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Wirtschaft in NRW

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8 | UNTERNEHMEN

8 | UNTERNEHMEN RHEINISCHE POST | WIRTSCHAFT NR. 08 JULI 2017 „Vertrauen ist der Schlüssel“ VON REINHARD KOWALEWSKY Herr Grünewald, Deutschland ist das Land der Ingenieure, aber auch die Grünen wurden hier erstmals eine wichtige Kraft. Wie passt das zusammen? Stephan Grünewald: Wir sind ein zutiefst schöpferisches Volk, aber unsere Motivation ist anders als bei den Amerikanern: Der dortige Zweckoptimismus und der damit verbundene technologische Fortschritt gründen sich in der Zuversicht auf eine bessere Zukunft. Die Deutschen sind eher von Zweckpessimismus getrieben. Mit ängstlichem Argwohn antizipieren wir, was alles schiefgehen könnte. Unsere Innovationen haben das Hauptziel, unser Leben sicherer zu machen. Darum spielt auch die Ökologie hier so eine besondere Rolle. Trotzdem sind die Grünen bei den Wahlen in NRW abgestürzt. Grünewald: Wir müssen gesellschaftliche Trends und Parteien auseinanderhalten. Ökolebensmittel sind extrem gefragt, grüner Strom ist ein Trendprodukt, die Gesellschaft ist so grün wie nie. Die Grünen als Partei müssen sich dagegen neu erfinden: Ihr wichtiger Kampf für die Natur hat sich zu sehr gegen die Natur des Menschen gerichtet. Sie sind zu lebensfernen Verbotspredigern geworden, zu einer Partei der Askese. Stephan Grünewald, Mitgründer des psychologischen Marktforschungsinstituts Rheingold, über die Innovationsscheu vieler Deutscher Rheingold Und jetzt? Grünewald: Mit frischen Ideen, spürbarer Lebensfreude und pragmatischen Köpfen könnten sie wieder Zuspruch gewinnen. Das zeigen die Beliebtheit von Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg oder der Zuspruch für Robert Habeck in Schleswig-Holstein. Sind die Deutschen weniger digitalaffin als andere? Grünewald: Mit solchen Pauschalurteilen wäre ich vorsichtig. Gerade im Umgang mit Smartphones sehen wir eine regelrechte Begeisterung. Diese digitale Prothese macht den Menschen zum Halbgott mit fast unbegrenzten Fähigkeiten und Kontaktmöglichkeiten. Das kommt auch im Land der Dichter und Denker gut an. Und wie sehen die Deutschen die gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung? Grünewald: Sehr gespalten. Einerseits wissen sie, dass das Leben besser werden kann, dass autonom fahrende Autos weniger Unfälle haben könnten, dass wir Krankheiten besser bekämpfen können. Andererseits sehen sie als Schreckgespenst natürlich die Gefahr von Jobverlusten und des Verlustes der persönlichen Freiheit. Die Menschen fürchten, die Geister, die sie riefen, nicht mehr beherrschen zu können. Also rufen sie nach der Politik. Viele Manager fordern ein bedingungsloses Grundeinkommen als Ausgleich für den Verlust von Jobs. Grünewald: Wenn tatsächlich droht, dass 30 bis 40 Prozent der Arbeitsplätze durch Roboter, Maschinen und Algorithmen wegfallen, muss etwas geschehen. Eine undifferenzierte Alimentierung von Arbeitslosigkeit halte ich aber für fragwürdig. Die Menschen wollen etwas Sinnvolles aus ihrem Leben machen. Also ist wichtig, durch bessere Bildung allen Menschen das Rüstzeug für interessante Aufgaben in der digitalen Welt mitzugeben. Die Wirtschaft muss besser erklären, wieso sie manche Dinge tut Stephan Grünewald Postchef Frank Appel meint, der Staat solle besser Jobs in Umweltschutz, Pflege oder im Bildungswesen finanzieren statt tatenloses Zuhausesitzen. Grünewald: Ich sehe da keinen absoluten Gegensatz. Wenn wichtige gesellschaftliche Aufgaben erledigt werden müssen, dann sollten wir das anpacken und damit vielen Menschen eine sinnvolle Beschäftigung geben. Gleichzeitig müssen sie Sicherheit im Umbruch haben. Das spricht für ein Grundeinkommen zumindest in Übergangszeiten – abgesehen davon, dass wir mit unseren Sozialleistungen bereits teilweise in eine solche Richtung gehen. Viele Menschen sorgen sich vor Hyperkapitalismus, der eigene Arbeitgeber dagegen ist meist sehr beliebt. Was ist der Grund dafür? Grünewald: Der Schlüssel ist Vertrauen – und das entsteht in persönlichen Beziehungen. Wenn Menschen in ihrer Firma das Gefühl haben, dass es gegenseitige Wertschätzung gibt, schafft das Vertrauen. Gleichzeitig sehen wir großes Misstrauen gegenüber manchen sehr großen Konzernen. Die müssen also den Dialog mit ihren Kunden mehr suchen. Und die Wirtschaft muss insgesamt besser erklären, wieso sie manche Dinge tut. Bayer gilt als eines der solidesten deutschen Unternehmen. Jetzt kauft es den umstrittenen Gentechnikkonzern Monsanto. Droht da eine Imagekrise? Grünewald: Ja, klar. Bayer muss intern und nach außen zeigen, dass die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft und einer langfristigen Strategie weiterhin gelten. Sonst wird Vertrauen vernichtet wie schon beim Lipobay-Skandal vor anderthalb Jahrzehnten. Bayer muss extrem aufpassen, dass es im neuen Gesamtkonzern keinen Skandal gibt. So wie die VW-Abgasaffäre? Grünewald: Ja, die Folgen dieses Betrugs werden die deutsche Wirtschaft und VW noch lange belasten. Bisher galten wir als extrem zuverlässig bei hoher Qualität. Jetzt müssen wir dagegen immer wieder belegen, dass „Made in Germany“ wirklich Spitze ist. Um von den USA zu lernen, bauen immer mehr deutsche Konzerne kleine Technikfirmen außerhalb der eigentlichen Firmenhierarchie auf. Gut so? Grünewald: Ich halte das für schlau. Im gut organisierten Deutschland können große Konzerne ein Innovationsklima am besten wecken durch einen Freiraum jenseits der etablierten Strukturen. Das sehen wir etwa bei Rewe oder Metro. Die Frage ist aber, wie ich neue Ideen dann in die Gesamtorganisation einbringe. Da müssen eben Leute aus der alten Hierarchie ein Praktikum machen. Und der Vertrieb muss die Innovationen dann begierig vermarkten. Zum Abschluss noch eine politische Frage: Sie sahen es vor sechs Monaten als möglich an, dass die AfD wegen der Flüchtlingskrise stärker als die SPD wird. Und jetzt? Wer gewinnt die Bundestagswahl? Grünewald: Der AfD-Hype hat sich gelegt, weil die Angst vor den Flüchtlingen durch die vor den Erdogans, Putins oder Trumps dieser Welt ersetzt wurde. Davon profitiert derzeit Angela Merkel, die wie eine Raubtierdompteuse erlebt wird. Allerdings ändern sich die Stimmungen schneller als je zuvor. Zu Jahresbeginn war Martin Schulz noch sehr beliebt, weil er eine Aufbruchstimmung zu verkörpern schien und Sorgen vor sozialer Ungleichheit aufgriff. Den Ausgang der Bundestagswahl halte ich darum für völlig offen.

Branchencheck RHEINISCHE POST | WIRTSCHAFT NR. 08 | JULI 2017 | SEITE 9 Hoffen auf den Hafen Duisburg will das schlechte Image abschütteln – mithilfe seiner Stärke als Logistikumschlagplatz. SEITE 10 Sie sind klein, flexibel und angriffslustig: Fintechs krempeln das Bankgeschäft um. Für die Platzhirsche werden sie zum Motor der Modernisierung. VON GEORG WINTERS Wer heute noch eine Bankfiliale betritt, um seine Finanzgeschäfte zu erledigen, gilt unter Digitalfetischisten als aus der Zeit gefallen. Ein Konto geht ja nur noch online, einen Kredit schließt man natürlich per App ab (nachdem man sich vom Berater in der Videokonferenz über das Angebot hat aufklären lassen) und wenn man bezahlt, dann nicht mit Bargeld, sondern selbstverständlich mit dem Smartphone. Mitunter fragt man sich schon, ob es noch schick ist, sich als Nutzer von EC- und Kreditkarte zu outen. Und ob man überhaupt die Banken noch nötig hat. Wie sagte doch einst Microsoft-Gründer Bill Gates: „Banking is necessary, banks are not.“ – Man braucht das, was die Banken tun, aber nicht die Banken selbst. Werden sie von der Digitalisierungswelle weggefegt? So schlimm wird es nicht werden. Aber: Die zunehmende Digitalisierung der Finanzbranche ist von den Fintechs ins Rollen gebracht worden – von kleinen, modernen Unternehmen, die die Welt der Finanzen mit der des Internets verknüpft haben. Den Startknopf haben in den 90er-Jahren die Banken noch selbst mit dem Online-Banking gedrückt. Die Fintechs haben daraus im Laufe der Jahre viele andere Angebote entwickelt: Geldanlagen, bei denen man online entscheidet, welchem europäischen Partner seines Fintechs man sein Geld anvertrauen will, Prämiensysteme, bei denen Unternehmen ihre Mitarbeiter mit Gutscheinen statt Geld belohnen, Robo-Advisors, also digitale Berater, die aus den Daten des Kunden das (vermeintlich) beste Anlageportfolio basteln. Zu den bekanntesten gehört der Online-Bezahldienst Paypal, den viele seit Jahren bereits nutzen, um ihre Einkäufe bei Amazon, Apple und Co. zu zahlen. Über Jahre hinweg traten die Fintechs als Konkurrenten der großen Banken auf, von denen manche zumindest hinter vorgehaltener Hand einräumen, dass sie beim Thema Digitalisierung noch hinterherhinken. Ein Großteil hat die Zeichen der Zeit offensichtlich immer noch nicht erkannt: Einer Studie des IT-Branchenverbandes Bitkom zufolge hält nämlich nur jeder vierte Finanzexperte die Start-ups für eine ernsthafte Konkurrenz. Das mag auch damit zusammenhängen, dass von den vielen Fintechs, die den Markt in der jüngeren Vergangenheit überschwemmten, eine ganze Reihe nicht überlebt hat – nicht zuletzt, weil sie sich gegenseitig kaputtmachen. Den Trend ändert das aber nicht. Andere haben das längst erkannt: Die Unternehmensberatung PriceWaterhouseCoopers veröffentlichte jüngst die Ergebnisse einer Illustration: Malte Knaack; dpa Sparschwein 4.0: Fintechs, Anbieter unterschiedlichster Finanzdienstleistungen im Internet, benötigen keine Banklizenz für ihre Geschäfte. Das macht sie wendig – trotzdem kommen sie nicht ohne klassische Banken aus. Du sollst digital sein Umfrage, der zufolge fast jeder zweite Finanzdienstleister weltweit mit einem oder mehreren Fintechs zusammenarbeitet. Der Anteil sei binnen eines Jahres von 32 auf 45 Prozent gestiegen, heißt es. Der Vorteil der Fintechs: Sie brauchen keine Banklizenz. Aber: Natürlich brauchen sie Geld, um Wachstum zu finanzieren, um Apps zu verbessern. Sie brauchen also Investoren, und da ist eine Schnittstelle zwischen der alten und der neuen Geldwelt. Die einstigen Konkurrenten werden immer häufiger zu Partnern und längst hat die Bankbranche erkannt, dass die belächelten Finanzbuden für sie zum Segen werden könnten. Die Fintechs sind die Innovationstreiber, die den Etablierten neue Technologien bringen und damit deren Produktangebot erweitern. Außerdem helfen sie ihnen, Kosten zu sparen. Die Fintechs wiederum erhalten Zugriff auf das vielleicht wichtigste Faustpfand, das die klassischen Geldhäuser noch in der Hand halten – den Kundenstamm. Win-win nennt man das, also eine Situation, in der beide Seiten profitieren. Jedenfalls noch. Denn immer weniger beschränken sich die Emporkömmlinge darauf, den Etablierten als Dienstleister zu helfen, immer mehr dringen Fintechs in die einstigen Domänen der Banken vor. Erst waren es die Privatkunden, dann die Firmenkunden, mittlerweile auch Städte und Gemeinden. Auf Kreditplattformen im Internet werden Kreditnehmer und Investoren zusammengebracht, und es sind nicht selten die Banken selbst, die die Kunden an diese Plattformen weiterreichen – sei es, weil ihnen der Mittelständler zu klein ist, sei es, weil das Risiko zu groß ist. Gegen die naheliegende Vermutung, die traditionellen Kreditinstitute ließen ihnen nur das besonders riskante Geschäft übrig, wehren sich die Betreiber der Plattformen allerdings: „Wir sind deutlich schneller und unbürokratischer als Banken“, sagt Tim Thabe, Geschäftsführer der Kreditplattform Creditshelf. Crowdlending nennt man das, was Creditshelf und Co. betreiben. Allerdings wollen die Investoren auch Rendite sehen, und sie dürften sich nicht mit Verzinsungen zufrieden geben, die Banken notgedrungen heute im Kreditgeschäft akzeptieren. Also muss der Kreditkunde wohl tiefer in die Tasche greifen. Erst wurden Fintechs belächelt, dann gefürchtet. Inzwischen erkennen die Banken, dass sie ihre Partner sein können Der neueste Trend: Ausgerechnet Banken und Fondsfirmen, die lange Zeit die digitale Beratung der Kunden scheuten wie der Teufel das Weihwasser, bedienen sich zunehmend der Robo-Advisors als Vertriebsform der Zukunft. Die Deutsche Bank beispielsweise will im Sommer nicht nur ihre eigene Vermögensverwaltung auch digital an den Start bringen, sondern bei ihrer Tochter Deutsche Asset Management auch mit einem externen Digitalberater zusammenarbeiten. Je nachdem, wie der Kunde das wünscht, mischt da noch ein Homo sapiens der Deutschen Bank mit oder nicht. Auch die Commerzbank erwägt ein digitales Asset Management, Union Investment, die Fondsgesellschaft der Volksbanken, ebenfalls. Die Allianz und die Sparkassen-Fondsgesellschaft Deka haben schon Partner gefunden. Die Frage, die sich Kunden am Ende selbst beantworten müssen: Wollen sie ihre Geldanlagen wirklich von einem Algorithmus betreuen lassen, der das Urteil darüber fällt, wie sinnvoll ein Investment ist? Weil er frei von Emotionen ist, jede Anlageentscheidung nur nach den Prinzipien der Logik fällt? Bei der Frage fühlt man sich an den Thriller „Angst“ des amerikanischen Autors Richard Harris erinnert. Darin geht es um „Vixal 4“, ein Computerprogramm, das pausenlos alle Datenströme dieser Welt durchforstet, um künftige Verhaltensweisen von Marktteilnehmern zu prognostizieren. Das Programm folgt indes einem einzigen Parameter: der Angst. Diese Angst, die die Investoren zu Lemmingen macht, ist für „Vixal 4“ das Instrument, um Milliarden zu machen, weil es selbst die Angst nicht kennt. Ein Maschinenmonster, dessen Eigenleben am Ende alles zu zerstören droht und deshalb von seinem Schöpfer selbst zerstört wird. Eine aberwitzige Idee für Otto Normalkunde – aber nicht für Digitalfetischisten.

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