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RHEINISCHE POST |

RHEINISCHE POST | WIRTSCHAFT NR. 08 JULI 2017 STRATEGIE | 19 Die Kapselmaschine Ein Transrapid, der mit Geschwindigkeiten nahe der Schallgrenze durch eine Vakuumröhre saust — das ist die Vision der Hyperloop-Macher. Auch in Deutschland sind viele von der Idee angetan. VON MAXIMILIAN PLÜCK Bahnchef Richard Lutz war jüngst völlig aus dem Häuschen. Bei der Vorstellung eines Großbauprojekts geizte der Neue an der Spitze des Staatskonzerns nicht mit Superlativen: „Es ist die größte Angebotsverbesserung in der Geschichte der Deutschen Bahn“, schwärmte er. Gemeint war die neue Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Berlin und München. Bisher benötigt ein ICE zwischen beiden Metropolen sechs Stunden, dank der neuen Strecke sollen es ab Dezember nur noch drei Stunden und 55 Minuten sein. Lutz' Begeisterung dürfte bei mehreren Ingenieuren jenseits des Atlantiks allenfalls für Kopfschütteln sorgen. Beim US-Unternehmen Hyperloop One denken sie in anderen Dimensionen. Mit ihrem Gefährt wäre die Strecke Berlin–München in schwindelerregenden 46 Minuten möglich. Durch Vakuumröhren wollen die Ingenieure die Fahrgäste in Spezialzügen hin- und her schießen. Angestoßen hat das Projekt 2013 Elon Musk, Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, des Raumfahrtunternehmens Space X und des Bezahldienstes Paypal. Damals ärgerte er sich maßlos über ein Schienenprojekt in seiner Heimat zwischen Los Angeles und San Francisco: „Wie kann es sein, dass in der Region, in der das Silicon Valley beheimatet ist und in der die Nasa Raketenantriebe und Marssonden entwickelt, ein Hochgeschwindigkeitszug geplant ist, der pro Kilometer am teuersten ausfällt und noch dazu einer der langsamsten der Welt ist?“, fragte Musk und lieferte gleich den Gegenentwurf dazu: Mit dem Hyperloop, so seine Idee, sollten Menschen nahe der Schallgrenze verkehren. Musk und seine Ingenieure rechneten in einem knapp 60-seitigen Papier vor, dass für die Strecke Los Angeles–San Francisco Investitionen von nur sechs Milliarden Dollar (5,5 Milliarden Euro) nötig seien. Bei 7,4 Millionen Gästen pro Jahr seien Ticketpreise von 20 Dollar möglich. Noch dazu sei die Distanz in 35 Minuten zu bewältigen – eine Kampfansage an Zugbetreiber und Airlines. Seitdem tüfteln sie in den USA mit Hochdruck an der Realisation. Vieles, was der Tesla-Gründer in seinen 60 Seiten skizzierte, ist inzwischen verworfen. So trennten sich die Ingenieure von der Idee, die Züge mit Hovercraft anzutreiben. Stattdessen wird jetzt an einem abgewandelten Transrapid-Konzept gearbeitet. Musk selbst beobachtet die Hyperloop-Aktivitäten zwar wohlwollend, ist aber nur noch am Rande involviert. Insbesondere zwei Firmen tun sich hervor: Hyperloop One und Hyperloop Transportation Technologies (HTT) haben zuletzt fleißig Investoren, Partner und Personal angeworben. Kritiker monieren aber, dass die Hyperloop-Macher zwar mit immer neuen potenziellen Strecken an die Öffentlichkeit gehen, Substanzielles bislang aber schuldig blieben. In eben jenes Muster passt auch die kürzlich veranstaltete „Hyperloop Global Challenge“: Hyperloop One rief Tüftler rund um den Globus dazu auf, vielversprechende Strecken einzuschicken. Auch Deutschland war vertreten: Die Idee sieht einen 1971 Kilometer langen Rundkurs durch die Republik vor. Haltepunkte sind in Köln, Hamburg, Berlin, Leipzig, Nürnberg, München, Stuttgart und Frankfurt vorgese- Hyoerkoop Transportation Technologies (3) Wer das Thema Hyperloop einfach als Quatsch abtut, macht es sich zu einfach Maria Leenen, Schienenverkehrsexpertin und Chefin des Beratungsunternehmens SCI Kreisverkehr Für die knapp 2000 Kilometer lange Schleife mit acht Haltepunkten würde der Hyperloop lediglich zwei Stunden und 55 Minuten benötigen. Köln und Hamburg lägen nur noch eine halbe Stunde auseinander. Knackpunkt Ingenieure halten ein solches Vakuumgeschoss grundsätzlich für realisierbar. Ob es in Deutschland mit seinem engmaschigen Verkehrsnetz auf die nötige Nachfrage treffen würde, ist aber offen – abgesehen davon, dass die Mitfahrt ein ausgeprägtes Vertrauen in die Technik voraussetzt. Menschliche Rohrpost Geplanter Steckenverlauf des deutschen Hyperloops, Teilstrecke/Fahrzeit 432 km/ 30 Min. Köln 191 km / 14 Min. Frankfurt 204 km/ 15 Min. Stuttgart Hamburg Gesamtstrecke 1991 km Fahrzeit 142 Min. 288 km/20 Min. Nürnberg München 233 km/17 Min. Berlin 190 km/ 14 Min. Leipzig 285 km/20 Min. 168 km | 12 Min. Quelle: Hyperloop One hen. Die Vision ist durchaus charmant: Der Rheinländer könnte weiter in seinem Kölschen Veedel wohnen, aber täglich in Hamburg arbeiten – schließlich würde die Anfahrtszeit nicht mehr als 30 Minuten betragen. München wäre aus dem Rheinland in 46 Minuten zu erreichen, Berlin in 50. Es wäre die Entkopplung von Arbeits- und Wohnort. Doch der Weg dahin ist weit. Noch dazu ist er gesäumt von zahlreichen Rückschlägen und Skandalen: So überwarfen sich bei Hyperloop One mehrere führende Ingenieure rund um den exzentrischen Chef-Techniker Brogan BamBrogan mit dem restlichen Management und lieferten sich eine auch vor Gericht ausgefochtene Schlammschlacht. Inzwischen sind die Streitigkeiten zwar außergerichtlich beigelegt. BamBrogan hat sich mit mehreren Kollegen aber mit dem Start-up Arrivo selbstständig gemacht. Damit wird der Wettlauf um den ersten funktionstüchtigen Hyperloop inzwischen von drei Firmen ausgefochten. Im kommenden Jahr will HTT eine erste Kapsel für 40 Fahrgäste präsentieren. Spätestens bis 2021 wollen die Firmen eine erste Strecke betreiben. Mehrere europäische Länder haben Interesse an eigenen Strecken bekundet. Neben Deutschland haben sich unter anderem Großbritannien, die Niederlande, Polen und Finnland bei der „Hyperloop Global Chalenge“ beworben. Das spektakulärste Projekt haben die Spanier vorgestellt: Sie wollen den Hyperloop durch die Meerenge von Gibraltar bis ins marokkanische Tanger führen. Angedacht sind zudem Trassen nach Korsika und Sardinien. Und während die Ideen Strecke für Strecke ins Kraut schießen, stellt sich die Frage: Wie realistisch ist all das? „Wer das Thema Hyperloop als Quatsch abtut, macht es sich zu einfach“, sagt Maria Leenen, Schienenverkehrsexpertin und Chefin des Beratungsunternehmens SCI. „Die Idee, einen Transrapid in abgeänderter Form umzusetzen, ist interessant – allein wegen der hohen Zeitersparnis und der Massen an Menschen, die sich auf diesem Weg kostengünstig transportieren ließen.“ Für die Umsetzung sei es nun essenziell, dass die Finanzierung stehe. „Wenn sich genügend Unternehmen beteiligen – und im Augenblick liest sich die Liste der Interessenten ja wie ein Who-is-who der Wirtschaft –, dann kann der Hyperloop Realität werden“, sagt sie. Die Frage ist allerdings, wo? Für Deutschland und ganz Mitteleuropa wäre das System aufgrund der engen Bebauung und des gut ausgebauten Verkehrssystems schwer durchsetzbar, sagt Leenen. „Hyperloop ist in erster Linie für Länder mit großen Distanzen gedacht – etwa Saudi-Arabien oder die Emirate. Allerdings stehen Sie dann auch schnell vor dem Problem, dass Sie kein ausreichendes Fahrgastaufkommen erzeugen.“ Um den Hyperloop wirtschaftlich betreiben zu können, müssten die Betreiber hohe Passagierzahlen haben. Zudem konkurriere das System mit dem Luftverkehr. „Ein Flugzeug ist deutlich flexibler. Wenn sich die Nachfrage ändert, ändert das Unternehmen die Destination.“ Trotz alledem hält die SCI-Chefin es für realistisch, dass ein Testbetrieb bis 2021 möglich sei. „Es ist durchaus denkbar, dass der Hyperloop der nächste große Entwicklungssprung beim Landtransport sein könnte.“

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