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Wirtschaft in NRW -14.12.2018-

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8 | DER LANGE ABSCHIED

8 | DER LANGE ABSCHIED RHEINISCHE POST | WIRTSCHAFT NR. 11 DEZEMBER 2018 „Wir können stolz sein“ Der Abschied von der Steinkohle lässt niemanden kalt. Dass er ohne große Verwerfungen gelingt, ist eine herausragende Leistung von Land, Bund und den Sozialpartnern. Ein Gastbeitrag von Ministerpräsident Armin Laschet. Es war ein berührendes Erlebnis, verbunden mit viel Wehmut Armin Laschet über seinen letzten Besuch auf der Zeche Prosper-Haniel im September Vor einigen Wochen hatte ich die Möglichkeit, mit meinem Vater und meinen Brüdern gemeinsam auf Prosper-Haniel unter Tage zu fahren. Mein Vater war selbst Steiger auf der Zeche Anna in Alsdorf im Aachener Revier. So wie unsere Familie sind ganze Familiengenerationen in Nordrhein-Westfalen tief geprägt vom Steinkohlenbergbau. Es war ein berührendes, sehr eindrucksvolles Erlebnis, verbunden mit viel Wehmut: Noch einmal konnte mein Vater den Förderkorb betreten, noch einmal auf die Dieselkatze steigen, noch einmal die Luft in 1200 Meter Tiefe einatmen. Das Ende des Steinkohlenbergbaus lässt kaum jemanden in Nordrhein-Westfalen unberührt. In wenigen Tagen schließt das letzte aktive Steinkohlenbergwerk in Nordrhein-Westfalen, das Bergwerk Prosper-Haniel. Die Förderung der heimischen Steinkohle, des besonderen „schwarzen Goldes“, gehört damit der Vergangenheit an. Das ist das Ende einer Ära, die uns und unser Land tief geprägt hat. Und es ist eine Situation, die in Nordrhein-Westfalen bis vor einigen Jahren undenkbar war. Denn das „schwarze Gold“ stand über viele Jahrzehnte für eine sichere Energieversorgung, für Wirtschaftswachstum, für Hunderttausende gut bezahlte Arbeitsplätze. Nordrhein-Westfalen hat dem „schwarzen Gold“ den beispiellosen Aufstieg zu einer führenden Industrieregion in Europa zu verdanken. Die Steinkohle bildete den Ausgangspunkt für nahezu alle modernen Industrieprodukte. Das lässt sich auch aktuell vielfach in unserer Wirtschaftsstruktur ablesen: Nordrhein-Westfalen ist nach wie vor führender Standort der energieintensiven Produktion von Chemie, Stahl, Aluminium, Papier und Glas. Und auch heute hängt die internationale Wettbewerbsfähigkeit dieser Unternehmen, die für Hunderttausende Arbeitsplätze stehen, unverändert von einer bezahlbaren und sicheren Energieversorgung ab. Dies gilt es, neben so vielem, in der aktuellen Diskussion über den Ausstieg aus der Kohleverstromung im Blick zu halten. Wir brauchen eine intelligente und umsichtige Strategie, mit der sowohl eine wettbewerbsfähige Energieversorgung gesichert und andererseits den betroffenen Revieren die notwendige Zeit für den Strukturwandel gegeben wird. Bei der Steinkohle haben wir das, das kann man bei aller Wehmut sagen, im Großen und Ganzen geschafft. Hier wurde bereits vor BERGMANNSSOHN UND LANDESVATER Armin Laschet kommt 1961 in einer katholisch geprägten Familien in Aachen zur Welt. Sein Vater ist Steiger auf der Zeche Anna in Alsdorf. Schon als Gymnasiast tritt Laschet in die CDU ein. Nach dem Abitur studiert er Jura und landet anschließend zunächst im Journalismus. 1994 wird er in den Bundestag gewählt, von 1999 bis 2005 sitzt er im Europaparlament, bevor er im Kabinett Rüttgers das Amt des Landesministers für Familie und Integration übernimmt. Nach der Abwahl von Schwarz-Gelb im Jahr 2010 wird er 2013 Landeschef der CDU. Im Juni vergangenen Jahres tritt er das Amt des Ministerpräsidenten an. Eines der bestimmenden Themen seiner Amtszeit ist der geplante Braunkohleausstieg. 50 Jahren mit der Gründung der Einheitsgesellschaft Ruhrkohle AG dem langfristigen Ausstieg der Weg bereitet. Die bewusste und mutige politische Entscheidung für den endgültigen Ausstieg, die im Jahr 2007 von Land, Bund und den Sozialpartnern gemeinsam getroffen wurde, war ökonomisch richtig und wurde sozial verantwortungsvoll gestaltet. Letzteres ist eine der herausragenden Leistungen, die in dem jahrzehntelangen Anpassungsprozess im Steinkohlenbergbau gemeistert wurde. „Kein Bergmann fällt ins Bergfreie“ – diese Zusage der Politik ist konsequent eingehalten worden. Darauf können wir in diesem Land stolz sein!

Das Leben der Kumpel RHEINISCHE POST | WIRTSCHAFT NR. 11 | DEZEMBER 2018 | SEITE 9 Neue Heimat Als Wohnraum für „minderbemittelte Klassen“ hat Margarethe Krupp Zechenhäuser einst geplant. Doch schon Anfang des 20. Jahrhunderts genügte die von ihr gegründete Mustersiedlung in Essen hohen architektonischen Ansprüchen. Inzwischen sind viele frühere Arbeiterviertel bürgerlich geworden. VON BERTRAM MÜLLER Zechensiedlungen zählen zum Ruhrgebiet, wie bislang der Bergbau dazu zählte. Doch während der Bergbau nur noch in Museen fortlebt, haben Zechenhäuser längst ein Eigenleben entwickelt. Seit Jahren sorgen ihre Bewohner dafür, dass sie sich der Zeit anpassen. Sie bauen Parkplätze in die Vorgärten, ersetzen Fensterläden durch Rolladenkästen oder schlichte Haustüren aus Holz durch Plastikdesign aus dem Baumarkt – und handeln sich so viel Ärger mit dem Denkmalschutz ein. Schließlich haben die Denkmalämter darüber zu wachen, dass der Charakter der Siedlungen erhalten bleibt. Für wohlhabende Besitzer mag das kein Problem sein. Weniger betuchte aber bekommen rasch zu spüren, dass ein maßangefertigter neuer Fensterladen den Preis eines Baumarkt-Rolladens deutlich übersteigt. Mit welchem Argument soll man den Bewohnern die Bedeutung des Denkmalschutzes auch klarmachen, wo doch in den 60er- und 80er-Jahren ganze historische Zechensiedlungen der Abrissbirne zum Opfer fielen – etwa die Max-Taut- Siedlung in Duisburg-Bruckhausen? Anders als dort war der Protest der Bewohner in anderen Wohngegenden erfolgreich, beispielsweise in der Siedlung der gleichfalls zu Duisburg gehörenden Zeche Rheinpreußen. Heute steht sie unter Denkmalschutz und zählt zur „Route der Industriekultur“, die als Projekt des Regionalverbands Ruhr die bedeutendsten Industriedenkmäler der Region verbindet. Vom Flachdach-Reihenhaus aus Backstein bis zum freistehenden Giebelhaus mit Garten: Die Gestaltung ist vielfältig Die Geschichte der Siedlung Rheinpreußen ist die aller Bergbausiedlungen des Ruhrgebiets. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zogen zahlreiche junge Arbeiter aus den preußischen Ostprovinzen, außerdem aus Schlesien, Österreich-Ungarn und den Niederlanden in Richtung Ruhr, weil sie sich dort höhere Löhne oder überhaupt erstmals Arbeit erhofften. Um ihnen Wohnraum zu verschaffen, legten die Zechenbetreiber rings um die Schachtanlagen eine Siedlung mit rechtwinklig verlaufenden Straßen an. Ein- oder zweigeschossige Einzelund Doppelhäuser, oft mit Walmdach, reihten sich unter der Regie der Schachtbetreiber anein ander. Alleen, offene Vorgärten und ländliche Stilelemente wie Fachwerkpartien in den Häusern sollten den Zugezogenen das Gefühl von Heimat vermitteln. Schon 1844 hatte im Ruhrgebiet der Bau von Werkswohnungen begonnen. Als erster Industriebetrieb schuf die Gutehoffnungshütte in Oberhausen eine Kolonie: Eisenheim, zweistöckige Häuser mit je zwei Wohnungen, die durch separate Eingänge getrennt waren. Der Kreuzgrundriss, der später den Bau von Zechenhäusern im Ruhrgebiet bestimmte, geht auf einen Typus zurück, der im Elsass für Arbeiter des Kalibergbaus entworfen und 1855 auf der Weltausstellung in Paris vorgestellt worden war. Drei Jahre später entstand in Bochum-Stahlhausen eine erste Siedlung nach diesem Schema: zweigeschossige Häuser mit Garten und einem Schuppen als Stall und Toilette. Die Bewohner hätten es sich wohl nicht träumen lassen, wie schick Bergbausiedlungen dereinst aussehen könnten, denn noch hatte nur das Bürgertum das Modell der Gartenstadt für sich entdeckt. Wie Zechenhaus nicht gleich Zechenhaus ist, unterscheiden sich auch die Siedlungen in ihrer Anlage. Die architektonische Gestaltung reicht vom schlichten, engen Flachdach-Reihenhäuschen aus Backsteinen an Straßen ohne Bürgersteig bis zur Königin der Zechensiedlungen in Essen, der Margarethenhöhe. Noch heute gilt sie als Beispiel für menschenfreundliches Wohnen. Margarethe Krupp (1854–1931), Witwe des Unternehmers Friedrich Alfred Krupp, hatte die Stiftung 1906 gegründet und dem Architekten THEMENSTRASSE Entlang der Route der Industriekultur, einem Streckennetz, das sich kreuz und quer durch das Ruhrgebiet zieht, liegen nicht nur eine Reihe von technik- und sozialgeschichtlichen Museen und Attraktionen wie die Villa Hügel, sondern auch zahlreiche Arbeitersiedlungen. Zum Teil werden Führungen angeboten. In der Essener Margarethenhöhe etwa kann eine Musterwohnung besichtigt werden. Die Route der Industriekultur ist ein Projekt des Regionalverbands Ruhr. Dazu gehören eine 400 Kilometer lange, ausgeschilderte Ferienstraße, die zu allen Attraktionen führt, und Radwege mit einer Länge von 700 Kilometern. Als dieses Foto einer Zechensiedlung in Oberhausen 1974 entsteht, wohnen fast ausschließlich Arbeiter in den Häusern. Heute sind sie auch in anderen Kreisen begehrt. Ullstein Bild/Werner Otto Georg Metzendorf, einem Mitglied des Deutschen Werkbunds, die Bebauung des Areals im Süden der Stadt Essen übertragen. Da das Budget nicht ausreichte, jedes Haus einzeln zu entwerfen, wandte er einen Trick an, indem er einen Satz von architektonischen Elementen immer wieder neu kombinierte. Wer die Margarethenhöhe erstmals besteigt, wird staunen. Freistehende Giebelhäuser und zu Einheiten zusammengefügte Reihenhäuser ergeben ein abwechslungsreiches Bild, das immer wieder Überraschungen bietet: ein großes Tor, das den Haupteingang bildet, einen geräumigen Marktplatz, etliche winzige Geschäfte, gepflegte Gärten – und ein ausschließlich bürgerliches Publikum. Die Margarethenhöhe in Essen setzt Maßstäbe: Die Siedlung übertrifft die Erwartungen der Bauherrin deutlich So hatte sich Margarethe Krupp das allerdings nicht vorgestellt. Sie hatte den Wohnraum „minderbemittelten Klassen“ zugedacht. Stahlarbeiter, Bergleute und sogar Künstler teilten sich einst das Gelände, darunter der Industriefotograf Albert Renger-Patzsch. Wie die Häuser der Margarethenhöhe von innen aussahen, das erfährt man bei einer Führung durch die vom Ruhr Museum und von der Margarethe Krupp-Stiftung eingerichtete Musterwohnung. Metzendorf hatte auch als Innenarchitekt Maßstäbe gesetzt. Alle Wohnungen verfügten über eine „kombinierte Heizungs- und Kochanlage“, eine „Spülküche“ mit Badewanne, Waschbecken und Waschofen sowie eine eigene Toilette. Heute ergänzen originale Möbel von Metzendorf und detailgetreue Nachbauten einander. Die frei im Raum stehende Badewanne auf geschwungenen Füßen und die auf dem Putz verlegte Abwasserleitung des Waschbeckens versetzen die Besucher in die Entstehungszeit zurück, das Wohnzimmer dagegen ist mit seinen gemütlichen Holzmöbeln zeitlos schön. Nicht nur in Essen zählen Arbeiter schon lange nicht mehr zur Mehrheit der Bewohner von Zechen-, Hütten- und anderen Industriesiedlungen. Die Häuser mögen wenig Platz bieten, doch individueller als eine Wohnung im Mietshochhaus sind sie allemal. Und zu den Stätten der Industrie halten sie Distanz. Anders als auf der Margarethenhöhe lagen Arbeit und Wohnen oft dicht nebeneinander. Die Kolonie Landwehr zum Beispiel grenzt unmittelbar an die Zeche Zollern in Dortmund. Auch dort herrscht der Geist der Gartenstadt, auch dort erzeugen wenige Haustypen durch Mischung den Eindruck architektonischer Vielfalt. Und der Denkmalschutz kämpft dafür, dass sich der Gesamteindruck auch künftigen Generationen bietet. Denn nicht minder als Industriemuseen sind Zechensiedlungen Erinnerungsorte des Steinkohlenbergbaus an der Ruhr. Mach’s gut, Kumpel! Wir danken allen Bergleuten für die geleistete Arbeit und wünschen für die Zukunft: Glück auf! Zuhause heißt Vonovia www.vonovia.de

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