrgebiet spielen, enthält er autobiografische Motive. Rothmann erzählt darin die Erinnerungen des Berliners Kai Carlsen an seine Kindheit in einer Berg arbeitersiedlung und seine Jugend in der alternativen Szene der 70er-Jahre. Drei Jahre später erscheint der Roman „Wäldernacht“. Darin kehrt der Berliner Maler Jan Marré als 40-Jähriger in seine Heimatstadt zwischen Bottrop und Oberhausen zurück, wo er auf die gealterten Bekannten aus seiner Jugend trifft – und sich die Geschichte dramatisch entlädt. „Milch und Kohle“ aus dem Jahr 2000 beschreibt aus der Sicht des 15-jährigen Simon die von Alltagssorgen geprägte Geschichte einer Familie in einer Arbeitersiedlung Ende der 60er-Jahre. Aus dieser Welt bricht die Mutter aus – in ein Tanzcafé und in die Arme eines italienischen Liebhabers. Auch „Junges Licht“ erzählt eine Ruhrgebietsgeschichte aus den 60er-Jahren. Der 2004 erschienene Roman spielt auf zwei Ebenen: der des zwölfjährigen Simon, der die letzten Wochen seiner Kindheit erlebt, und der seines Vaters, der in der bedrohlichen Welt unter Tage arbeitet.

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