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Wirtschaft in NRW -14.12.2018-

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4 | DER LANGE ABSCHIED

4 | DER LANGE ABSCHIED RHEINISCHE POST | WIRTSCHAFT NR. 11 DEZEMBER 2018 Das Kohlezeitalter Die Geschichte der Kohle lässt sich in zwei Versionen erzählen. Obwohl beide vom selben Hauptdarsteller handeln, verlaufen sie ganz unterschiedlich. In der ersten ist die Kohle der Motor des Fortschritts. Sie hat Stahlhütten befeuert, Eisenbahnen und Ozeanriesen angetrieben und das Ruhrgebiet zum industriellen Herzen Deutschlands gemacht. Es ist eine glorreiche Geschichte, eine vom Aufstieg. Die zweite ist die des Niedergangs, sie handelt vom Zechensterben, von Arbeitslosigkeit und enttäuschten Hoffnungen. Beide Versionen kommen in diesen Tagen zum Ende. Doch ganz egal, was dann für eine Geschichte beginnt, als Motiv wird immer auch die Kohle durchscheinen. Dafür hat sie diese Region einfach zu lange geprägt. Von Andreas Mohrmann Chronik des Steinkohlenbergbaus im Ruhrgebiet, jährliche Kohleförderung in Mio. t Es geht wieder aufwärts Bevölkerung in der Metropole Ruhr in Mio. 6 5 4 3 2 1 0 1871 1900 1950 2000 2017 Rhein Rossenray Friedrich Pattberg Heinrich Rheinpreußen Niederrheinische Bergwerke Mevissen Walsum Lippe Lohberg Jakobi/Haniel Fr. Thyssen Osterfeld Duisburg Dorsten Prosper III Alstaden Hassel Schlägel Scholven u. Eisen Graf Hugo Ewald Moltke Graf M. Stinnes Bismarck Essen Fürst Brassert Ewald Leopold Fortsetzung Westerholt General Blumenthal Prosper II Emscher Emil-Fritz Ruhr Wulfen Nordstern Zollverein Holland Katharina Carl Funke Pörtingsiepen Pluto Consolidation König Ludwig Recklinghausen Friedrich der Große Bergwerk Bochum Bochum Wo die Kumpel malochen gingen Die in die Ruhrkohle AG am 27. November 1969 eingebrachten Emscher-Lippe Victor- Ickern Bergwerke Kokereien und Brikettfabriken Hansa Dortmund Germania Waltrop Achenbach Haus Aden Gneisenau Minister Stein Ruhr Grimberg 3/4 Kaiserstuhl Emscher Lippe Grillo Werne Radbod Hamm Heinrich-Robert Grimberg 1/2 Königsborn Sachsen Anfang der 1920er-Jahre stabilisiert sich die Weimarer Republik, Wirtschaft und Industrie wachsen rasant. 1929 erreicht der Kohlenbergbau einen ersten Förderrekord. 1908 Das Grubenunglück auf der Zeche Radbod (Hamm) kostet 349 Menschen das Leben – fast die gesamte Mannschaft der Nachtschicht. Für die Familien der Opfer bedeutet das auch eine finanzielle Katastrophe. Doch eine Spendenwelle mildert die Folgen. Und auch Politik und Zechenbetreiber reagieren: Die Schutzvorkehrungen werden verbessert und die Schaffung unabhängiger Sicherheitsbehörden im Bergbau eingeleitet. 1942 Als sich die Kriegslage verschlechtert, werden auch die bis dahin freigestellten Bergleute eingezogen. Zwangsarbeiter, meist Kriegsgefangene, ersetzen sie. Viele überleben die harten Arbeitsbedingungen nicht. 130 120 110 100 90 1952 Die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), auch Montanunion genannt, wird gegründet. Mitglieder sind die Beneluxländer, Westdeutschland, Frankreich und Italien. Sie sichern sich den zollfreien Zugang zu Kohle und Stahl zu. 1957 Beginn der Kohlekrise. Zu den Gründen zählen hohen Förderkosten in Deutschland, aber auch der sinkende Erdölpreis sowie der Ausbau der Kernenergie ab den 60er-Jahren. Bis 1964 werden 31 Großzechen geschlossen. 1966 Auf der Zeche Lothringen (Bochum) geht das letzte Grubenpferd im Ruhrbergbau in Rente: der Schimmelwallach Seppel. 1968 Auf das Grubensterben und den Verlust Tausender Arbeitsplätze reagieren die Ruhrgebietszechen mit der Gründung der Ruhrkohle AG. 1974 Mit dem Kohlepfennig, einem Aufschlag auf den Strompreis, versucht die Bundesregierung, die Konkurrenzfähigkeit des deutschen Steinkohlenbergbaus zu sichern. Neue Branchen, neue Jobs Erwerbstätige in der Metropole Ruhr nach Wirtschaftssektoren in % 60 50 40 30 20 10 0 Die Kohle kommt heute aus dem Ausland Import von Steinkohle in Mio. t 50 40 30 20 10 0 Dienstleistungssektor Produzierendes Gewerbe 1970 2000 2014 1991 2000 2010 2017 1906 Erster Einsatz von Drucklufthämmern. 80 Aus Urwäldern wird Kohle Vor 300 Millionen Jahren bedecken Urwälder das heutige Ruhrgebiet. Aus versunkener, luftdicht versiegelter Vegetation bildet sich unter Druck und Hitze erst Torf, dann Braun- und schließlich Steinkohle. 13. Jahrhundert Erste schriftliche Erwähnung von Steinkohlenfunden im Ruhrgebiet. 16. Jahrhundert Beginn der Förderung im Stollenbau. 1738 Gründung des Märkischen Bergamts zu Bochum. Um 1780 Die Ruhr wird schiffbar gemacht. Norden Haltern Recklinghausen Sprockhövel Lippe Emscher Ruhr 1200 m Deckgebirge 1837 Auf der Zeche Kronprinz (Mülheim a. d. Ruhr und Essen) wird zum ersten Mal die harte Mergelschicht durchbrochen und Kohle unter einem 130 Meter starken Deckgebirge gefördert. Damit erreicht man die für die Verkokung nötige Fettkohle. 1835 Erster Einsatz von Drahtseilen. Gesteinsschicht mit Kohleflözen Grundgebirge Süden Im Norden liegen die Flöze tiefer Im Ruhrtal tritt die Kohle an der Oberfläche zutage. Nach Norden hin liegen immer dickere Kalk-, Sand- und Tonschichten darüber. An der Lippe muss man 1200 Meter tief graben, um auf Kohleflöze zu stoßen. 1840 In den rheinisch-westfälischen Gruben werden Pferde eingesetzt. 1920 zählt man allein im Oberbergamtsbezirk Dortmund 3712 Tiere. Um 1840 Erste Sicherheitslampe. Lippe Beginn der Steinkohleförderung Ruhr bis 1840 1841–1870 1871–1890 1891–1920 Der Bergbau wandert von der Ruhr zur Lippe Erst der technische Fortschritt im 19. Jahrhundert Ermöglicht es, das mächtige Deckgebirge im Norden des Ruhrgebiets zu durchstoßen und tiefere Flöze abzubauen. Doch damit steigen die Förderkosten. 1855 Die Zechen beginnen, Wohnungen für ihre Bergarbeiter zu bauen, um qualifizierte Kräfte an sich zu binden. 1866 Erste Verwendung von Dynamit. 1904 Gründung des Fußballklubs Schalke 04. Das Vereinswappen wird seit den 20er-Jahren mehrfach stilistisch verändert. Das G (für Gelsenkirchen, die Heimat des Vereins) erinnert heute an einen Bergwerksschlegel und drückt damit die Verbundenheit des Klubs zum Bergbau aus. Erster Einsatz von Gummiförderbändern. 1889 Fast 90 Prozent der Bergarbeiter beteiligen sich am ersten Massenstreik im Ruhrgebiet und erzwingen so schließlich die Gründung von Gewerkschaften. 1874 Die Eisenbahn ersetzt die Schifffahrt auf der Ruhr. 1883 Die erste Kokerei beginnt mit der Gewinnung von Nebenprodukten wie Briketts und Teer. 1932 Infolge der Weltwirtschaftskrise geht die Förderung drastisch zurück. Erst durch die Rüstungs- und Kriegsanstrengungen des „Dritten Reichs“ steigt der Abbau wieder auf neue Rekordmarken. 1923 Durch den Ersten Weltkrieg bricht die Förderung ein. Von 1923 bis 1925 kommt es zur Ruhrbesetzung durch französische Truppen. Die Alliierten wollen Deutschland damit zur Erfüllung seiner Reparationsverpflichtungen aus dem Versailler Vertrag zwingen. 70 60 50 40 30 20 1947 Unter dem Motto „Kunst für Kohle“ gastieren die drei Hamburger Staatsbühnen in Recklinghausen, um sich für die Kohlelieferungen im kalten Winter 1946 zu bedanken. In der Folge werden die jährlich stattfindenden Ruhrfestspiele gegründet. 1946 Im Februar ereignet sich das schwerste Bergwerksunglück des Ruhrbergbaus: Auf der Zeche Grimberg in Bergkamen verlieren 405 Bergarbeiter bei einer Schlagwetterexplosion ihr Leben. 1945 Am Ende des Zweiten Weltkriegs liegt Deutschland am Boden. Die Förderung fällt auf ein Niveau wie in den 1880er-Jahren. Doch schon bald setzt das Wirtschaftswunder ein – und die Zechen erholen sich. 1985 Inmitten der Krise stärkt Herbert Grönemeyer mit seinem Lied „Bochum“ das Selbstvertrauen der Menschen im Ruhrgebiet: „Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, ist es besser, viel besser, als man glaubt.“ 1997 Von Duisburg bis Lünen schließen sich 220.000 Menschen zur 93 Kilometer langen Kette der Solidarität mit dem Bergbau zusammen. Ein starkes Zeichen – das Zechensterben geht allerdings weiter. Daran ändern auch die Streiks in den Folgejahren nichts. 1998 Die Deutsche Steinkohle AG wird als Tochterfirma der RAG Aktiengesellschaft gegründet und betreibt die letzten verbliebenen deutschen Steinkohlenbergwerke in Bottrop und Ibbenbüren. 2007 Die RAG-Stiftung wird gegründet um die Abwicklung des deutschen Steinkohlenbergbaus zu bewältigen. 2018 Die letzte Zeche, Prosper-Haniel in Bottrop, schließt am 21. Dezember 2018. 1801 Auf der Zeche Vollmond (Bochum) nimmt die erste Dampfmaschine im Ruhrbergbau die Arbeit auf. Sie pumpt das eindringende Wasser aus den Schächten und ermöglicht damit den Abbau in größeren Tiefen. 10 1820 1830 1840 1850 1860 1870 1880 1890 1900 1910 1920 1930 1940 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010 2017 Quelle: Gesamtverband Steinkohle e. V., IT.NRW, metropoleruhr, RAG, Regionalverband Ruhr, RIS, Statista, Statistik der Kohlewirtschaft

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