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12 | BRANCHENCHECK

12 | BRANCHENCHECK RHEINISCHE POST | WIRTSCHAFT NR. 08 JULI 2017 Die Digitalisierung erreicht das Handwerk, doch nicht allen fällt der Wandel leicht. Dabei bringt die Technik die Betriebe ein Stück weit sogar zu ihren Ursprüngen zurück. VON TANJA KARRASCH Wo Sebastian Bächer hobelt, fallen keine Späne. Die werden von der elektrischen Hobelmaschine abgesaugt – das große, grüne Gerät ist die neueste Anschaffung der Kölner Firma Bächer Bergmann, die nach dem neuesten Stand der Technik produziert: Handwerk 4.0. Nach Holz riecht es aber auch in einer digitalen Tischlerei. Hinten, in der zweiten Halle, aus der ohrenbetäubender Lärm dringt, sägt Mitarbeiter Andreas Naumann die Aussparung für eine Spüle gerade per Hand in eine Küchenarbeitsplatte. Könnte das nicht die computergesteuerte Maschine machen? Naumann nimmt die Ohrenschützer ab. „Für den Feinschliff hätte ich den Aufsatz wechseln müssen, das hätte länger gedauert.“ Maschinen und handwerkliches Können – das eine gehe nicht ohne das andere, sagt er. Bei den Kölner Tischlern ist ansonsten alles digital, was möglich ist: Gearbeitet wird mit Laser-Cuttern, einer rechnergesteueren Fräsmaschine und einem 3-D-Drucker. Auf zwei Tischler in der Werkstatt kommt einer, der am Computer die Ideen der Kunden in digitale Arbeitsvorlagen umsetzt. In allen Bereichen rollt der digitale Wandel derzeit das Handwerk auf. „Elektrotechniker rüsten ,smarte’ Neubauten aus, Zahntechniker scannen und modellieren unsere Gebisse dreidimensional, Modellbauer formen Prototypen mithilfe von Algorithmen statt Gips“, sagt Andreas Ehlert, Präsident der Handwerkskammer Düsseldorf. „In allen Branchen werden derzeit digitale Verfahren erprobt.“ Tischler Bächer und sein Geschäftspartner Georg Bergmann gehören zu den Vorreitern ihrer Zunft. „Der Computer ist das wichtigste Werkzeug in unserer Werkzeugkiste“, sagt Bächer und dann folgt ein überraschender Satz: „Wir gehen durch die Digitalisierung dahin zurück, wo das Handwerk herkommt.“ In Zurück in die Zukunft Richtung Individualisierung nämlich. Früher sei jedes Objekt eine Einzelanfertigung gewesen, erklärt der Geschäftsführer. Dann kam die industrielle Massenproduktion. „Durch die Vernetzung der computergesteuerten Maschinen haben wir heute die Möglichkeit, mit den industriellen Maschinen handwerklich Einzelstücke zu fertigen – und zwar so, dass es sich am Ende rechnet.“ Digitale Fräsmaschinen setzen programmierte Arbeitschritte eins zu eins um. Für eine zwanzig Meter lange Skulptur des Designers Ross Lovegrove wurden 2500 Einzelteile aus Holz digital geplant, maschinell gefräst und wie ein riesiges Puzzle zusammengesteckt. „Wenn am Ende genau das rauskommt, was du wolltest – das ist ein sehr befriedigendes Gefühl.“ Der Stolz über das fertige Objekt gehe auch durch Computer nicht verloren. Diese Entwicklung zeige sich in vielen Handwerksberufen, erklärt Christoph Präzise wie eine Maschine, individuell wie ein Handwerker: Sebastian Bächer (rechts) setzt in seiner Tischlerei auf digitale Technik. Andreas Endermann (2) Krause vom Kompetenzzentrum Digitales Handwerk, einer Organisation von Handwerkskammern und Bundeswirtschaftsministerium. „Eine einfache Webseite reicht längst nicht mehr aus“, sagt er. „Die Kunden möchten heute ihr Produkt online individuell mitgestalten, digital kommunizieren.“ Krause berät Handwerksbetriebe, die digitaler werden möchten und dabei Unterstützung benötigen. „Die Digitalisierung löst die regionale Verkaufsform der Handwerker auf.“ Die Hürde sei jedoch, branchenübergreifend zu denken, als Handwerker auch Elektrodienstleistungen anzubieten, wenn erforderlich Kooperationen mit anderen Betrieben einzugehen und so ein Kompetenznetzwerk zu schaffen. Ein großes Hemmnis bei der Digitalisierung sehen viele Betriebe in der mangelnden Digitalkompetenz ihrer Mitarbeiter. Schließlich entscheiden sich viele mit der Wahl eines Handwerksberufs bewusst gegen einen Schreibtischjob. Doch denen, die den Schritt ins digitale Geschäft nicht schaffen, malt Krause eine düstere Zukunft: „Es wird sie einfach in fünf Jahren nicht mehr geben. Sie werden nicht mehr mit den Kunden interagieren können, nicht mehr wettbewerbsfähig sein.“ Natürlich gibt es Gewerke, in denen die Entwicklung langsamer voranschreitet. „Das Malerhandwerk steckt beim Thema Digitalisierung noch in den Kinderschuhen“, sagt etwa Guido Gormanns, Geschäftsführer des Innungsverbandes Nordrhein der Maler und Lackierer. „Es ist bei uns komplizierter, da es keine stationäre Fertigung gibt. Marktreife digitale Lösungen gibt es noch nicht.“ 56 Prozent aller Handwerksbetriebe sehen einer Bitkom-Studie zufolge die Digitalisierung als große Herausforderung, 23 Prozent halten sogar ihre Existenz für bedroht. Am meisten Sorgen machen den Firmen IT-Sicherheit und Datenschutz sowie hohe Investitionskosten. „Es gibt durchaus Betriebe, die erst einmal abwarten und schauen, wie sich alles entwickelt“, sagt der Kölner Handwerkskammerpräsident Hans Peter Wollseifer. „Aber es geht kein Weg daran vorbei, dass die Digitalisierung auch das Handwerk grundlegend verändert.“ Welche Chancen eine durchgehend digitalisierte Prozesskette bietet, zeigt das Start-up Kesselheld, ein digitales Heizungsbauportal aus Düsseldorf. Auf der Homepage können Kunden ihre Daten eingeben, Fotos ihrer Heizungsanlage per WhatsApp an den Kundenservice schicken und so in kürzester Zeit ein Angebot erhalten. Das spart den Heizungsbauern wertvolle Zeit: Die Anfahrt entfällt. Eine Software hilft den Meistern, die optimale Heizung für den Kunden zusammenzustellen, alle Komponenten werden automatisiert bestellt, sobald das Angebot bestätigt ist. „Wir sind auch ein Offline-Handwerksbetrieb mit Installateuren und Meistern, aber wir versuchen alle Schritte in der Wertschöpfungskette mit digitaler Technik zu verbessern“, sagt Kesselheld-Gründer Martin Teichmann. Und er sieht einen weiteren positiven Effekt: Die Digitalisierung ziehe Mitarbeiter an. „Im Handwerk herrscht Fachkräftemangel, wenn wir uns als innovativer Betrieb präsentieren, sind wir attraktiver für junge Mitarbeiter.“ Handwerker mit Digitalkompetenz werden dringend gesucht. Jedoch nicht anstelle erfahrener Kollegen mit jahrelangem Knowhow, so Teichmann. Sondern als Pendant.

Strategie RHEINISCHE POST | WIRTSCHAFT NR. 08 | JULI 2017 | SEITE 13 Vorsprung durch Diebstahl Johann Gottfried Brügelmann hat es im 18. Jahrhundert zum angesehenen Unternehmer gebracht – mit geklauten Ideen. SEITE 16 Krumm machen für den Erfolg Wie cleveres Gesundheitsmanagement den Krankenstand senkt, die Produktivität erhöht und die Arbeitgebermarke stärkt VON TANJA KARRASCH Das Problem ist nicht neu, aber es verschärft sich: In Zeiten von Fachkräftemangel und alternden Belegschaften sind Arbeitgeber mehr denn je darauf angewiesen, Angestellte so lange wie möglich gesund und fit im Beruf zu halten. Denn Fehlzeiten sind teuer: 2015 haben 587 Millionen Ausfalltage in Deutschland einen volkswirtschaftlichen Verlust an Bruttowertschöpfung von 113 Milliarden Euro verursacht. Die gute Nachricht: Schon mit vergleichsweise wenig Aufwand lässt sich viel bewegen. Unternehmen wie der Energieversorger Rheinenergie haben das verstanden. Dort ist der durchschnittliche Mitarbeiter 48 Jahre alt. In 20 Betriebssportgruppen wird Tischtennis oder Fußball gespielt, Qigong- und Yoga-Kurse bringen Entspannung, ein Fitnessraum steht zum Einzeltraining zur Verfügung. Für Schichtarbeiter gibt es Seminare zum „Gesunden Schlaf“, für Angestellte mit Suchtproblemen einen Berater. „Wir möchten unsere Mitarbeiter motivieren, sich eine Gesundheitskompetenz an- zueignen“, sagt Tanja Stenglein, Gesundheitsmanagerin bei Rheinenergie. Das rechne sich: „Wenn Mitarbeiter chronisch krank werden, wird es sehr viel teurer.“ Allerdings sind noch nicht alle Unternehmen so weit wie Rheinenergie. Das Institut für Betriebliche Gesundheitsförderung BGF, eine Tochter der AOK, betreut 700 Firmen im Rheinland. „Viele setzen auf isolierte Einzelangebote wie einen Gesundheitstag im Jahr. Davon darf man keine Wunder erwarten“, kritisiert der stellvertretende Institutsleiter Gregor Mertens. Insgesamt wachse das Bewusstsein aber – wobei sich die Beweggründe geändert hätten: Stand früher der betriebswirtschaftliche Aspekt im Vordergrund, geht es heute mehr um Employer-Branding – also um Imagepflege der Unternehmen. Gesundheitsfördernde Angebote erhöhen nicht nur die Attraktivität für Bewerber, sie steigern darüber hinaus auch die Identifikation, was eine verbesserte Produktivität und Arbeitsqualität mit sich bringen kann. Doch gerade kleinen und mittelständischen Unternehmen fehlt es häufig an den nötigen Ressourcen. Laut dem NRW-Landesinstitut für Arbeitsgestaltung verfügen 43 Prozent der Betriebe mit bis zu zehn Beschäftigten über keine Gesundheitsangebote. Anna Hollstegge von der IHK Düsseldorf sieht Handlungsbedarf: „Besonders kleinere Unternehmen können es sich nicht leisten, dass Mitarbeiter im letzten Drittel krankheitsbedingt wegfallen und damit Know-how verloren geht.“ Arbeitgeber können 500 Euro pro Mitarbeiter für Gesundheitsförderung steuerlich absetzen. „Das ist aber mit einem hohen Bürokratieaufwand verbunden“, beklagt Hollstegge. Als ersten Schritt eines guten Gesundheitsmanagements nennt Wolfgang Panter, Präsident des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte, eine Gefährdungsanalyse: „Die Belastungen sind im Büro andere als bei Stahlarbeitern, entsprechend muss der Ausgleich anders aussehen.“ Demnach hat Martin Karnein, geschäftsführender Gesellschafter des Bauunternehmens Heckmann in Hamm, alles richtig gemacht. Auf Grundlage einer Sophia Klipstein Rückenschule für die Mittagspause: I: Käferposition einnehmen, Bauch straffen, Hand an den Fuß. II: Auf einem Bein stehen, vornüberbeugen. III: Auf dem Rücken Beine anwinkeln und strecken. IV: Auf einem Bein stehen, das andere Bein und einen Arm diagonal abspreizen. Mitarbeiterbefragung zur Arbeitsbelastung haben Mediziner vor drei Jahren ein Trainingsprogramm erstellt. Zweieinhalb Jahre machten seine Männer auf der Baustelle immer dienstags Übungen zur Kräftigung der Rückenmuskulatur, sie lernten, wie man Schweres richtig trägt oder eine Karre rückenschonend schiebt. Dann schlief das Projekt allerdings ein. Doch Karnein gibt nicht auf. Seine Idee: Physiotherapeuten sollen künftig an zwei Abenden pro Woche für individuelle Übungen zur Verfügung stehen.

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