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Wirtschaft in NRW -14.12.2018-

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6 | DER LANGE ABSCHIED

6 | DER LANGE ABSCHIED RHEINISCHE POST | WIRTSCHAFT NR. 11 DEZEMBER 2018 „Es ist ein Jammer“ Die Arbeit unter Tage war hart und dreckig, aber auch familiär und frei. Oft hat schon der Großvater auf der Zeche gearbeitet. Vier Bergleute erzählen von dem, was ihr Leben ausgemacht hat — und wie es nun weitergeht. Von Antje Höning (Text) und Andreas Bretz (Fotos) Alexander Sauermann Alexander Sauermann (29), Mechatroniker aus Duisburg: „Schon mein Opa war Bergmann in Walsum. Er hatte ein Zechenhaus in Marxloh und hat mir oft von seiner Arbeit erzählt. Er war stolz, dass ich in seine Fußstapfen getreten bin. Und er hat immer gesagt, dass die Zeche gut ausbildet und ein guter Arbeitgeber ist. Das habe ich genauso erlebt: Erst wollte ich nur die Ausbildung im Bergwerk Walsum machen und dann nichts wie weg. Doch jetzt arbeite ich schon seit 2007 unter Tage, zuletzt war ich als Aufsichtshauer für 15 Mann verantwortlich. Schade, dass nun Schluss ist. Manches ist anders als vor 40 Jahren: Es wird viel mehr auf Sicherheit geachtet, die Kumpel sprechen alle Deutsch, auch wenn sie ausländische Wurzeln haben. Mein Opa hat noch mit den ersten Gastarbeitern gearbeitet, die zunächst kaum Deutsch konnten. Die Kameradschaft war damals wie heute gut. Fast alle nehmen da unten Schnupftabak, auch wenn sie sonst nicht rauchen. Das gehört zum Bergbau einfach dazu. Bis Jahresende bin ich noch bei Prosper-Haniel. Ich habe zum Glück schon einen neuen Job woanders in Aussicht.“ Siddik Eminoglu (48), Reviersteiger aus Duisburg: „Ich bin in der Türkei geboren und 1977 mit sieben Jahren nach Deutschland gekommen. Mein Vater hat damals im Stahlwerk gearbeitet. Er fand es erst nicht so gut, als ich nach der Schule auf den Pütt wollte – dunkel und gefährlich, meinte er. Doch ich habe es nie bereut. Freunde, die bei anderen Die Frage, ob einer Türke oder Deutscher ist, hat nie eine Rolle gespielt Unternehmen waren, sind später teilweise arbeitslos geworden, ich hatte bis zum Schluss einen sicheren und guten Arbeitsplatz. Ich habe auf dem Bergwerk in Walsum gelernt, war später im Bergwerk West und zum Schluss auf Prosper-Haniel. Die Frage, ob einer Türke oder Deutscher ist, hat nie eine Rolle gespielt. Zum Ende des Jahres wird auf Prosper keine Kohle mehr gefördert, stattdessen wird alles demontiert. Es sieht traurig aus, wenn von dem riesigen Walzenschrämlader, der jahrelang die Kohle aus dem Flöz geschnitten hat, nur noch ein Gerippe übrig bleibt. Zuletzt habe ich im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit Grubenfahrten geleitet. Da die Nachfrage sehr groß war, gab es am Tag mindestens zwei Besuchergruppen, die einmal die Welt unter Tage kennenlernen wollten. Alle Besucher waren beeindruckt von dem technischen Know-how und der Arbeit der Bergleute. Am 31. Dezember 2019 habe ich meine letzte Schicht, dann geht es in den Vorruhestand. Langweilen werde ich mich nicht, ich habe zwei Kinder und ein Haus, bei dem vieles liegen geblieben ist. Dennoch ist es ein Jammer, dass jetzt auch die letzte Zeche in Deutschland geschlossen wird. Wir verschrotten hier Hightech.“ Siddik Eminoglu Marcel Pawlinka (24), Industriemechaniker aus Essen: „Ich habe 2011 meine Lehre zum Industriemechaniker begonnen. In meiner Familie war keiner im Bergbau, und natürlich wussten wir, dass die letzte Zeche 2018 schließt. Doch damals war es nicht so leicht, überhaupt eine Lehrstelle im Ruhrgebiet zu finden, und die Welt untertage hat mich angezogen. In den ersten Wochen musste ich erst mal die Sprache lernen: Werkzeug heißt Gezähe, die Decke ist das Hangende, der Boden die Sohle und zum Sanitäter sagen wir noch heute Heildiener. Da unten sind wir eine Familie. Und auch wenn der Ton mal rauer wird, ist spätestens in der Kaue alles wieder im Lot. Kaue ist auch so ein Wort, Duschräume sagt natürlich keiner. Ich mache gerne Nachtschichten und arbeite am Samstag, beides wird gut bezahlt. Zeitweise war ich untertage in der Logistik: Dort haben wir ja kilometerlange Strecken, und Material, Maschinen und Werkzeuge müssen täglich an den richtigen Platz kommen. Wenn die Zeche jetzt zumacht, kann ich für zwei Jahre in die Transfergesellschaft gehen. Parallel suche ich nach einem neuen Job.“ Holger Stellmacher (50), Reviersteiger aus Hamm: „Ich komme aus einer Bergmannsfamilie aus Hamm. Mein Opa war dort Sprengmeister auf der Zeche Radbod. Er musste auch nicht in den Zweiten Weltkrieg, weil Steinkohlenförderung als kriegswichtige Produktion galt. Mein Vater hat auf Radbod über Tage gearbeitet. Dort habe auch ich gelernt und bin später zum Steiger und Reviersteiger aufgestiegen. Zeitweise war ich für 20 Mitarbeiter pro Schicht verantwortlich. Seit 34 Jahren bin ich nun Bergmann. Im Zuge der Zechenschließungen musste ich mehrfach wechseln: Ich war auf Heinrich-Robert (später Bergwerk Ost) in Hamm, auf Auguste Victoria in Marl und nun auf Prosper-Haniel in Bottrop. Ich fahre jeden Tage 160 Kilometer, um zur Arbeit und zurück zu kommen. Das geht vielen so. Die Zeiten, in denen alle in der Zechensiedlung um die Ecke wohnten und nach der Schicht noch gemeinsam einen trinken gingen, sind vorbei. Vieles ist aber auch besser geworden. Statt Hacken sind nun Hobel und Schrämlader im Einsatz, um die 40 bis 50 Grad warme Kohle aus dem Flöz zu holen. Arbeitssicherheit wird großgeschrieben: Die Kohle wird beim Abbau durch Bedüsung feucht gehalten, um den gefährlichen Gesteinsstaub zu binden. Mein Opa ist drei Jahre nach der Pensionierung gestorben – an Staublunge. Ende des Jahres habe ich meine letzte Schicht, dann gehe ich in den Vorruhestand. Wer unter Tage gearbeitet hat, kann mit 55 Jahren in Rente gehen. Im Vorruhestand gibt es 82 Prozent der Bezüge, im Ruhestand 60 Prozent. Als Schalke-Fan freue ich mich, bald mehr Zeit für den Fußball zu haben. Die meisten Bergleute hier sind Schalke-Fans. Ich habe drei Kinder, von denen geht keiner mehr zur Zeche. Mir tut es weh, dass nun Schicht im Schacht ist. Deutschland hat die beste Technik und den sichersten Bergbau der Welt – und den machen wir dicht und verfeuern lieber Kohle aus Kolumbien, wo Kinder unter Tage arbeiten müssen. Das ist doch ein Jammer.“ Marcel Pawlinka Siddik Eminoglu Holger Stellmacher

Anzeige Anzeige 48.000 D-Mark für den Bergmann Burckhard Kleipa ist Annahmestellenleiter und graviert Andenken an die letzte Schicht Von Carolin Schumacher Ibbenbüren. „Wir haben hier ja die richtig Gute“, sagt Burckhard Kleipa lachend. „Anthrazitkohle, 1000 Millionen Jahre alt, top Heizwert, das ist beste Qualität.“ Kleipa selbst ist kein Bergmann, er war nie unter Tage, außer mal bei einer Besichtigungstour. Aber Stolz schwingt mit, wenn der WestLotto-Annahmestellenleiter über seine Heimat Ibbenbüren und die Qualität des Gesteins spricht, das ihn, die Stadt und ihre Umgebung so geprägt hat. Sein Vater war auf dem Pütt. Und mit dem Bergbau kam die Industrie ins landwirtschaftlich geprägte Tecklenburger Land. Das bedeutete auch einen gewissen Wohlstand. Die Zeche der RAG Anthrazit Ibbenbüren ist eine der letzten zwei aktiven Steinkohlebergwerke in Deutschland. Hier, und in Bottrop bei der Zeche Prosper-Haniel, ist aber zum Ende des Jahres Schluss. Burckhard Kleipa leitet heute drei Lotto-Annahmestellen, seine erste eröffnete er 1977 in der Innenstadt. Steht er heute vor dem großen Supermarkt an der Hansastraße und will in seinen dort integrierten Shop, sieht er den hellen Schornstein des Kraftwerks oben auf dem Schafberg. „Mein Vater gehörte noch zu denjenigen, die auf Knien durch den Flöz gekrochen sind“, erzählt der 70-Jährige. „Unglaublich harte Arbeit, und die Sicherheitsvorkehrungen waren natürlich nicht mit dem vergleichbar, was heute Standard ist.“ Mit 34 Jahren fing er dort an, im 54. Lebensjahr wurde er pensioniert. „Der Vater stand hinterm Brecher, dem großen Schaufelrad. Einmal ist ihm mit der Rotation ein toter Kumpel entgegengekommen. Der hatte sich darin verfangen.“ Unfälle, Unglücke, Staublunge – die Männer und ihre Familien tolerierten das in diesen frühen Jahrzehnten. Auch die Tatsache, dass bei einer bestimmten Windrichtung draußen keine Wäsche aufgehängt werden konnte. Aber zum Bergbau gab es wirtschaftlich – und auch emotional – oft keine Alternative. „Doch ich wollte das nicht“, sagte Kleipa, „ich hätte ja einen handwerklichen Beruf ergreifen müssen. Das war nicht meins.“ Der junge Burckhard lernte den Beruf des Kaufmanns in einem Eisenwarengeschäft. Danach ging es für zwölf Jahre zur Bundeswehr, Standort Hopsten, ganz in der Nähe. Vielleicht ist auch die Erfahrung der Kameradschaft dort der Grund, warum Kleipa sich in vielerlei Hinsicht gut in die Situation der Bergarbeiter eindenken kann. „Plattsprechen, sich duzen, ganz geradeaus.“ So machen das die „Petrologen“, die „Gesteinsforscher“, wie er die Bergleute liebevoll nennt. Zuhause waren die Kleipas zu sechst – ohne Tiere. Mit Tieren „Eltern, vier Kinder, 40 Kaninchen und ständig im Einsatz“, sagt Kleipa. Typisch waren in den Bergmann-Siedlungen kleine Häuser und große Gärten – 1.000 Quadratmeter. „Wir waren immer draußen, es gab reichlich zu tun.“ Wenn ich das meinen vier Enkeltöchtern heute erzähle – die verstehen das gar nicht.“ Die RAG hat sich engagiert für ihre Leute. Kleipa erinnert sich zum Beispiel an eine Ferienfahrt nach Grömitz. „Vom Lottogewinn haben aber alle geträumt, nicht nur die Zechenkumpel.“ Etliche Großbeträge wurden in seiner Annahmestelle gewonnen. Wer das war und wieviel, weiß er aber nur, weil die Glücklichen es ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit selbst erzählt haben. „Mal hat ein Krawattenträger gewonnen, der es nicht brauchte, mal die einfachen Leute“, so Kleipa. „Fünf Richtige mit Zusatzzahl gab’s auch, das waren damals 48.000 D-Mark. Die bekam der Vater eines Freundes. Der war Bergmann, das war schön.“ Besonders deutlich vor Augen hat Kleipa die Veränderung in diesen Tagen, wenn er bei seinem „Zweitjob“ aktiv ist. Angefangen hat es mit der Gravur von Feuerzeugen in der Annahmestelle, daraus wurde immer mehr. In seiner Werkstatt im Stadtteil Püsselbüren fertigt er in diesen Tagen nicht nur Schilder, Pokale und Medaillen an, sondern wieder verstärkt Erinnerungsstücke an die letzte Schicht. Freunde oder Nachbarn kommen und bestellen als Geschenk zur Pensionierung einen Anthrazitblock auf Holz, geschmückt mit einer persönlichen Plakette. Kleipa, der Kaufmann, der nicht ins Bergwerk wollte, ist schließlich doch zum Handwerker geworden. „Die Ausbildung wird der Stadt fehlen“ Winfried Hermkes erlebt die Veränderungen in seiner Lotto-Annahmestelle in Bottrop Bottrop. (schum) Der Strukturwandel findet in seiner Schnupftabak-Schublade statt. Was früher für eine Woche reichte, verkauft Winfried Hermkes heute in sechs Wochen. Der Bergmann durfte unter Tage nicht rauchen und versorgte sich auf diese Weise nicht nur mit Nikotin, sondern bekam durchs Schnupfen auch die Atemwege frei. Winfried Hermkes Geschäft liegt in unmittelbarer Nähe der Schachtanlagen und der Kokerei des Bergwerks Prosper-Haniel. Dies gehört zu den letzten beiden Steinkohle-Zechen Deutschlands, die jetzt noch aktiv sind, aber zum Ende des Jahres schließen. Das andere befindet sich im münsterländischen Ibbenbüren. Hermkes beobachtet interessiert die Entwicklung seiner Stadt. „Die großen Veränderungen liegen ja schon hinter uns“, sagt Hermkes. „Es wurde immer weniger, jetzt ist ganz Schluss. Ein Prozess, der über Jahrzehnte lief.“ Nur ein paar Minuten bräuchte Hermkes von seinem Laden zu den Freizeitattraktionen der Stadt. Skifahren in der Halle, Skydiven am Fuße der Halde, Gruselspaß in der ehemaligen Waschkaue der Zeche – es ist alles fußläufig erreichbar. Allein zum Movie Park im Norden der Stadt bräuchte es deutlich länger. Bottrop mache seine Sache gut, findet der 62-Jährige, der direkt neben seinem Laden an der Prosperstraße auch noch ein Reisebüro betreibt. „Bottrop ist ‚Innovation City‘ – Modellstadt für Klima- und Strukurwandel, sie hat viel Grün, und die Arbeitslosenquote ist hoch – aber immerhin eine der niedrigsten im Ruhrgebiet.“ Abgesehen davon, dass der Großvater im Pütt arbeitete, schlägt aber wenig Bergarbeiter-Herz in Hermkes Brust. Bei seinen Eltern im Geschäft lernte er Einzelhandelskaufmann, er arbeitete in der Gastronomie, später im Direktvertrieb von Lebensmitteln. Als Bergmann arbeiten – das war nie interessant, geschweige denn ein innerer Wunsch. Und als er sich intensiv um seinen kranken Sohn kümmerte, wäre es auch organisatorisch gar nicht gegangen – „schon allein wegen der drei Schichten mit Früh, Mittag und Nacht.“ Weit, sehr weit weg, erscheinen die Zeiten, an die Hermkes erinnert, wenn er vom Leben in den typischen Bergarbeitersiedlungen erzählt, von Brieftaubenzüchtervereinen, rustikaler Küche in Gaststätten, wo sich die Kumpel trafen. Für den Weg war der „Schöppken“ – der Flachmann, so Hermkes, beliebt. Trotz der schweren Arbeit, trotz der Unfälle, dem oft frühen Tod, konnten sich viele Arbeiter keinen anderen Job vorstellen. Die meisten füllten ihn mit Leidenschaft aus. „Der Bergmann war zufrieden. Und wer 40 Jahre gearbeitet hatte, wurde mit einer guten Rente pensioniert, für die Kumpel wurde gut eingezahlt. Die hatten dann auch ausreichend Geld für sich, für Vergnügen. Heute ist das nicht mehr so viel, wenn Schluss ist.“ Natürlich wurde auch Lotto gespielt, meist in einer Gruppe, Kollegen oder Nachbarn taten sich zusammen. Abgegeben wurde der Spielschein meist vor oder nach dem Einkaufen – direkt nebenan bei Hermkes gibt es einen Supermarkt. Natürlich gab es auch große Gewinne in seiner Annahmestelle, für den einen oder anderen Kunden war das sicher ein einschneidendes Erlebnis. „Aber ins Leben der Leute bin ich nicht eingestiegen, da war ich eher zurückhaltend.“ Die Mitarbeiterinnen von Winfried Hermkes sind ihm schon lange treu. Inge Schröter steht seit 24 Jahren bei ihm im Laden. Anita Lenz, seine rechte Hand im Reisebüro, seit 19. Lenz’ Vater war auf dem Pütt, ebenso ihr früherer Ehemann. Sohn Marius hat auf der Zeche gelernt und war auch unter Tage. Der jüngere Tim gehört zum letzten Ausbildungsjahrgang von Prosper-Haniel und ist seit Januar dieses Jahres Elektroniker. „Die Ausbildung, die wird in der Stadt fehlen“, sagt Hermkes. Sie hat einen guten Ruf. Viele lernten gern auf der Zeche, auch wenn sie im Anschluss in andere Betriebe wechselten. „Die wurden sehr unterstützt und toll betreut“, lobt Anita Lenz. Nun ist Schluss. Wirklich Sorgen hat sich Lenz um ihre Männer nie gemacht. „Und die Sicherheitsvorkehrungen unten sind ja heute auch ganz andere“, erklärt die 53-Jährige. „Kein Vergleich.“ Den legendären Zusammenhalt der Kumpel hat auch sie kennengelernt. „Ferienfreizeiten, Weihnachtsfeiern – das war schon schön.“ Aktuell sind noch rund 1.400 Bergleute auf Prosper-Haniel, die die Zeche – und auch sich selbst – auf das Ende vorbereiten. Kohle dürfte theoretisch bis zum 31. Dezember gefördert werden, das Aufräumen darf bis 2020 dauern. Doch so lange wird es wohl nicht gehen, bis im Bergwerk vollständig Ruhe einkehrt.

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