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22 | MENSCH & WIRTSCHAFT

22 | MENSCH & WIRTSCHAFT RHEINISCHE POST | WIRTSCHAFT NR. 08 JULI 2017 Weitblick: Viele Projekte von Sebastian Thrun bewegen sich an der Schnittstelle von Mensch und Maschine – wie die Datenbrille Google Glass. Laif; Kitty Hawk; Reuters; privat VON FLORIAN RINKE Im Film „Matrix“ gibt es eine Szene, in der dem Protagonisten Neo zwei Pillen angeboten werden: eine rote und eine blaue. Die Matrix ist eine Scheinwelt, die den Menschen ein schönes Leben vorgaukelt, während sie in Wirklichkeit längst Sklaven von Maschinen sind. Würde Neo die blaue Kapsel schlucken, würde er aufwachen und in dieser Welt einfach so weitermachen können wie bisher. Nimmt er die rote, erkennt er die Wahrheit. „Ich habe die rote Kapsel genommen“, sagt Sebastian Thrun über diesen Moment im Jahr 2011, als er nicht mehr so weitermachen kann wie bisher. So wie Neo, der Held aus einem von Thruns Lieblingsfilmen. Der heute 50-Jährige ist zu dieser Zeit Professor für künstliche Intelligenz an der US-Elite-Universität Stanford. Er hat sich einen Namen gemacht als Leiter von Googles lange Zeit geheimer Forschungseinheit Google X, in der unter anderem das selbstfahrende Auto entwickelt wird. Der gebürtige Solinger zählt zu den wichtigsten Vordenkern im amerikanischen Technik-Mekka, ja sogar weltweit. Thrun hat Einfluss, ein hohes Einkommen und einen sicheren Job. Aber er kann nicht so weitermachen wie bisher. Mal wieder. Aufbruch und Neubeginn bestimmen Thruns Leben. Sein Antrieb ist ein unerschütterlicher Optimismus Gemeinsam mit einem Kollegen überlegt er, wie es wäre, die Vorlesung über künstliche Intelligenz nicht nur vor einigen ausgewählten Stanford-Studenten zu halten, sondern online. Eine Art Weltvorlesung also, an der auch Menschen in Afrika, Südamerika oder Asien teilnehmen können, die gewöhnlich weder über die Möglichkeit noch über das Geld verfügen, um sich einen Aufenthalt an der Stanford-Uni zu leisten. Sie testen es. Die Teilnahme ist kostenlos, jeder kann sich einschreiben und am Ende wartet sogar eine Prüfung. Die Veranstalter rechnen mit rund 500 Interessenten, doch schon am ersten Morgen nach Beginn der Anmeldephase liegt die Zahl bei 5000. Bei 160.000 Anmeldungen zieht die Uni die Reißleine und stoppt das Verfahren. Es werden einfach zu viele. Immerhin 23.000 von ihnen legen am Ende die Prüfung auf Stanford-Niveau ab. Doch das Der Mann aus der Matrix Der gebürtige Solinger Sebastian Thrun zählt zu den wichtigsten Vordenkern im Silicon Valley. Er forschte zu künstlicher Intelligenz und entwickelte das selbstfahrende Google-Auto. Jetzt arbeitet er an einem neuen Projekt, das alles verändern könnte. Ergebnis ist ein Urknall: Unter den 400 besten Studenten war nicht ein einziger der Elite-Uni. Dieser Moment, sagt Thrun später, habe alles verändert. Er zeigt ihm, wie viele Talente es da draußen in der weiten Welt gibt, die nicht die Chance haben, von den besten Köpfen zu lernen. Obwohl er selbst zu den Privilegierten gehört, hat sich Thruns Blick auf das Bildungssystem seitdem verändert. Er ist gegen eine Ausbildung nur für Eliten, gegen hohe Studiengebühren und Noten hält er für einen Fehler. Also schmeißt er seinen Job in Stanford und gründet seine eigene Online-Universität: Udacity. Aufbruch und Neuanfang. Wie ein roter Faden zieht sich dieses Schema durch Thruns Leben. Seine Neugierde hat ihn zu einem der wichtigsten Architekten unserer Zukunft gemacht. Der Deutsche ist ein unerschütterlicher Optimist und wenn er sagt „ich schaue nicht nur Science Fiction, ich mache sie“, dann ist das nur halb im Scherz gemeint. In seiner Jugend programmiert er Taschenrechner. Aber bald strebt er nach Höherem: Er will Maschinen intelligent machen Sebastian Thrun kommt am 14. Mai 1967 in Solingen zur Welt. Die ersten vier Jahre seines Lebens verbringt er in Opladen, dann sechs im kleinen Örtchen Blecher im Bergischen Land. Hier wird er 1973 eingeschult: Klasse 1b bei Frau Hebenbrock. Noch heute schütteln seine Klassenkameraden von einst den Kopf, wenn sie darüber nachdenken, was aus dem kleinen Sebastian geworden ist. Knapp 2000 Menschen leben in dem Stadtteil der Gemeinde Odenthal im Rheinisch-Bergischen Kreis. Es gibt hier einen Rosenmontagszug, den das Festkomitee Bergische Jecken veranstaltet, der TV Blecher 04 bietet Sport an – und es gibt natürlich den nahe gelegenen Altenberger Dom. „Ich liebe den Dom“, sagt Thrun. „An Tagen wie Weihnachten oder Ostern von Blecher aus dorthin zu gehen, war eines meiner Highlights.“ Blecher liegt oberhalb von Altenberg, zum Dom führt ein kleiner Waldweg. Er ist relativ steil, aber nicht nur für Kinder ist die Natur ein Traum. Schon damals fällt den Lehrern Thruns besondere Begabung auf. Er sei ein sehr guter Schüler gewesen, heißt es – vor allem in Mathematik. „Sebastian war immer der, den man gefragt hat, wenn man mal etwas nicht verstanden hat“, erinnert sich seine frühere DER VISIONÄR Sebastian Thrun wird am 14. Mai 1967 in Solingen geboren. Er wächst in Opladen und Blecher auf, einem Stadtteil der Gemeinde Odenthal. Hier wird er 1973 in der Grundschule Burg Berge eingeschult – auf dem Klassenfoto ist er der Junge mit der Brille. Sein Diplom und die Promotion in Informatik und Statistik an der Uni Bonn schließt er 1995 mit summa cum laude ab. Im Alter von 27 Jahren wandert Thrun in die USA aus. Nach einer Station an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh wechselt er 2003 als Associate Professor nach Stanford. Zwei Jahre später gewinnt ein von ihm mitentwickeltes Fahrzeug ein Rennen von Roboterautos. Kurz danach baut Thrun für Google das geheime Forschungslabor Google X auf, das zahlreiche Technologien des IT-Konzerns entwickelt. 2011 steigt er mit einer weltweiten Internetvorlesung über künstliche Intelligenz in das Projekt Udacity ein, eine Online-Universität, an der renommierte Professoren zunächst kostenlos unterrichten. Sein neuestes Projekt sind fliegende Autos. Die batteriebetriebenen Oktokopter haben bereits mehr als 1000 Testflüge hinter sich.

RHEINISCHE POST | WIRTSCHAFT NR. 08 JULI 2017 MENSCH & WIRTSCHAFT | 23 Mitschülerin Heike Hendricks. Sie wohnt damals nur wenige Meter von der weißen Doppelhaushälfte der Thruns entfernt. Auf Sebastians Geburtstagspartys ist sie als einziges Mädchen eingeladen. Er sei ein richtiger Nerd gewesen, sagt sie, der viel mit Baukästen von Fischertechnik gespielt habe. Nach der Grundschule verlieren sie sich aus den Augen, Thrun wechselt erst nach Leverkusen auf das Freiherr-von-Stein-Gymnasium und zieht später mit seinen Eltern und seinen zwei Geschwistern nach Hildesheim. Als Jugendlicher ersetzt er Fischertechnik durch einen Taschenrechner von Texas Instruments. Beim TI-57 kann man damals 50 Programmierschritte eingeben. Noch heute erzählt Thrun von den ungezählten Stunden, die er mit seinen Experimenten auf dem Gerät zubringt. Doch das reine Eintippen von Code-Zeilen reicht ihm irgendwann nicht mehr. Er studiert zwar erst in Hildesheim und später an der Uni Bonn Informatik und Statistik (den Doktorabschluss macht er natürlich mit „summa cum laude“), doch ein anderer Superrechner fasziniert ihn irgendwann viel mehr: das menschliche Gehirn. Wie kann es gelingen, Maschinen intelligenter zu machen? Thruns Antwort darauf bekommt die Welt 2005 zu sehen. Er ist zu dieser Zeit bereits Professor für künstliche Intelligenz in Stanford, nachdem er mit 27 Jahren in die USA ausgewandert ist. Nun nimmt er mit einem Forscherteam an der vom US-Verteidigungsministerium gesponserten „Darpa Grand Challenge“ teil, einem Rennen zwischen autonom fahrenden Roboterautos. Die unbemannten Fahrzeuge der Teams müssen dabei eine Strecke von 132 Meilen durch die Mojave Wüste im Südwesten der USA zurücklegen. Sechs Stunden und 53 Minuten braucht „Stanley“, wie der umgebaute VW Touareg von Thruns Team getauft wird, vom Start bis ins Ziel. 22 Konkurrenten lässt er am Ende hinter sich. Das ist der Sieg. Als er die Rallye der Roboterautos gewinnt, macht Google ihm ein Angebot: Er wird Leiter einer geheimen Forschungseinheit Wer weiß, wie das Leben des Deutschen verlaufen wäre, wenn damals in Nevada jemand wie Ferdinand Piëch auf ihn zugekommen wäre, der damalige Aufsichtsratschef und Großaktionär von Volkswagen. Der Autobauer hatte das Team beim Wettbewerb unterstützt, VW-Forscher halfen bei der Entwicklung, das Fahrzeug wurde in den VW-Werkstätten gebaut. Was wäre also gewesen, wenn Ferdinand Piëch gesagt hätte: „Herr Thrun, bleiben Sie ruhig in den USA, aber helfen Sie Volkswagen dabei, der erste Autobauer zu werden, der autonom fahrende Autos in Serie baut. Sie bekommen von uns jegliche Unterstützung.“ Vielleicht hätten sie sich dann darüber unterhalten, dass schon Thruns erstes Auto ein VW-Käfer war. Vielleicht hätte Thrun sich dann überzeugen lassen. Und vielleicht würde dann heute alle Welt aus einem erfreulicheren Anlass als dem Diesel-Betrug über Volkswagen reden. Stattdessen ist es Larry Page, der sich bei Thrun meldet. Der Google-Gründer und der Stanford-Professor kommen miteinander ins Gespräch – und wenig später beginnt Thrun damit, das geheime Forschungslabor Google X aufzubauen. Es ist ein Paradies für den Technikoptimisten Thrun: Hier kann er seine Ideen in die Realität umsetzen. In den darauffolgenden Jahren wird in dem Labor nicht nur das selbstfahrende Auto entwickelt, sondern auch die Datenbrille Google Glass und eine Kontaktlinse, mit der sich der Blutzuckerwert messen lässt. Selbst an der Erfindung des dreidimensionalen Kartendienstes Google Street View ist Thrun beteiligt. „Ich liebe es, neue Dinge zu lernen“, sagt der Erfinder einmal in einem Interview über sich selbst. Es sei wie beim Bergsteigen: Das Klettern mache immer mehr Spaß, als auf dem Gipfel zu stehen. Wer nach dem Grund sucht, warum Thrun Udacity gründet, statt einfach auf dem angesehenen Professoren-Posten in Stanford zu bleiben – hier hat er ihn. Für Menschen wie ihn wurde das Silicon Valley erschaffen. Fragt man ihn, was er an Deutschland vermisse, sagt er, dass es dort das bessere Essen und das bessere Bier gebe. „I miss German Gemütlichkeit.“ Fragt man ihn jedoch, welchen Unterschied es zwischen Deutschland und dem Silicon Valley gibt, klingt es nicht so, als habe er häufig Heimweg: Im Silicon Valley, sagt Thrun, sei man bereit, alle Regeln infrage zu stellen. Darauf versteht auch er sich. Shernaz Daver, die Marketing-Chefin von Udacity sagt in einer Dokumentation über den Deutschen: „Das Tolle an Sebastian ist, dass er flexibel ist.“ Was das bedeutet, kann man an der Online-Universität sehen: Denn die ist zunächst weniger erfolgreich als erhofft. Nur wenige schließen die Kurse tatsächlich ab, das Interesse bleibt geringer, als es der erste Ansturm erwarten lässt. Also tun Thrun und sein Team das, was man im Silicon Valley als „pivoting“ bezeichnet – sie machen eine radikale Kehrtwende und justierten nach. Inzwischen bietet Udacity Kurse an, mit denen Unternehmen wie Facebook oder Amazon ihre Mitarbeiter wei- terbilden. „Wir sind quasi die Universität von Silicon Valley geworden“, erklärt Thrun stolz der Wochenzeitung „Die Zeit“. Mit den Programmen kann man sich zum Entwickler selbstfahrender Autos weiterbilden lassen, zum Ingenieur für künstliche Intelligenz oder auch zum App-Programmierer. Erwachsenenfortbildung sei ein Segment, um das sich niemand kümmert, sagt Thrun: „Noch sind wir am Anfang, aber in 20 Jahren werden sich Arbeit und Lernen sehr vermischen. Es wird nicht mehr reichen, einmal im Leben zur Uni zu gehen.“ Thrun glaubt zwar nicht, dass Maschinen alle Menschen ersetzen werden – aber viele. Das betont er immer wieder. Er sorgt sich, welche Auswirkungen diese Entwicklung haben wird, für die Arbeitswelt und für die Gesellschaft an sich. So war er schon immer. Nach allem was man weiß, ist er keiner wie Uber-Gründer Travis Kalanick, der zuletzt bei dem Taxidienst wegen seines fragwürdigen Führungsstils und der daraus resultierenden Unternehmenskultur zurücktreten musste. Ich schaue nicht nur Science Fiction. Ich mache sie Sebastian Thrun Thrun wirkt einfach nur nett. „Wenn die Chaoten in unserer Klasse mal einen Schwächeren im Visier hatten, dann war es Sebastian, der eingegriffen und den Streit geschlichtet hat“, sagt seine Schulfreundin Heike Hendricks. Ein Außenseiter sei er deswegen nicht gewesen. Obwohl ein Nerd, sei er beispielsweise auch nicht unsportlich gewesen. „Bei Bundesjugendspielen hat er immer eine Urkunde bekommen.“ Bis heute macht Thrun viel Sport. Er fährt zwar Tesla, aber auch viel mit dem Fahrrad. Fotos zeigen ihn beim Skifahren, Surfen oder dabei, wie er den Mount Rainier erklimmt, einen Viertausender im US-Bundesstaat Washington. Er hat ein Faible für Geschwindigkeit und Bewegung – egal ob sie von einem Menschen kommt oder einer Maschine. Etappenziel: Mit dem Sieg im Rennen der Roboterautos hat Sebastian Thrun 2005 angedeutet, wozu die Technologie in der Lage ist. Sein nächstes Ziel: fliegende Autos. Im Silicon Valley sind sie es gewohnt, groß zu denken. Thrun ist sich sicher, dass Krebs noch zu seinen Lebzeiten besiegt sein wird Deshalb arbeitet er auch schon am nächsten großen Projekt: fliegenden Autos. Während die deutschen Hersteller mühsam versuchen, Angreifer wie Google oder Uber abzuwehren, widmen sie sich im Silicon Valley bereits einer neuen Revolution – und wieder sind Thrun und Larry Page mitten drin. „Kitty Hawk“ heißt das von Page finanzierte Startup. Schon Ende des Jahres sollen die ersten fliegenden Autos verkauft werden. Bei Twitter zeigt Thrun die Erfolge: Es ist eine Mischung aus Jetski und kleinem Wasserflugzeug, mit dem er und seine Kollegen dort immer wieder starten. Mehr als 1000 erfolgreiche Testflüge haben sie bereits hinter sich. Der Fahrer sitzt dabei über zwei Tanks, acht batteriebetriebene Propeller lassen das Gefährt fliegen. Der Lärm ist so laut wie bei einem Speedboot. Bislang hat nur eine Person auf der Flugmaschine Platz. Es ist eine Testversion, das endgültige Produkt soll leiser sein und anders aussehen. Die Geschwindigkeit, mit der im Silicon Valley an der Zukunft gebaut wird, ist immer wieder erstaunlich. Angeblich hat Thrun mal eine Liste geschrieben, auf der 20 Bereiche stehen, in denen sich die Welt verändern lässt. In ruhigen Stunden, schreibt der „Spiegel“, nehme sich Thrun die Liste und überlege, was er dafür erfinden müsse. Fragt man ihn, welche großen Neuerungen uns erwarten, spricht er nicht von Sprachsteuerungen wie Amazons Alexa oder virtueller Realität. Er denkt größer: „Ich sage voraus, dass wir noch zu meinen Lebzeiten die meisten Krebsarten heilen können. Und wir werden hoffentlich Reaktoren bauen, die Energie per Kernfusion erzeugen.“ Vielleicht ist es wirklich so, wie Thrun sagt: Wenn man einmal die rote Pille genommen hat, kann man nicht mehr zurück.

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